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Meinung Gastkommentar
03/18/2021

Ein Plädoyer für die Verrücktheit

Kunst ist Nahrung für die Seele. In Krisen hat sie besonderen Stellenwert

Wer kann Emotionen einfangen und reproduzieren und andere an diesem Prozess teilhaben lassen? Wer verwandelt Träume und Visionen in Lehrreiches und Zukunftsträchtiges, hält Rätselhaftes und Flüchtiges auf Papier, in Stein, in Noten oder Worten fest? All das können Künstlerinnen und Künstler. Als Leiter der Österreichischen Kulturforen in Tel Aviv, Brüssel, Paris und Tokio sind mir unzählige faszinierende Kunstprojekte begegnet. Viele davon mit einem gehörigen Anteil an Verrücktheit.

Wie manifestiert sich diese „Verrücktheit“? „Verrückt“ im Sinne von originell, neuartig, mutig, verträumt, irre? Ja. „Verrückt“ im Sinne von verschoben, aus anderer Perspektive, versetzt, abseits des üblichen Pfades? Auch das. Wenn wir auf dem sogenannten „normalen“ Weg nicht vorankommen, leistet der „verrückte Blickwinkel“ oft Hilfe beim Auffinden von Lösungsansätzen. Künstlerinnen und Künstler vermitteln uns diese Sichtweisen. Wir sind auf Energiezufuhr für den Stoffwechsel und die Fortpflanzung zur Arterhaltung angewiesen. Die Einbindung in den Kreislauf des Lebens teilen wir mit allen Lebewesen, von der Bakterie bis zum Buckelwal. Als Menschen haben wir allerdings außerdem das Bedürfnis nach Nahrung für den Geist und für die Seele. Der Homo sapiens wendet seit Jahrtausenden Zeit und Ressourcen für Aktivitäten auf, die nicht dem Überleben per se dienen, sondern der Unterhaltung, der Spiritualität, der emotionalen und intellektuellen Bereicherung. Vielleicht ist es gerade der kreative Ausdruck, der den eigentlichen Evolutionsschritt zum Menschsein markiert. Auch in Extremsituationen wie Kriegen, Gefangenschaft, Trauer oder Krankheit ist es häufig die Beschäftigung mit Kunst und Kultur, die Hoffnung und Lebenswillen gibt. Erschütternde Belege dafür liefern die Berichte von NS-Opfern, denen die kreative Betätigung dabei geholfen hat, unvorstellbare Leiden zu überleben. Die hohe Empfindsamkeit, die sich in künstlerischen Leistungen niederschlägt, ermöglicht uns einen Blick von einem anderen Standpunkt aus. Etwas von dieser „Verrücktheit“ geht somit immer auch auf alle jene über, die nicht in den Schaffensprozess eingebunden waren. Die Corona-Krise hat vieles verändert und uns dazu gezwungen, Prozesse anzupassen. Auch wenn die Sehnsucht nach gemeinsam Erlebtem groß ist, können wir mithilfe der Kunst zumindest für Momente der Realität entfliehen. Vordenker und Anführer dabei sind Künstlerinnen und Künstler. Das kreative Bedürfnis kennt keinen Lockdown.

Was die Kunst bewirkt, lässt sich genauso schwer erfassen und erklären wie die Liebe. Erich Fried hält in seinem Gedicht „Was es ist“ über die Liebe fest: „Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.“ Dennoch gibt es für ihn immer nur eine Antwort: „Es ist was es ist.“ Genau wie die Liebe steckt auch die Kunst voller Widersprüche. Lassen wir uns ein auf das Abenteuer. Ein bisschen Verrücktheit tut uns – ganz besonders in schwierigen Situationen – sehr gut.

Mario Vielgrader ist Direktor des Österreichischen Kulturforums Tokio.

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