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Leitartikel
03/06/2021

Ich lade gern mir Gästinnen ein

Wenig erregt die Gemüter so sehr wie Änderungen der Sprache. Political Correctness schießt oft übers Ziel. Muss sie wohl.

von Gert Korentschnig

Am Montag ist Frauentag.

Haben Sie schon aufgehört zu lesen?

Der Frauentag polarisiert enorm. An allen denkenden (und auch nicht denkenden) Fronten. Mittlerweile plädiert die Feministin Alice Schwarzer dafür, ihn abzuschaffen, weil er „gönnerhaft“ und „verächtlich“ sei. Die Meinung eines Y-Chromosom-Trägers: Solange Frauen verbaler Gewalt und Sexismus im Alltag und im Netz ausgesetzt sind, solange sie im Job schlechter bezahlt werden, solange eine Familien-Managerin weniger gilt als eine im Büro, ist jede Gelegenheit wichtig, gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen (was leider manchmal wiederum neue Ungerechtigkeiten gegenüber Männern erzeugt).

Das führt uns direkt zu weiteren polarisierenden Themen: zum Gendern in der Sprache und zur political correctness. Mittlerweile ist es ja schon so weit gekommen, dass sogar jemand, der professionell mit Sprache zu tun hat und gegen verbale Diskriminierung auftritt, nicht mehr weiß, was gerade en vogue ist. Weibliche und männliche Formen nebeneinander zu verwenden, also von Journalistinnen und Journalisten zu sprechen – das ist wohl eine Selbstverständlichkeit. Aber das Gendern mit Sternderl, etwa im Wort Leser*innen – ist das besser als das Binnen-I? Oder als der Doppelpunkt bei Leser:innen? Und wie sehr wird die LGBTQIA-Bewegung, die Geschlechts-Identitäten differenziert, fürderhin Sprache noch beeinflussen?

Der Duden hat einen kühnen Schritt gesetzt, indem er in der neuen Online-Version allen männlich-dominierten Formen ein weibliches Pendant gegenüberstellt. So gibt es ab sofort die Gästin – und Musikliebhaber fragen sich, ob sich Prinz Orlofsky in der „Fledermaus“ künftig gern Gästinnen einlädt.

Dazu muss man wissen, dass die Gästin bereits im Wörterbuch der Gebrüder Grimm vorkam und auch schon Jahrhunderte davor existierte. Die männlich dominierte Gesellschaft hat sie aber verbannt.

Die Geister*innen scheiden sich aber auch an Fragen, die nur vordergründig mit Literatur zu tun haben. Darf eine Weiße das Werk einer schwarzen Autorin, etwa von Amanda Gorman, übersetzen? (In den Niederlanden zog sich die dafür vorgesehene Schriftstellerin, immerhin Booker-Prize-Trägerin, nach heftigem Widerstand zurück.) Wie geht man mit Kinderbüchern (z. B. von Dr. Seuss) um, die heute verpönte Ansichten enthalten? Nicht mehr drucken?

Tausende Beispiele ließen sich finden, wie sehr das Bemühen um Korrektheit oft übers Ziel schießt. Und sogar Spott liegt nahe, welche Begriffe denn im Gegenzug eine männliche Version erhalten müssten (Liebe? Sonne?). Aber Bewusstsein schafft man nur durch solche Debatten. Und wer nicht zu viel fordert, bekommt am Ende gar nichts.

Sprache schafft Realität, sie ist Leben und lebendig. Nicht nur rund um den Frauentag.

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