Kreuzberg, Deutschland

© REUTERS/WOLFGANG RATTAY

Leitartikel
07/19/2021

Die Klimapredigt als Alibihandlung

Selbstgerecht und lustvoll die vermeintlichen Klimasünder zu verurteilen, wird uns nicht vor Naturkatastrophen schützen.

von Konrad Kramar

Ob in den pflichtbewusst betroffenen Reden der Politiker, den Debatten beim abendlichen Sommerspritzer oder dem Dreizeiler-Stakkato in den chronisch empörten sozialen Medien: Der Klimawandel hat in diesen Tagen die Pandemie als Leitmotiv der öffentlichen Debatte abgelöst. Im Eiltempo vermehrt haben sich dabei jene, die es natürlich immer schon gewusst und davor gewarnt haben. Jetzt führen sie das Wort und wischen jede Widerrede mit moralischer Überlegenheit vom Tisch.

Über Jahrzehnte habe der Konsumwahn ungebremst die Erde mit Treibhausgasen aufgeheizt und obendrein vergiftet. Jetzt sei es fünf vor zwölf und eigentlich längst zu spät, wenn nicht …

Das Problem solcher Predigten ist jenes, das Predigten – von welcher Kanzel auch immer – stets hatten: Sie weisen den anderen die Rolle des Sünders zu. Das tief in uns verwurzelte Verhaltensschema in dieser Rolle: Die einen geben sich reuig, geloben Besserung und stehlen sich mit stillem Ärger über den Prediger und dem fixen Vorhaben, sich beim nächsten Mal nicht erwischen zu lassen, davon. Die anderen suchen sich jemanden, der ihnen bestätigt, dass der Prediger ohnehin den falschen Glauben hat, gehen in den Widerstand und beschließen wütend, sich gleich allem, was da gepredigt wird, lautstark zu widersetzen.

Dummerweise lehren uns gerade die schrecklichen Ereignisse der vergangenen Tage, dass der Klimawandel und seine Folgen viel zu ernst, viel zu konkret und uns vor allem längst viel zu nahe gerückt sind, um sich in Debatten zu verlieren. Die Naturkatastrophen sind seine Vorboten und sie fordern selbst im scheinbar so sicheren Mitteleuropa Menschenleben.

Wir müssen uns also gegen Hochwasser und Dürre wappnen, und mit schneearmen Wintern und im Sommer überhitzten Großstädten leben lernen. Dafür braucht es jetzt Maßnahmen und die Bereitschaft aller, diese Maßnahmen als Gesellschaft mitzutragen. Hochwasserschutz ist längst nicht mehr die Betonwanne, in die man Flüsse versenkt, sondern der Platz, den man ihnen gibt, um auch große Wassermassen aufzunehmen. Diesen Platz darf ihm die gerade in Österreich grassierende Bodenversiegelung nicht mehr streitig machen. Auch brauchen wir neue Bäume und Wälder als Schattenspender und Feuchtigkeitsspeicher, statt noch mehr Einkaufszentren mit Autobahnanschluss.

Den Klimawandel haben wir alle verursacht. Wir werden mit ihm leben müssen. Das hat jetzt schon einschneidende Konsequenzen, die wir in Einigkeit tragen sollten, anstatt uns in Selbstgerechtigkeit zu üben. Die großen Klimaziele stehen vorerst auf geduldigem Papier. Die kleinen Klimaziele müssen wir jetzt angehen – und mit dem ständig erhobenen Zeigefinger werden wir dabei nicht sehr weit kommen.

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