Meinung
04.11.2018

Genug geraunzt, suchen wir Lösungen

Journalismus hat viele Probleme mitverursacht. Aber er ist heute so wichtig wie schon lange nicht mehr.

„Der Journalismus ist eine ungeheure Schleudermaschine, die von kleinen Gehässigkeiten in Bewegung gesetzt wird.“

Honoré de Balzac

Ja, es ist wahr, war immer wahr und wird wohl auch fürderhin wahr bleiben: Journalismus ist an vielen (schlechten) Entwicklungen mitschuldig und manchmal sogar Teil des Problems und nicht der Lösung. Durch seine negative Grundhaltung bis hin zum Zynismus hat der Journalismus dafür gesorgt, dass viele Menschen die Realität schlimmer wahrnehmen, als sie wirklich ist. Er hat dadurch manche Populisten erst ermöglicht bzw. groß gemacht, ist also der Faszination des Grauens erlegen. Und er hat sich wohl auch selbst viel zu wichtig genommen, anstatt primär die Entwicklung der Gesellschaft im Auge zu haben. Jede Kritik am Journalismus ist daher nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu nötig.

Dennoch ist Journalismus heute wahrscheinlich so wichtig wie schon lange nicht mehr. In einer Zeit der Desorientierung, in der Hasspostings auf Social Media mit Nachrichten verwechselt werden, in der der mächtigste Mann der Welt klassische Medien zu seinen Feindbildern ausgerufen hat, in der Meinungsvielfalt als Bedrohung und nicht mehr als Grundvoraussetzung gesehen wird, kommt Journalismus wieder eine zentrale demokratiepolitische Bedeutung zu. Auf Fehlentwicklungen aufmerksam zu machen, das globale Ganze im Auge zu haben und nicht nur den internen Kleinkram – das ist in unserer vordergründig globalisierten, aber meinungsmäßig extrem provinziellen Welt essenziell.

Qualitätskurs

Zum Glück gibt es zahlreiche Positivbeispiele, wie Medien richtig und erfolgreich auf die aktuelle politische und ökonomisch bedrohliche Situation reagieren. Die New York Times gewinnt durch ihre klare Haltung innerhalb der gespaltenen US-Gesellschaft nicht nur kontinuierlich an Profil, sondern auch Leser. Auch in Europa werden Verlage für einen klaren Qualitätskurs belohnt.

Ein Vorwurf, der Medien immer wieder gemacht wird, lautet, dass sie der Raunzerei, dem Negativismus, ja sogar der Pornoisierung der Nachrichten, also dem Fokus auf den schnellen Kick, den Vorzug gegenüber seriöser, analytischer und auch konstruktiver Berichterstattung geben. Deshalb versuchen wir es hier mit einer Ausgabe mit zahlreichen Artikeln im Geiste von „constructive journalism“. Das ist das Gegenteil von Schönfärberei und Simplifizierung. Konstruktiver Journalismus bedeutet, Probleme klar zu benennen und Lösungsansätze zu suchen. Sogar bei den „bösen Buben“ dieser Welt, was zugegebenermaßen nicht leicht ist.

 

Machen Sie sich mit uns auf diese Suche, in dieser KURIER-Print-Ausgabe und im Netz. Bewegen wir uns alle mal aus der Raunzerzone und werfen wir Klischees ab wie einen Ballast. Selbst aus den größten Aufregern – siehe die Storys über die „Heldenplatz“-Uraufführung vor 30 Jahren oder die Zwentendorf-Volksabstimmung vor 40 Jahren – kann Konstruktives erwachsen.