Der "Zapp"-Dreh und die Mauer des Schweigens

Steffen Eßbach - Leiter von "Zapp": Staunen lernen von Österreichs Medienpolitik.
Ein renommierter deutscher Medienjournalist wundert sich über Sitten und Millionenausgaben in Österreich

Man hat das Gefühl, da hat sich ein System über lange Jahre eingeschwungen, das jetzt nicht verändert werden soll

Wie "ZAPP"-Redakteur Eßbach nach einem Beitrag über Österreichs Medienpolitik denkt:

Das Medienmagazin "ZAPP" gastierte jüngst in Österreich. Und die Reporter der angesehenen NDR-Sendung beschäftigten sich mit der heiklen Frage: Warum fließen in Österreich eigentlich soviele Inseratenmillionen der öffentlichen Hand an die Medien. Und: Wird der Boulevardsektor wirklich so bevorzugt, wie die österreichischen Verleger oft beklagen? Der Beitrag ist sehenswert, weil er die schiere Verwunderung der deutschen Medienredakteure über die heimischen Zustände zutage förderte. Anschaulich wurde das unter anderem in einer Grafik, die zeigte, um wieviel höher die Pro-Kopf-Werbeausgaben des kleinen Österreich im Vergleich zu Deutschland liegen: Gleich fünf mal so hoch. Grund genug für den Teletexter-Blog, beim Leiter von "ZAPP", Steffen Eßbach nachzufragen, wie er den Dreh in Österreich erlebt hat. Kurz zusammengefasst: Die deutschen Kollegen lernten Staunen.

TELETEXTER: Ein aktueller Beitrag im Medienmagazin "ZAPP" beschäftigt sich mit der Inseratenvergabe der österreichischen Politik. Sie haben sich die österreichische Gesetzeslage und die hiesigen Gepflogenheiten angesehen. An einer Stelle ist eine sehr anschauliche Grafik mit dem Pro-Kopf-Werbeaufkommen in Deutschland und in Österreich. Wie erklären Sie sich das als Journalist? Andere Länder, andere Sitten, oder: „Wow, da gibt es eine Schieflage?“

Steffen Eßbach: Eher Letzteres: Wir haben ja auch versucht zu berechnen, dass Österreichs öffentlicher Bereich, also Politik, Ministerien, öffentliche Unternehmen, im Vergleich zu Deutschland ausgeben. Wir sind auf die Summe von 200 Millionen pro Jahr gestoßen. Pro Kopf rund fünf Mal so viel. Das hat uns hellhörig gemacht.

Welche Recherchen haben sie daraufhin angestellt?

Die erste Frage war: Gibt es denn keine Presseförderung? Da haben wir festgestellt: Aha, die wird immer weiter heruntergefahren. Zweite Feststellung: Neutral betrachtet gibt es einen funktionierenden Markt für Gratiszeitungen, der aus Österreich und Heute besteht. Das haben wir einmal neutral betrachtet: Ok, die kriegen Inserate, aber dafür können sie guten Journalismus machen. Das war die Grundanahme.

Ließ sich diese Grundannahme im Zuge der Recherchen aufrechterhalten?

Wir haben zunächst gemerkt, in welcher Größenordnungen diese Inserate geschalten werden und haben uns die Frage gestellt: Warum ist das so? Haben die österreichische Politik, die Ministerien, soviel mehr zu werben als die deutschen? Dann sind wir sehr schnell auf eine Studie gestoßen, die uns nahegelegt haben, dass es da eine Koppelung gibt: "Wir schalten Inserate, dafür erwarten wir aber auch einen bestimmten Ton." An der Stelle fahren sich bei uns als Medienmagazin die Krallen aus.

Sie haben die Gratiszeitungen angesprochen. Beschränkt sich diese Koppelung nur auf Österreich und Heute oder gibt es auch andere Medien, bei denen Ihnen das aufgefallen ist?

Wir haben uns für diesen Beitrag vorgenommen, den Boulevard genau anzuschauen, weil wir festgestellt haben, dass besonders dieser Bereich von den Inseraten profitiert. Warum das so ist, könnte man ja prinzipiell auf mehrere Arten beantworten: Die Inserenten der öffentlichen Hand nutzen die hohe Reichweite, sie unterstützen damit sogar eine journalistische Brillanz in diesen Blättern oder: Die Einflussnahmemöglichkeiten sind an dieser Stelle eben am größten. Wir haben den Boulevardbereich, besonders aber die Heute-Zeitung angesehen, deren Inserate die Rechercheure von Dossier.at händisch über Jahre hinweg nachgezählt haben. Dort haben wir auch um eine Stellungnahme angesucht.

Wie lautete die Stellungnahme?

Herausgeberin und Eigentümerin Eva Dichand hat uns mitgeteilt, dass sie die von uns veröffentlichten Zahlen nicht nachvollziehen kann, man müsse das mit allen anderen Zeitungen aus dem Bereich vergleichen. Was wir an dieser Stelle auch gesagt haben, was auch den Rechercheuren von Dossier schwerfiel war: Mögliche Rabatte bei den hochgerechneten Inseratenausgaben konnten nicht ausgewiesen werden. Dossier hat ja durch seine Zählungen festgestellt, dass in zehn Jahren allein 84 Mio. Euro an Inseraten geflossen sein müssen. Es kann aber sein, dass es über Rabatte eben niedriger war.

Wie ging es ihnen in Ihren Recherchen eigentlich mit der österreichischen Medienpolitik?

