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© APA/AFP/WILLIAM WEST / WILLIAM WEST

Kommentar
01/14/2022

Causa Djokovic: Eine beispielgebende Entscheidung

Die Annullierung des Visums ist wohl nicht das Ende in der Causa um den Tennisstar. Wer recht hat, bleibt offen. Politisch kann man sich am Vorgehen der australischen Behörden aber orientieren.

von Philipp Albrechtsberger

Der australische Einwanderungsminister hat gesprochen. Und entschieden. Das Visum von Tennisprofi Novak Djokovic für den Aufenthalt in Australien ist ungültig. Der Serbe kann gegen den Beschluss zwar weitere Rechtsmittel einlegen, das Antreten des Titelverteidigers beim ersten Grand-Slam-Turnier des Jahres (ab 17. Jänner) ist weiterhin noch nicht final geklärt. Die Entscheidung der Politik hat unabhängig davon aber Signalwirkung.

Für den zuständigen Minister sei die Entscheidung wohl begründet und "im öffentlichen Interesse". Viele Gemüter rund um den Globus wird das dennoch kaum beruhigen. Zu undurchsichtig ist der Fall bis heute für die Öffentlichkeit, zu aufgeheizt die Stimmung in Pandemie-Zeiten, zu streitbar der Hauptdarsteller.

Nicht nur das Virus hat die Kraft zu teilen, in Freund und Feind, gut und böse, richtig und falsch - auch Novak Djokovic, diesem exzellenten Tennisspieler, gelingt dies scheinbar mühelos und in regelmäßigen Abständen.

Eigenwilliger Charakter

Vor allem während der Pandemie hat sich der 34-Jährige als eigenwilliger Charakter hervorgetan. Man erinnere nur an sein privat organisiertes Turnier im Frühjahr 2020, wo nicht nur Bälle über den Court flogen, sondern - wie man wenig später wusste - auch jede Menge Aerosole. Das war zu einer Zeit, als in Bergamo die Corona-Toten nur mehr mit Lkw zu den Friedhöfen transportiert werden konnten.

Nun darf Djokovic' Fehleinschätzung vor fast zwei Jahren, als die Welt noch so wenig wusste über das Virus, bei der australischen Entscheidung keine Rolle gespielt haben. In den vergangenen Monaten haben Millionen Menschen viel gelernt über Hygiene, Freiheitsrechte und Solidarität.

Dennoch hat man in dieser Causa den Eindruck, einen Unbelehrbaren anzutreffen. Auch im Zuge seiner Corona-Infektion im Dezember und der darauffolgenden Einreise nach Australien räumte der Tennisprofi, dessen Worte und Taten für Millionen seiner Fans Gewicht haben, Fehleinschätzungen ein. Immerhin. Auch ein Weltstar muss Fehler machen dürfen. Wie jeder andere muss er aber auch mit den Konsequenzen leben können.

Was ist fair?

Das ist es, was diesen Fall so groß macht. Es geht längst nicht mehr nur um die Teilnahme des Weltbesten an einem wichtigen Tennisturnier, es geht um Existenzielleres, um die Frage, was fair ist.

Freilich: Beantwortet wurde diese Frage von den australischen Behörden nicht. Das ist auch nicht deren Aufgabe. Sie haben in erster Linie die Aufgabe, die Richtigkeit der Dokumente und Angaben zu prüfen. Hier hatten sie offenbar große Zweifel.

Bemerkenswert und durchaus beispielgebend ist das Vorgehen der Australier dennoch. Aus zwei Gründen. Erstens: Die Nummer eins der Tenniswelt, ein echter Superstar rund um den Globus, wurde im Zuge des Verfahrens wie jeder andere Mensch auch behandelt. Das scheint für viele Menschen in zig Ländern - Österreich nicht ausgenommen - eine ungewohnte Praxis zu sein. 

Zweitens: Der Einwanderungsminister machte bei der Annullierung von einer persönlichen Befugnis Gebrauch, die ihm Kraft seines Amtes zusteht. Seine Regierungsmitglieder samt Ministerpräsident haben im Zuge der Entscheidungsfindung zumindest im öffentlichen Diskurs diese Befugnis weder infrage gestellt noch dagegen Stimmung gemacht. Auch das kennt man im politischen Betrieb durchaus anders.

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