Ein unerträglich gewordenes System

Michael Hufnagl über gleichschaltenden Mathematik-Terror statt Stärkenförderung.

Mathematik ist mein Symbol. Für ein unerträglich gewordenes System.

Michael Hufnagl | über Mathematik-Terror

Nicht genügend. Wieder einmal. Um einen Punkt den Vierer verpasst. Es kotzt mich so an. Was genau? Sicher nicht die einem Schulsystem nicht genügende Leistung meiner Tochter. Sondern dieser in Stein gemeißelte, in stupider Tradition gelebte Mathematik-Terror. Mein Kind verbraucht insgesamt mindestens die Hälfte der gesamten Lernzeit, um sich mit den jenseitigsten Notwendigkeiten der Mathematik zu befassen. Gegen ihre Veranlagung. Gegen ihren Willen. Weil es so ist, so sein muss, immer so war. Ein anderes Argument vermag zu meinem Warum niemandem einzufallen. Braucht' ma halt. Ist halt wichtig. Hamma alle lernen müssen.

Im Dienst der Leistungsgesellschaft

Es kotzt mich so an. Nicht auszudenken, die junge Dame würde die gleiche Zeit in ihre Stärken investieren dürfen. Statt dessen muss sie für eine (!) einzige (!) Schularbeit Bescheid wissen über ... ... Verhältnisse, Strahlensatz, natürliche, ganze, rationale und irrationale Zahlen, Zahlengeraden, Terme, Wurzelziehen, Volumina und Oberflächen von Pyramiden, Prismen, Quader und Würfeln, pythagoräischer Lehrsatz, Kathetensatz, Höhensatz, angewendet bei Dreiecken, Rechtecken, Deltoiden Rhomben, Trapezen. Ein Stoff, wie wir ihn in diesem Umfang einst nie hatten. Jetzt aber wird alles im Höchsttempo reingestopft. Ein Spiegel unserer Leistungsgesellschaft. Denn irgendwie muss die Scheißrechnung aufgehen.

Immer die selbe Angst

Es kotzt mich so an. Das viele Lernenmüssen, Könnenmüssen, Analysierenmüssen, Motivierenmüssen, Tröstenmüssen. Wieder und wieder und wieder. Alles funktioniert, alles fließt, alles ist gut. Aber die Mathematik macht es zuverlässig kaputt. Als Fach völlig unhinterfragt. Mathematik, Mathematik, Mathematik. Immer der selbe Rhythmus, immer die selbe Angst vor dem Scheitern. Immer die selbe Erkenntnis: Wie wenig das mit unserer Lebenswelt zu tun hat und wie groß der Bedarf an Revolution tatsächlich ist. Seit Wochen, Monaten und Jahren wird um ein gerechtes Lehrerdienstrecht gestritten. Als ob die Lösung - einerlei, wie sie ausfällt - meinem Kind irgendetwas brächte. Als ob eine Einigung zwischen Politikern und Gewerkschaftern der 24. Punkt für das Genügend auf die Schularbeit sein könnte. Als ob die vielen Träume und Visionen von einer Zauberwelt Schule nur etwas für bemitleidenswerte Spinner sein müssten.

Es kotzt mich an. Und Mathematik ist mein Symbol. Für ein unerträglich gewordenes System.

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Erstellt am 19.11.2013