Fürs Leben gezeichnet

Die Taten im Kinderheim Wilhelminenberg bleiben ungesühnt. Das letzte Verfahren wurde eingestellt.

Fünf Jahre ist es her, dass im KURIER eine erste Geschichte über den Wiener Kinderheimskandal erschien. Mit der Lawine, die folgte, konnte damals niemand rechnen: Dutzende Opfer des 1977 geschlossenen Kinderheims Wilhelminenberg meldeten sich. Sie erzählten schreckliche Geschichten über Gewalt und sexuellen Missbrauch. Viele ehemalige Heimkinder hatten ihr Leben nie in den Griff bekommen und klammerten sich nun wie Ertrinkende an die Journalisten. Weil das von der Redaktion nicht mehr bewältigbar war, wurden damals zwei Psychotherapeutinnen angeheuert, die Hilfeleistung bei den Gesprächen gaben. Diese Woche wurde das letzte Verfahren gegen einen von 17 Beschuldigten eingestellt. Verjährt. Juristisch ist das nachvollziehbar, ethisch aber nicht. Unglaublich, aber wahr: Letztlich wurde niemand vor Gericht gestellt. Einige der Täter sind schon tot. Andere wurden nie zur Verantwortung gezogen und gelten als ehrenwerte Bürger, obwohl man weiß, dass sie zumindest Mitläufer(-innen) waren.

Gerade bei Missbrauch dauert es manchmal Jahrzehnte, bis die Opfer imstande sind, darüber zu reden. Eine Gesetzesreform wäre nötig. Wobei das Thema auch für die Justiz nicht leicht ist – natürlich melden sich auch Betrüger, denen es nur um Entschädigungsgeld geht.

Kardinal Christoph Schönborn hat im KURIER-Interview vor Weihnachten etwas Vernünftiges gesagt: "Es kann für uns keinen Schlussstrich unter dieses Thema geben." Auch die Kirche hat ihre eigene dunkle Geschichte spät und unter Druck, aber dann vorbildlich aufgearbeitet. Die Gemeinde Wien brauchte noch länger – und jetzt erst beginnen Sportinstitutionen mit dem Aufrollen von Missbrauchsfällen. Wer solche Geschichten gehört hat, kann sich nicht vorstellen, dass diese Verbrechen jemals verjähren und Täter ungestraft bleiben, solange die Opfer leiden.

(kurier) Erstellt am
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