© Novy Gilbert

Meinung
09/27/2019

Der Fernsehwahlkampf der Emotionen ist vorbei

Leitartikel: Bei den gefühlt ewigen TV-Debatten kam man ohne große Inhalte aus. Richtig mühsam wird es nach der Wahl.

von Philipp Wilhelmer

Die letzten Video-Lücken sind abgedichtet: Kleine Fernsehsender, Medienhäuser, die früher ausschließlich Papier bedruckten, Internetplattformen – noch nie gab es so viele Bewegtbilder von Politikern in einem Nationalratswahlkampf. 42 Stunden TV-Live-Wahlkampf binnen acht Wochen auf sämtlichen heimischen Fernsehstationen sorgten für steten Nachschub an reihenweisen wechselseitigen Vorwürfen, Abgrenzungen und Reibereien.

Soviel Fernsehen war noch nie – und die Masse der Debatten spülte Einzelthemen regelrecht weg.

Der TV-Wahlkampf begann, wie er endete: Die ORF-„Elefantenrunde“, der letzte Pflichttermin für alle erschöpften Wahlkämpfer, lockte 1,1 Millionen Menschen vor die Schirme. Inhaltliche Positionierungen wurden über weite Strecken per Ja/Nein-Taferl abgehandelt. Ansonsten drehte sich – wir sind im Live-Fernsehen! – viel um Atmosphärisches.

Wer etwa immer schon wissen wollte, dass Sebastian Kurz glaubt, dass sein Ex-Chef Reinhold Mitterlehner über ihn wenig Gutes zu sagen hat, war hier gut bedient (Kurz hat recht, aber das wusste das Publikum auch schon vor der Sendung). Dennoch: Die spielerische Annäherung an die ausgelaugten Kandidaten brachte für die Seher überraschend viel Erkenntnisgewinn – wenn auch nur emotionalen. Gefühl ist in einer Wahlauseinandersetzung aber ohnehin die wichtigste Motivation.

Entsetzt und empört

Welche Emotionen beherrschten den Wahlkampf? Vor allem Rat- und Hilflosigkeit. Ibiza war einer der größten politischen Skandale dieser Republik. Als er Mitte Mai explodierte, waren die Bürger entsetzt. Empört waren viele, als nach den blauen Hauptdarstellern des berüchtigten Videos auch der türkise Bundeskanzler aus dem Amt flog – eine quasi über Nacht zahlenmäßig gewachsene Opposition wollte es so.

Das war es aber auch schon mit großen Gefühlen – die Umfragen sprechen seither eine deutliche Sprache. Türkis kämpft seit Mai mit sich selbst um Platz eins. Rot rauft mit Blau um Platz drei, Neos verliert Rang vier an die Grünen, und nur wenn ein Wunder geschieht, kommt auch noch Peter Pilz für eine weitere Legislaturperiode in den Nationalrat. Der Wahltag wird es zeigen.

Am Verhandlungstisch muss es dann wieder um Inhalte gehen: Wer außer den Blauen kann mit der türkisen Haltung zu Zuwanderern mit? Wer legt sich mit den Pensionisten an, in dem er oder sie die Neos ins Team holt? Wer ist in der Lage, die durch die Klimabewegung gestärkten Grünen so zu umarmen, dass deren Extrempositionen in österreichische Realpolitik münden, ohne dass Werner Kogler den Boden unter den Füßen verliert? Wer traut der FPÖ? Der Fernsehwahlkampf war lang, richtig viel Sitzfleisch braucht es aber ab Montag.

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