© Andrea Lopez-Portillo

Meinung Gastkommentar
09/01/2021

Geschichte wiederholt sich nicht. Sie reimt sich

Was wir aus dem Afghanistan-Debakel lernen können

Mit der Rückkehr der Taliban zur Macht in Afghanistan wird die internationale Intervention als gescheitert betrachtet: 20 Jahre Krieg, Tausende Opfer waren vergeblich; alles ist, wie es war, vor 2001. Dabei wird völlig vergessen, dass dieser Krieg weder legitimiert war durch international geltendes Völkerrecht noch zum erklärten Ziel hatte, die Menschen Afghanistans von den Taliban zu befreien – dies galt, wenn überhaupt, lediglich als Rechtfertigung, niemals aber als Grund zur Intervention.

Der Krieg in Afghanistan, so viel ist sicher, war nie ein gerechter Krieg. Aber kann denn ein Krieg überhaupt gerecht sein? Diese Frage beschäftigt Philosophen seit der Antike. Auf den ersten Blick scheint die Verknüpfung von Krieg und Gerechtigkeit widersprüchlich, schafft doch jede Art der Gewaltanwendung immer nur Leid und Schmerz und damit auch mehr Unrecht als Recht. Unter bestimmten Kriterien jedoch, so schon der griechische Philosoph Platon in seiner Theorie der Harmonie, kann ein Krieg allerdings gerecht sein: Dies ist dann der Fall, wenn eine rechtmäßige Autorität beschließt, Krieg zu führen aus einem gerechten Grund und mit den richtigen Absichten. Was genau rechtmäßig, gerecht und richtig hierbei bedeuten, bleibt jedoch undefiniert, zumindest in der Theorie.

In der Praxis hat die internationale Staatengemeinschaft seit 1945 einen Kompromiss erarbeitet: Ein Krieg ist laut geltendem Völkerrecht nur dann gerecht, wenn die rechtmäßige Autorität, der UNO Sicherheitsrat, einstimmig eine militärische Intervention beschließt. In Bezug auf Afghanistan im Jahr 2001 sowie auf den Irak zwei Jahre später war dies nicht der Fall. Es gab kein Mandat zur Intervention durch den UN-Sicherheitsrat und daher auch keine Legitimierung durch internationales Völkerrecht. Vielmehr waren beide Kriege Koalitionskriege der Weltmacht USA und ihrem treuesten Verbündeten Großbritannien – beides unrechtmäßige Autoritäten.

Trotzdem wird im Allgemeinen immer nur der Irak-Krieg als ungerechter Krieg dargestellt, Afghanistan war in den Augen vieler gerechtfertigt. Genauer betrachtet, waren aber beide Kriege ungerecht, verstießen sie doch nicht nur gegen internationales Völkerrecht, sondern beruhten auch auf völlig falschen Voraussetzungen. Mullah Omar und die Führenden der Taliban-Regierung wurden genauso überrascht vom 11. September wie jeder andere auch. Bin Laden hat sie nie über seine Pläne unterrichtet, vielmehr hat er sich zusammen mit seinen arabischen Mitstreitern rechtzeitig in die Tora-Bora-Berge verschanzt. Geschickt haben sich die Taliban die Ungerechtigkeit dieses Krieges zu eigen gemacht. Dies geschah übrigens nicht zum ersten Mal: wie die westliche Besatzung heute, hat zuvor die sowjetische Intervention zur Emanzipation, das heißt, zur Selbstbefreiung beigetragen. Somit hatte Mark Twain recht, wenn er sagte: „History never repeats itself, but it does often rhyme.“

Kathrin Bachleitner ist Politikwissenschafterin an der Universität Oxford.

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