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© Kurier

Leitartikel
10/29/2020

Ein bissl was geht nimmer

Die Menschen sind coronamüde, die Politik muss rasch handeln. Auch der Wirtschaft hilft nur, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist.

von Marlene Auer

Die Spatzen pfeifen das Lied eines zweiten Lockdowns von den Dächern. Hört man den Infektiologen genau zu, will das böse L-Wort zwar keiner aussprechen, aber eine gewisse Aussichtslosigkeit der Maßnahmen klingt durch. Manche Landespolitiker fordern Eingriffe im Privatbereich. Die Wirtschaft ächzt. Skigebiete könnten leer bleiben, weil aus Angst niemand mehr hinfährt – oder weil die Infektionszahlen so hoch sind, dass der Großteil in Quarantäne ist.

Europaweit verordnet ein Land nach dem anderen seine Form des Zusperrens: Ausgangssperren dort, Restaurantschließungen da. Auch der Schulbetrieb wird mancherorts eingeschränkt. Länder wie Tschechien sperren alles zu. Nach den harten Maßnahmen in Deutschland scheint es nur eine Frage der Zeit zu sein, bis es auch in Österreich zu massiven Verschärfungen kommt. Die bisherigen Regeln scheinen nicht auszureichen, Fallzahlen explodieren, beim Fleckerlteppich durch die Corona-Ampel kennt sich kaum jemand aus.

Doch was wirkt wirklich? Wie hart sollen die Einschränkungen sein? Was kann die Wirtschaft gerade noch ertragen? Was passiert mit Weihnachten? Deutschlands Virologie-Papst Christian Drosten wirft etwa den Vorschlag von mehreren Mini-Lockdowns ins Rennen – befristet auf drei Wochen mit ein paar Wochen Pause, und das bis zum Frühjahr. So könnte die Wirtschaft planen, das Privatleben wäre besser zu regeln, in Form von „social bubbles“: Soziale Blasen von zwei bis drei Haushalten würden Kinderbetreuung und Erledigungen möglich(er) machen.

Aus medizinischer Sicht ist das nachvollziehbar. Jeder vermiedene Sozialkontakt verringert das Risiko einer Ansteckung. Natürlich fordern andere Stimmen auch einen behutsamen Umgang mit Beschränkungen. In Deutschland sprechen sich sogar Ärzte und Wissenschafter gegen einen Lockdown aus. Auch die WHO hat ihre Haltung dazu geändert. Doch angesichts der hohen Zahlen scheinen diese Vorschläge zumindest derzeit zu spät zu kommen.

Vielleicht wird ein zweiter Lockdown in Österreich nicht so genannt, aber das österreichische „Bissl was geht immer“ geht jedenfalls nicht mehr. Kursänderungen und Verordnungen machen müde, viele achten weniger auf Hygiene und Abstände. Die Polarisierung steigt, hinzu kommen Ängste vor dem Virus und der Arbeitslosigkeit.

Dass Gesundheitsminister Rudolf Anschober erst bei 60 bis 70 Prozent Auslastung der Intensivbetten über einen Lockdown nachdenken will, ist entweder zynisch oder zeugt von wenig Kenntnis der Exponentialrechnung. Wenn Maßnahmen zwei Wochen versetzt wirken, ist es zum Zeitpunkt, den Anschober empfiehlt, viel zu spät. Schwer Erkrankten helfen nur freie Intensivbetten. Der Wirtschaft hilft nur, wenn die Pandemie unter Kontrolle ist. Und der Gesellschaft hilft eine Politik, die rasch reagiert.

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