© REUTERS/KACPER PEMPEL

Meinung
10/04/2021

Holocaust-Gedenken: Auch in Demut kann man erstarren

Dass Österreich im KZ Auschwitz mit der neuen Länderausstellung seine Täterrolle eingesteht, war überfällig. Die Debatte aber muss heute dort geführt werden, wo sie wehtut

von Konrad Kramar

Ein SS-Verbrecher als Mitglied einer Bundesregierung; ein Bundespräsident, über dessen Schreibtisch einst Befehle zum Abtransport ins KZ gingen; ein NS-Arzt und Kindermörder als angesehener Mediziner und Wissenschafter: Selbst, wer aufgrund fortgeschrittenen Alters all das persönlich erlebt hat, tut sich heute schwer zu verstehen, dass es ein Österreich gab, in dem das möglich war. Die nun eröffnete neue Länderausstellung im Konzentrationslager Auschwitz liefert im Zentrum des nationalsozialistischen Massenmords ein längst überfälliges Eingeständnis. Dass Tausende Österreicher Vordenker, Täter und Handlanger des Holocaust waren, ist heute Grundverständnis dieser Republik. 30 Jahre nachdem der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky erstmals dem Mythos von Österreich als Opfer des Nationalsozialismus widersprach, ist die Anwesenheit der Spitzen der Republik in Auschwitz ein Staatsakt, den dieses Land gelassen abnickt.

Österreich hat sich in seiner Rolle als Mittäter inzwischen ebenso eingerichtet, wie es sich einst in jener als Opfer eingerichtet hatte. Heute ist die Rückgabe der von den Nazis geraubten Kunstwerke eine knifflige Angelegenheit für Historiker und kein heikles Thema für politische Debatten. Dass die Nachkommen geflohener jüdischer Österreicher heute wieder unsere Staatsbürgerschaft bekommen, ist eine Geste, die rührt – und niemanden mehr provoziert.

In unserem Umgang mit dem Nationalsozialismus steckt heute längst mehr Gelassenheit als Betroffenheit – und das birgt auch Gefahren. Die Auseinandersetzung mit totalitärem Denken, mit Verbrechen gegen die Menschlichkeit, mit der Aushöhlung demokratischer Grundrechte darf nicht allein den Gedenktagen in Auschwitz und Mauthausen überlassen werden. Denn dafür sind all diese Probleme viel zu präsent, spalten unsere Gesellschaft oft mehr, als wir es uns gerne eingestehen wollen.

Dass der Holocaust ein historisch einzigartiges Verbrechen ist, kann uns nicht daran hindern, die Botschaft, die uns die Geschichte geschickt hat, auf die Gegenwart umzulegen. Wie gehen wir damit um, dass in Nachbarländern die Demokratie ausgehöhlt wird? Wann machen wir uns mitschuldig, wenn wir das Leiden von Kindern in Flüchtlingslagern tatenlos hinnehmen? Wann müssen wir gegen totalitäres Denken oder die Missachtung von Frauenrechten in unserer Gesellschaft einschreiten, auch wenn es im Namen einer Religion passiert?

Im „Niemals vergessen“, dem Grundsatz, den Österreich erst sehr spät für seinen Umgang mit dem Nationalsozialismus etabliert hat, steckt mehr als die Aufforderung zum braven Gedenken. Es ist die Aufforderung zu einer fortwährenden Debatte – und je schmerzhafter die unsere oft nur scheinbare moralische Eintracht aufreißt, desto besser.

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