Frieden darf nicht tabu sein

Der irische Premierminister Leo Varadkar besucht die Ukraine.
Der Wunsch nach einem Sieg der Ukraine mag gerechtfertigt sein, aber wie viel Leben, Leid und Zerstörung darf dieser Sieg kosten?
Konrad Kramar

Konrad Kramar

Die Opferzahlen sind längst sechsstellig, die mit all diesen Menschenleben bezahlten Geländegewinne kaum größer als Fußballfelder: Der Krieg in der Ukraine ist zu einem blutigen Ringen verkommen, in dem ein Ende weiter entfernt scheint denn je. Die Rufe nach Frieden sind verstummt, seit jene, die sich daran wagten, in Bausch und Bogen als Russlandfreunde, Handlanger Putins, oder altlinke Sektierer gebrandmarkt wurden.

Ein Sieg der Ukraine in diesem von Russland sinn- und grundlos angezettelten Angriffskrieg wurde von den politischen Spitzenvertretern des Westens zum unumstößlichen Ziel erklärt. Die Leben der eigenen Bürger will man dafür zwar nicht opfern, aber Geld und Kriegsmaterial soll es geben, solange jemand da ist, um damit in die Schützengräben einzuziehen. Selbst eigentlich international geächtete Waffen wie Streumunition drückt man den Ukrainern in die Hand.

➤ Mehr dazu: Ukraine setzt Streumunition laut USA "effektiv" ein

Kein Zweifel: Der Wunsch nach einer Wiederherstellung der Ukraine in ihren ursprünglichen Grenzen ist rechtlich und moralisch begründet. Damit aber lassen sich wichtige Grundfragen nicht vom Tisch wischen: Kann ein Krieg, also das planmäßige Töten von Menschen für politische Ziele, überhaupt je Gerechtigkeit und dauerhaften Frieden schaffen – und vor allem für wen? Wie viel Menschenleben darf es kosten, eine Staatsgrenze wieder dort zu ziehen, wo sie die Politik vor ein paar Jahrzehnten hingezeichnet hat.

Fragen wie diese werden heute sehr rasch als naiver Pazifismus abgetan. Schließlich dürften nur die Ukrainer selbst entscheiden, wie lange sie bereit seien, diesen Krieg zu führen und mit welchen Mitteln. Doch ein Krieg, so gerechtfertigt er auch sein mag, ist immer eine Entscheidung politischer Führungen, nicht jener, die ihn kämpfen und im schlimmsten Fall für ihn sterben müssen. Wenn sich die Ukrainer für etwas entschieden haben, dann für eine Zukunft als gleichberechtigter Teil eines demokratischen Europa mit offenen Grenzen und jenen Möglichkeiten, wie sie etwa uns Österreichern offenstehen.

Der Kampf dafür wird erst geführt werden, wenn die Waffen schweigen und die Diplomatie wieder am Wort ist. Dann erst werden wir in Europa wirklich unseren Beitrag für die Zukunft der Ukraine leisten müssen: Das wird viel Geld, viel Vertrauen und wirkliche Partnerschaft mit einem Land brauchen, das wir lange links liegen gelassen haben.

Je länger dieser Krieg dauert, je mehr Tote und Zerstörung es gibt, desto härter wird dieser Weg. Der Frieden wird zuletzt wohl nicht auf dem Schlachtfeld, sondern am Verhandlungstisch gefunden werden. Die Führung in Kiew wird dafür auch schmerzhafte Kompromisse eingehen müssen. Wenn dafür für Millionen von Ukrainern die Tür in eine europäische Zukunft aufgeht, waren sie das wert.

Porträt eines Mannes mit Bart vor dem Hintergrund des „Kurier“-Logos.

Konrad Kramar ist Außenpolitik-Redakteur und ab September neuer Brüssel-Korrespondent des KURIER.

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