(lacht)

Medienminister Josef Ostermayer (SPÖ) wollte sich nicht äußern, Kanzler Werner Faymann (SPÖ) und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) haben sie eine Stellungnahme bei einer gemeinsamen Pressekonferenz abgerungen. Das war sehr spannend: Der Kanzler hat in Abrede gestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen Inseratenvergabe und freundlicher Berichterstattung gibt, der neben ihm stehende Vizekanzler hat genau das Gegenteil gesagt.

Uns trieb die Frage um, daher haben wir gesagt: Wenn der Kanzler nicht zu uns kommt, dann gehen wir zu ihm und haben in dieser öffentlichen Veranstaltung die Frage nach Inseratenvergabe und damit einhergehender freundlicher Berichterstattung gestellt. Wir haben mit großem Staunen und Interesse festgestellt, dass Kanzler und Vizekanzler offensichtlich in diesem Punkt nicht ganz einer Meinung sind. Insgesamt hätten wir gerne ein ausführliches Interview mit Herrn Faymann geführt. (Anm.: In einer früheren Version des Textes hieß es, "ZAPP" habe bei Faymann um ein Interview angesucht. Eßbach hat seine Angaben dahingehend korrigiert.)

Warum?

Ich will nur ein Bild in den Raum werfen: Es gibt ein Foto, auf dem Faymann mit dem Werbefahrzeug der Heute posiert. Das ist etwas, das könnten wir uns in Deutschland mit Kanzlerin Angela Merkel und dem Auto der Bild-Zeitung nicht vorstellen.

Warum kann Angela Merkel nicht machen, was Werner Faymann offenbar mit ganz gutem Gewissen und einem Lächeln auf dem Gesicht mit dem Heute-Auto tut?

Es gibt ein Gefühl dafür, dass Politik und Journalisten auf unterschiedlichen Feldern spielen und auch auf diesen Feldern bleiben sollten. Umgekehrt: Wenn es wirklich so ist, dass in Österreich die Politik meint, sie tut mit Inseraten etwas Gutes und bekommt dadurch auch etwas Gutes zurück, dann wundern einen solche Bilder nicht.

Warum hat Medienminister Ostermayer eigentlich nicht mit Ihnen gesprochen?

Diese Frage stellen wir uns auch, weil wir nämlich eine Zusage zu einem Interview hatten. Dass am ausgemachten Tag vom Medienminister der Republik Österreich eine Absage kam, ist uns kräftig in die Nase gefahren, das muss ich schon sagen. Wir haben versucht, diesen Unmut nicht eins zu eins in den Beitrag zu tragen, aber ich will das ganz deutlich sagen: So etwas geht eigentlich nicht. Wir wollten ihn nicht zu seinem Privatleben befragen und hatten auch sonst keine unflätigen Fragen. Wir wollten zur Presseförderung, der Inseratenvergabe, den Unterschieden zwischen Österreich und Deutschland sowie dem Phänomen, warum der Boulevard in Österreich so profitiert, fragen. Und seine Haltung erfahren, wie er das findet und ob er das richtig findet. Das sind legitime Fragen. Uns am gleichen Tag wie dem ausgemachten Interviewtermin abzusagen, haben wir als Affront begriffen.

Zusammengefasst: Die Player, um die es sich dreht, waren Ihnen gegenüber sehr schweigsam. Sie haben die Regierungsspitze bei einer öffentlichen Veranstaltung gefragt, hatten ein schriftliches Statement von Heute-Herausgeberin Eva Dichand - das war es dann. Ist das die Kommunikation, mit der Sie üblicherweise bei Ihren Recherchen konfrontiert sind?

Wir erleben auch in Deutschland, dass uns einzelne Personen nichts sagen. Das kann schon einmal passieren. Hier war es erstaunlich, wie viele Mitspieler das in dieser Art und Weise betroffen hat. Um fair zu bleiben: Frau Dichand hat uns schriftlich geantwortet, obwohl sie im Urlaub war. Die Schweigsamkeit auf allen Seiten war für uns jedenfalls ein Zeichen, dass an der Geschichte etwas dran sein muss. Ich wüsste nicht, zu welchem anderen Schluss ein Journalist sonst kommen könnte.

Mit welchem Gefühl sind sie aus Österreich abgereist, nachdem Sie Ihre Recherchen beendet haben?

Mit dem Gefühl, es zumindest versucht zu haben, es so gründlich wie möglich zu machen. Wir haben genau recherchiert, haben uns von Dossier zeigen lassen, wie sie die Inserate gezählt haben und sind froh zu dem Schluss gekommen: Es gibt keine geschlossenen Gesellschaften mehr, die einfach sagen, wir machen das so! Weil ein paar junge Leute mit viel Einsatz Missstände thematisieren können. Auf der anderen Seite bleibt das Gefühl von einem politischen Bereich, der sich dafür entscheidet zu sagen: „Hier gibt es kritische Journalisten, die stellen kritische Fragen. Schauen wir mal, dass wir nicht mit denen reden müssen, dann gehen die schon wieder.“ Da muss ich schon erwidern: Wir werden nicht jede Woche aus Österreich berichten können, aber wir sind nicht für immer gegangen. Wenn es den nächsten Ansatz für uns gibt, über das Mediensystem Österreich zu berichten, werden wir das gerne tun.

In einem Satz: Was kennzeichnet das österreichische Mediensystem aus Sicht des deutschen Medienjournalisten?

Man hat das Gefühl, da hat sich ein System über lange Jahre eingeschwungen, das jetzt nicht verändert werden soll, aber glaube ich verändert werden muss.

Kommentare