© Tschank

Gastkommentar
05/30/2020

Billig! Auf Kosten anderer

Schleuderware hat ihren Preis. Wir haben es selbst in der Hand

Im November 2013 stattete ich Tönnies in Rheda-Wiedenbrück in Nordrhein-Westfalen einen Betriebsbesuch ab. Ich betrat eine Welt, die ich bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Eindrücke vom firmeneigenen Fußballstadion, gigantischen Lagertürmen, einem Parkhaus für Mitarbeiter, das ich eher auf einem Flughafen vermutet hätte, ließen mich sowohl überwältigt als auch bedrückt nach Hause fahren. 50.000 geschlachtete Schweine pro Tag und tausende Mitarbeiter im Schichtbetrieb zeigten mir ein System, das diametral entgegengesetzt zu meiner bisherigen Ausbildung und Einstellung stand.

Riesige Massen an Fleisch, in einem fehlerlosen und effizienten Arbeitsablauf produziert, lassen eines komplett außer Acht: die Würde und den Respekt vor dem Tier. Empfänger dieser Produkte sind nicht nur Betriebe in Deutschland.

Während meines Besuchs 2013 wurden Schweinebäuche kommissioniert, die als Empfänger „Alto Adige“ auswiesen. Es wird vermutlich Südtiroler Speck daraus geworden sein. Wieso können deutsche Firmen so günstig liefern? Die meisten Betriebe haben neben ihrer enormen Größe und der daraus resultierenden Marktmacht und Effizienz einen weiteren Vorteil, der soeben durch die massenhaften Covid-19 Erkrankungen bei Westfleisch bekannt wurde: Mitarbeiter werden zu Bedingungen beschäftigt, die jedem Sozialstaat spotten. Auch in österreichischen Schlachthöfen arbeiten Menschen aus vielen Nationen in sehr hohem Ausmaß. Während hier aber, kollektivvertraglich bezahlt, die Leute direkt angestellt und untergebracht werden, arbeiten deutsche Firmen mit Subunternehmen, die ihre Arbeitskolonie durch weitere Subfirmen in Hallen und Containern unterbringen. Deswegen haben sich so viele Mitarbeiter angesteckt, und nicht, wie Westfleisch anfangs behauptete, durch einen fröhlichen Lebensstil.

Wieso aber muss Fleisch so billig produziert werden? Diese Frage stellen die wenigsten. Die Antwort wollen noch weniger hören: Weil wir – die Konsumenten – es kaufen, und zwar am liebsten in Aktion. Solange wir weiterhin Faschiertes kaufen, weil es gerade so günstig ist, und solange wir die Restaurants der großen Möbelhäuser stürmen, weil dort gerade Schnitzel unglaublich billig sind, solange werden weiterhin Menschen in prekären und fragwürdigen Verhältnissen beschäftigt werden.

Erkundigen Sie sich über die Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter der Obst- und Gemüsebauern in Südspanien. Hier werden die Massen angebaut, die zu günstigen Preisen in unseren (Super-)Märkten landen. Billigstes Obst und Gemüse, das von uns gekauft wird.

Oder erinnern Sie sich, als 2013 in Bangladesch ein Haus einstürzte und dabei 1135 Menschen getötet und 2438 verletzt wurden? Und wieso? Weil wir so gerne „shoppen“ und am liebsten wenig dafür zahlen.

Ich weiß, das sind teils provokante Aussagen, und zum Glück gibt es von vielen Konsumenten die Bereitschaft, für regionale oder besser produzierte Lebensmittel auch mehr zu zahlen. Am Kaufverhalten der großen Masse ändert das leider wenig. Seien Sie sich aber Ihrer Macht als Konsument bewusst, denn produziert wird, was gekauft wird.

Johannes Gugerell-Molnar ist Fleischer in Aspang.

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