Meinung
02.06.2017

Die Schutzzone

Als ich ein Kind war, lebten wir in einem Wohnblock an einer Hauptstraße im vierten Stock. Meine Geschwister und ich wohnten gemeinsam in einem Zimmer, über dessen Fenster die Dachgiebel ein Dreieck bildeten, wie bei einer Turmspitze. Und so saß ich oft hinter den Scheiben, schaute auf den Verkehr hinunter und stellte mir in kindlichem Größenwahn vor, ich wäre eine Königin in ihrem Turm und die Autos meine Armee, die ich hin- und her bewegen konnte. Vor dem Wohnblock durften wir nicht spielen, weil dort die Einfahrt zu den Geschäften war, die sich im Haus befanden. Eine Apotheke, eine Wäscherei, ein Schuhgeschäft. Aber hinter dem Haus gab es einen großen Hof mit Wäschestangen, einer Sandkiste und Bäumen. Dort trafen wir uns nachmittags und an den Wochenenden.

Die besten Nachmittage

Die Frau aus der Apotheke schenkte uns manchmal Süßigkeiten, deren Ablaufdatum nahte. Dann saßen wir unter den Bäumen und aßen Traubenzucker mit Erdbeer- und Bananengeschmack bis uns schlecht war. Das waren die besten Nachmittage. Der Besitzer der Wäscherei war im Gegensatz zur Apothekerin immer mürrisch. Er trug einen grauen Arbeitsmantel, war meistens rot im Gesicht vom heißen Dampf in seinem Geschäft, und herrschte jeden an, der seinen Weg kreuzte. Vor allem uns Kinder. Ich beobachtete ihn oft heimlich und versuchte mir auszumalen, wie er aussehen würde, wenn er richtig laut lachen müsste. Aber ich konnte es mir nicht vorstellen.

Einmal hatte ich abends meinen Ball im Hof vergessen und schlich heimlich aus der Wohnung, um ihn zu holen. Im Hof angekommen, sah ich den Ball von Weitem, ein roter Punkt im Grau der Dämmerung. Ich wollte zu ihm, da bemerkte ich ganz in meiner Nähe an der Hauswand den Wäschereibesitzer. Er hatte den Kopf gegen die Wand gelehnt und stützte sich mit einer Hand ab. Er murmelte leise vor sich und sah ganz anders aus als sonst. Trauriger. Plötzlich fluchte er laut. Es klang nicht furchteinflößend, sondern verzweifelt. Ich machte eine Bewegung auf ihn zu, irgendetwas knackste unter mir und er schreckte auf. Unsere Blicke trafen sich und ich sah, dass seine Augen feucht waren. Hatte er geweint? Ich stand ein paar Sekunden unschlüssig da, weil ich nicht wusste, was ich sagen oder tun sollte. Dann drehte ich mich um und ging zurück nach Hause.

Kurz bevor ich verschwand, erhaschte ich noch einen Blick auf das Gesicht des Wäschereibesitzers. Ich sah etwas, das ich noch nie gesehen hatte. Er wirkte erleichtert, vielleicht sogar dankbar. Dafür, dass ich ihm seine Ruhe ließ, ihn nicht länger störte in seinem Schmerz, dass ich ihm nicht zusah in einem Moment, in dem niemand von uns gesehen werden will. Dass ich nicht in seine Schutzzone einbrach, die man braucht im Augenblick tiefster Trauer oder größter Wut. In letzter Zeit muss ich öfter an diesen Abend im Hof denken. Weil eben dieser Raum, in dem man ungestört, unkommentiert und ohne Rat und Urteil anderer Emotionen verarbeiten kann, immer kleiner zu werden scheint, weil sich die Selbst- und Fremdentblößung als Teil der Unterhaltungskultur längst etabliert hat. Ob jeder, der sich darauf einlässt, im Sinne der Eigenverantwortung etwaige Konsequenzen wirklich abschätzen kann? Daran zweifle ich immer öfter.

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