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Leitartikel
04/27/2020

Die 2. Republik und ihre Heldentaten

Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sind kostbare Werte, die es ständig zu beschützen gilt.

von Wolfgang Unterhuber

Am 27. April 1790 wurde im revolutionären Paris der Club des Cordeliers gegründet, zu dessen führenden Köpfen etwa der radikale Republikaner Georges Danton zählte. Der Club geriet in Vergessenheit nicht aber dessen Leitspruch, der heute vor 230 Jahren zum ersten Mal verkündet wurde: "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!".

Den Gründervätern der zweiten österreichischen Republik, die heute vor 75 Jahren vor dem Parlamentsgebäude in Wien die Wiederauferstehung Österreichs proklamierten, wird diese historische Zufälligkeit sicher nicht bewusst gewesen sein. Aber die Republik, die hier in den letzten Kriegstagen inmitten von Not und Verzweiflung aus der Taufe gehoben wurde, verschrieb sich diesem Ideal von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Vieles wurde seither erreicht, so manches nicht.

Todfeine ÖVP und SPÖ

Als Heldentat der Brüderlichkeit muss das Zusammenwirken von ÖVP und SPÖ in der 2. Republik genannt werden. Schließlich waren diese beiden Parteien Todfeinde gewesen. So wie in vielen anderen Ländern Europas. Eine Zusammenarbeit von Sozialdemokratie und Christdemokraten ist etwa bis heute in Spanien nahezu undenkbar.

Heute werden die drei Epochen der "Großen Koalition" oft als Zeit der Restauration aber ohne Innovation bewertet. Doch die vier Leuchtturmprojekte der 2. Republik gehen auf das Konto dieser beiden Parteien. Die Sozialpartnerschaft, der Staatsvertrag 1955, der EU-Beitritt 1995 und die Rettung der gigantischen aber toten Staatsindustrie durch deren schrittweise Privatisierung nach 1986.

Als Heldentat der Gleichheit müssen die 1970er-Jahre genannt werden. Das Prinzip der Brüderlichkeit wurde durch das Prinzip der Schwesterlichkeit ergänzt, indem das Familienrecht reformiert wurde. Väter bzw. Ehemänner konnten nicht mehr über das Schicksal ihrer Frauen und Töchter bestimmen. Und höhere Bildung wurde in jenen Jahren nun auch für jene Kinder möglich, deren Eltern selber keinen akademischen Abschluss besaßen.

Welche Freiheiten dieses Land vor dem Hintergrund dieser Heldentaten errungen hat, lernen wir gerade in diesen Tagen wieder zu schätzen und hoffentlich auch zu schützen. Denn um die europäische Brüderlichkeit ist es nicht immer gut bestellt wie der Streit um die finanzielle Hilfe für die südeuropäischen Nachbarn zeigt. Zur Erinnerung: Österreichs Wiederaufbau gelang zum großen Teil nur durch den Marshallplan der USA, der bis in die Gegenwart nachwirkt. Die im Rahmen des Marshallplans akkumulierten Mittel wurden 1961 von den USA an Österreich übergeben (ERP-Fonds). Bis zum heutigen Tag leistet der ERP-Fonds (European Recovery Program ist gleich Europäisches Wiederaufbau-Programm) einen wesentlichen Beitrag zur österreichischen Wirtschaftsförderung.

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