© APA/AFP/POOL/AARON CHOWN

Leitartikel
12/21/2020

Aus Europa aussperren, ist keine Lösung

Großbritannien steckt in einer historischen Identitätskrise und braucht die EU als Partner. Die sollte London die Hand reichen.

von Konrad Kramar

Lockdown, einmal sanft, einmal hart, Gesetze mit mehr Lücken als Text dazwischen: Keine EU-Regierung, die in diesem Krisenjahr nicht falsch, zu spät oder zu zauderhaft Entscheidungen getroffen hätte. Nur mit einer Maßnahme war man verlässlich flott bei der Hand, zeigte übereifrig Tatendrang: dem Sperren von Grenzen.

Am Rande des Nervenzusammenbruchs

Kaum also hatte die am Rande des Nervenzusammenbruchs wandelnde Regierung in London die Hiobsbotschaft von der neuen Mutation des Coronavirus verkündet, da wurden auch schon von Wien bis Rom die Flughäfen für britische Maschinen zugemacht. In Paris setzte man noch eins drauf und riegelte den Warenverkehr ab.

Ein politischer Paukenschlag, mit dem sich die Regierungen Applaus auf der Zuschauergalerie zu Hause holen und den bei den Brexit-Verhandlungen bockigen Briten einen Tritt in die Kniekehlen versetzen. Langfristig positive Effekte sind davon nicht zu erwarten.

Der Denkfehler, ausgerechnet eine virale Epidemie an Staatsgrenzen stoppen zu wollen, anstatt europaweit endlich zusammenzuhelfen, braucht wohl keine Erläuterung.

Besonders und besonders wichtig

Ähnliches gilt für die Partnerschaft der EU mit Großbritannien. Ohne sich jetzt in historische Details zu verlieren: Großbritannien spielt in Europa seit Jahrhunderten eine besondere, aber auch eine besonders wichtige Rolle. Die wird auch mit dem Brexit nicht zu Ende sein, egal in welcher Form er stattfindet. Und so, wie das in England nun aufgetauchte neue Coronavirus früher oder später auch bei uns ist, egal wie viele Flughäfen man sperrt, so betrifft jedes Problem Großbritanniens auch den Rest Europas.

Johnsons Märchen

Man muss die wirtschaftlichen Kennzahlen nicht im Detail studieren, um zu wissen, wer in diesem Ringen um den Brexit der Schwächere im Ring ist. Großbritannien ist vom Warenverkehr mit Europa abhängig, auch seine Industrie funktioniert nur noch als eng verzahnter Teil der europäischen Wirtschaft: Darüber können auch Boris Johnson epische Märchen vom „Global Britain“ nicht hinwegtäuschen.

Halsstarrigkeit

Die Halsstarrigkeit der britischen Verhandler ist auch ein Zeichen dafür, dass man in Wahrheit mit dem Rücken zur Wand steht. Dem Land drohen nicht nur Chaos und eine weitere Verschärfung der wirtschaftlichen Krise, sondern schlicht der Zerfall. Die Schotten wollen ihren nationalistischen Traum von der Unabhängigkeit ausleben, Nordirland ist zu eng mit dem Süden verbunden, um dazwischen auf Dauer eine EU-Außengrenze zu errichten. All das hat das Potenzial, zu einer existenziellen Krise auszuarten, die Europa zuletzt auch in Mitleidenschaft ziehen würde. Um die zu verhindern, braucht es enge und vernünftige Beziehungen mit Großbritannien. Um die zu sichern, kann sich der Stärkere im Brexit-Streit ruhig großzügig zeigen – und der ist nun einmal die EU.

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