© KURIER / Schraml Wilhelm

Leitartikel
09/23/2021

Es ist alles so kompliziert

Ex-Kanzler Fred Sinowatz muss rehabilitiert werden. Corona und Klimaschutz zeigen uns, wie fragil die Welt geworden ist.

von Richard Grasl

Ab heute beginnen wieder die weltweiten Klimastreiks, hunderttausende Menschen gehen auf die Straße. Gut so, denn in den quälenden Monaten der medialen Corona-Dauerbeschallung ist das Thema Klimaschutz zu kurz gekommen. Längst ist klar, dass die jungen Menschen auf den Demos nicht einfach nur Schule schwänzen wollen, sondern um ihren Lebensraum der nächsten Jahrzehnte kämpfen.

Unternehmen rufen auf, am Klimastreik teilzunehmen, Omas und Opas gehen mit – alles zum Leidwesen der Autofahrer, die sich durch deshalb verstopfte Städte stauen. Hier treffen also Demonstranten direkt mit jenen zusammen, gegen die sie demonstrieren. So einfach ist die Welt.

Leider aber sonst nicht. Corona und der Klimaschutz führen uns derzeit nämlich bitter vor Augen, wie komplex, vernetzt und abhängig unsere Wirtschaft und unser gesellschaftliches System ist. Derzeit sogar zur Potenz, weil Corona-Spätfolgen und erste Einschnitte für den Umweltschutz wie die CO2-Bepreisung zeitgleich aufeinanderprallen. Zieht man irgendwo einen Dominostein aus dem System heraus, stürzen weitere Türme ein oder beginnen bedenklich zu wanken. Ein paar Beispiele gefällig? Wenn Deutschland die Atomkraft abschaltet, schwankt Europas Stromnetz bedenklich, Experten warnen vor einem baldigen Blackout.

Wenn Mikro-Chips fehlen, stehen Deutschlands Autoindustrie und Zulieferbetriebe still. Die in Kurzarbeit geschickten Mitarbeiter müssen fürs Heizen im Winter höhere Kosten tragen und wissen nicht wie. In Frankreich werden neue Gelbwesten-Proteste wegen der stark gestiegenen Energiepreise befürchtet. Der seit Corona explodierende Versandhandel verteuert wegen der Milliarden Kartons das Zeitungspapier, auf dem Sie gerade diesen Leitartikel lesen, um das Dreifache. Und weil im Hafen von Los Angeles dafür Containerschiffe im Stau stehen, ist unser Weihnachtseinkauf bedroht. Dann wird’s richtig ernst.

"Haben wir den Mut, die Komplexität anzusprechen"

Alles hängt mit allem zusammen, hat Naturforscher Alexander von Humboldt vor 250 Jahren gesagt. Kanzler Fred Sinowatz wurde 1983 verspottet, weil er meinte: „Es ist alles sehr kompliziert, so wie die Welt, in der wir leben“. Sinowatz hatte recht und muss posthum rehabilitiert werden. Denn er sagte weiter: „Haben wir den Mut, die Komplexität anzusprechen. Es kann perfekte Lösungen für alles und jeden in einer pluralistischen Demokratie nicht geben“. Auch beim Klimaschutz nicht. Schön, wenn Politiker das zugeben.

Wir wollen auf unserem neuen Online-Klimachannel kurier.at/klima Probleme aufzeigen und Lösungen vorstellen. An einer Entflechtung der Welt, die wir künstlich geschaffen haben, an einer Regionalisierung von Produktion und Handel wird aber kein Weg vorbei führen. Die Klimakonferenz im November in Glasgow wird uns die nächsten Schritte weisen – und hoffentlich Corona aus den Schlagzeilen drängen.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.