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Analyse
09/23/2020

Bye-bye, Lei-Lei: Feste fehlen statt feste feiern

Warum die Absage des Opernballs mehr ist als das Streichen eines Society-Events.

von Georg Leyrer

„Alles Walzer!“

Mit diesem zutiefst österreichischen Spruch kommt alljährlich der Opernball in Schwung. Der Ball in der Wiener Staatsoper ist Selbstdarstellungsgala, Wirtschaftsfaktor, Unterhaltung – und es schauen verlässlich auch die zu, die sagen, dass sie nicht zuschauen.

Die TV-Übertragung ist eines jener wenigen verbliebenen „Lagerfeuer“ im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, um das sich ein nennenswerter Teil der Nation versammelt. 2020, wenige Tage vor dem Lockdown, waren es fast 1,4 Millionen.

Die einen, um zu genießen. Die anderen, um zu spotten. Beides aber – das spürt man nun, da der Ball abgesagt ist – ist weit weniger unwichtig, als man so leichthin sagt.

Dass der Opernball 2021, mit ihm viele der anderen Wiener Traditionsbälle, abgesagt, Christkindlmärkte (siehe unten) und erwartungsgemäß auch die großen Silvester-Veranstaltungen zumindest ordentlich beeinträchtigt sind, auch dass die Clubs und Bars geschlossen oder stark eingeschränkt sind, ist nicht nur ein Abermillionen-Verlust (siehe rechts). Und schon gar nicht nebensächlich.

Sondern durchaus eine weitere, nicht zu unterschätzende gesellschaftspolitische Herausforderung in der Pandemie: Nach Angst, Sorge und, zuletzt, Eigenverantwortungsanstrengungen zur Virenbekämpfung wäre derart leichte Unterhaltung schon ein Lichtchen mitten im Tunnel gewesen. Und auch die Chance auf ein Zusammenfinden der zunehmend gereizten Gesellschaft – abseits der virologischen Bekämpfungsgemeinschaft.

„Wäre verantwortungslos“

Das Virus kennt jedoch keinen Spaß. Die Durchführung des für den 11. Februar 2021 geplant gewesenen Balls wäre „verantwortungslos“, wie Kanzler Sebastian Kurz sagte.

Es war „eine wirklich schwere Entscheidung“, bekräftigte Kulturstaatssekretärin Andrea Mayer.

Wie außergewöhnlich die Absage ist, sieht man in der Geschichte: Nur der Golfkrieg 1991 hatte bisher den 1956 wieder ins Leben gerufenen Ball verhindert; die Grippe-Pandemien in den 1950er- und 1960er-Jahren jedoch nicht.

Dass „gerade Feste und Feiern ein Ort der Ansteckung sind, veranlasst uns zur Absage“, sagte nun Kurz. Wer jemals das Gedränge in den Gängen, Logen und am Parkett miterlebt oder im TV gesehen hat, ahnt die Verantwortungslast, die man sich mit der Durchführung aufgeladen hätte. 7.000 Menschen sind normalerweise beim Opernball.

Ein verkleinerter Ball macht, das sagt auch die Kulturstaatssekretärin, keinen Sinn. Insofern gab es keine Alternative zur Absage – auch wenn diese nicht zuletzt auch ins Budget der Wiener Staatsoper ein weiteres Loch aufmacht. Der Reinerlös des Balles zahlte 2019 rund eine Million Euro ins Budget ein. Dieser Einnahmenentgang soll der Oper abgegolten werden, versprach Mayer laut Staatsoperndirektor Bogdan Roščić. Die coronabedingten Einschränkungen bei den Besucherzahlen belasten das Budget der größten Opernbühne (und aller weiteren Spielstätten) ohnehin schon.

Roščić sagt: „Es tut uns allen sehr leid.“ Er will nun an den frei gewordenen Tagen Ersatzprogramm für junge Menschen bieten.

Deren Kulturformen sind schon länger stark beeinträchtigt. Mit dem Herbst kommen die Feier-Einschränkungen zunehmend in der Mitte der Gesellschaft an. Auch der Karneval wird – zumindest in Deutschland – bereits auf ein Mindestmaß reduziert. Dass gerade in den Herbst- und Wintermonaten so viele Feste sind, ist kein Zufall – sondern Zeugnis davon, dass die Menschen gerade in diesen Monaten Feste brauchen. Sie werden fehlen.

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