© Stephan Doleschal

Gastkommentar
02/24/2021

Blinde Flecken

Wo die Denkmalpflege nicht hinsieht, kann unser aller Leben prägen.

Jedes Auge hat einen Bereich, der keine optischen Reize verarbeiten kann, den blinden Fleck. Dort verbindet der Sehnerv das Auge mit dem Gehirn, das erst das vollständige Bild erzeugt. Was nicht wahrgenommen werden kann, wird ergänzt. Die präzise Bestimmung des eigenen blinden Flecks bedarf einer Funduskopie, eine Augenspiegelung, die man aber nicht selbst durchführen kann. Man braucht einen Spezialisten dazu, auch dann, wenn man selber Experte ist.

Blinde Flecken gibt es auch in der Denkmalpflege – meist durch die eigenen Vorprägungen in der Wahrnehmung. Doch es braucht Denk- und Reflexionsräume vor und nach einem Projekt und die Zeit diese zu nutzen, also die Bereitschaft aller Beteiligten zu einer gegenseitigen Funduskopie.

Entscheidend ist bei beiden, sich der eigenen blinden Flecken bewusst zu werden. Zum einen ist da die normative Kraft bereits gebauter Kompromisse, so zum Beispiel Kunststofffenster, Laminatboden und Baumarktvergoldung, oder plakative Rekonstruktion. Woran das Auge gewöhnt ist, ist oft erste Wahl. Dabei gibt es die historischen Materialien und das zum Einsatz notwendige Fachwissen. Das Ergebnis kann eine authentische Ästhetik in generationenüberdauernder Nachhaltigkeit sein, die jeden unmittelbar berührt. Upcycling kann Gebäude und einzelne Objekte in etwas grandioses Neues verwandelt und dabei eine viel höhere Lebensqualität erzeugt.

Bei der funktionalen, ästhetischen und gedanklichen Anschlussfähigkeit an die Zukunft – aber auch an die Vergangenheit – müssen behutsame Ansätze ihren Platz haben, sonst laufen Planer, Auftraggeber und Nutzer Gefahr, dass sie normierte „Revitalisierungen“ als Norm annehmen und stets nach dieser vermeintlichen Norm bauen.

Aber: Auch „Barock“ muss nicht immer außen gelb gestrichen und innen zur Gänze hochglanzvergoldet und in Pastellfarben gehalten sein. Die mittelalterliche Mauer muss nicht immer steinsichtig, mit künstlich imitierten Fugenstrich gewesen sein und die und die Techniken der einsetzenden Industrialisierung sollten nicht durch Techniken älterer Epochen ersetzt werden. Denkmalpfleger*Innen, Nostalgiker und Liebhaber einzelner Epochen sind hier besonders gefährdet. Bei der vermeintlichen Wiederherstellung des Ursprünglichen fließen die Vorstellungen mit ein. Diese müssen aber so reflektiert sein, dass sie die Seele eines Kunstwerks nicht zerstören.

Reflexion und Kontextualisierung sind probate Mittel, um Schäden durch diesen blinden Fleck zu vermeiden. Denkmalpflege ist die Kunst, das Alte für die Zukunft nutzbar und seine Seele sichtbar zu machen. Es ist die Kunst des Akzeptierens, der Toleranz und der unsichtbaren Eingriffe. Und dafür braucht es eine Lobby, auch wenn das Ergebnis leise und politisch schlecht verwertbar ist.

Elena Holzhausen ist Diözesankonservatorin der Erzdiözese Wien.

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