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Meinung
12/29/2019

Einmal eine sinnvolle Form des Klimawandels

Die 10er Jahre enden „smart“, die 20er beginnen mit einem Neustart – auch für unser festgefahrenes Image.

von Gert Korentschnig

Halleluja, türkiser Rauch mit ein paar grünen Schwaden über dem Palais des Prinzen Eugen in der Himmelpfortgasse, wo sich das Konklave zurückgezogen hatte, habemus regnum (nach einem gar nicht so schlechten Interregnum). Noch tritt der neue Kanzler mit seinem Vize nicht an die Öffentlichkeit, das wird erst nach den Heiligen Drei Königen passieren. Aber zumindest der Fahrplan bis zur Angelobung scheint festzustehen. Gut, wenn es mit den Spekulationen vorbei ist und selbst die hartnäckigsten Kicklianer kapieren, dass Blau nichts mehr verloren hat in einer Bundesregierung.

Also doch Türkis-Grün. Als der Autor dieser Zeilen nach der Wahl diese Option als bestmögliche bezeichnet hatte, wurde er noch angeschaut wie ein verträumter Außerirdischer. Telefonier’ mal lieber nach Hause zu den grünen Marsmännchen, E. T.


 

Nur vier Prozent hatte im Sommer die Zustimmung für Türkis-Grün betragen. Mittlerweile hat sie sich verzehnfacht, auf mehr als 40 Prozent. Entweder setzt auch in der Politik die normative Kraft des Faktischen oder des Realistischen ein, dass also etwas gut sein muss allein dadurch, dass es ist. Oder das PR-Genie Kurz hat mit dem PR-Greenhorn Kogler schon in der Verhandlungsphase gute Arbeit geleistet. Österreich (also der Mensch, und nicht die „Zeitung“) schätzt die Unaufgeregtheit, die Besonnenheit, ein bissl auch die Langsamkeit.

Im Eiskanal

Jetzt, also vermutlich ab 7. Jänner, sind wir, die so oft Rückständigen, die schlechten Vergangenheitsbewältiger, die international immer wieder als die Braunsumpfigen dastehen (nicht ganz zu Unrecht), plötzlich die Innovativen. Türkis-Grün bringt die erste öko-konservative Regierung Europas, wobei man sich fragen muss, wer am Ende konservativer und wer mehr öko ist. Dialektiker werden sich freuen über diese Synthese aus den beiden so antithetischen Parteien. Und manche sich darüber wundern, wie ein Kanzler so von der rechten zur linken Bande pendelt. Aber vielleicht ist das die wahre Lernfähigkeit im Eiskanal der Politik. Der neue Pragmatismus. Oder schlicht ein veraltetes Koordinatensystem.

Die 2020er Jahre beginnen also mit einer Revolution, zumindest für Austro-Verhältnisse. Und was haben die 10er Jahre gebracht? Zum zweiten Mal die Zerstörung der FPÖ, dank viel Alkohol und Klein-Zack auf Ibiza. Zum ersten Mal einen existenzbedrohenden Einbruch der SPÖ. International den Durchbruch der Rabauken im anglo-amerikanischen Raum. Und ein Reich der Mitte, das mächtig ist wie seit Jahrhunderten nicht. All das konnten wir auf unseren Smartphones, mit denen wir mittlerweile verwachsen sind, verfolgen. Sie haben die vergangenen Jahre geprägt wie nichts anderes. Daher haben wir uns zur Bezeichnung „die smarten 10er Jahre“ entschlossen. Smart heißt übersetzt klug. Die Regierungsbildung ist grad noch rechtzeitig ein guter Schritt.