Meinung 06.10.2017

Alles läuft für die Blauen

Jetzt spritzt der Dreck in neuer Form Richtung ÖVP.

Dr. Helmut Brandstätter | über die Affäre Silberstein

In der FPÖ wird wahrscheinlich eine zusätzliche Ladung Champagner geordert. Alles läuft für die Blauen. Jetzt spritzt der Dreck in neuer Form Richtung ÖVP. Wobei: Peter Puller als Kronzeuge, das klingt nach Kabarett. Das Gerücht, er habe mit einem Kurz-Sprecher über 100.000 Euro verhandelt, war auch in unsere Redaktion vorgedrungen. Aber wir schreiben nur, was wir belegen können. Also haben wir wieder Breaking News versäumt. Bitte um Entschuldigung. Damit sich jeder ein Bild machen kann, zitieren wir, was Herr Puller anderswo erzählt, ohne etwas beweisen zu können.

Schriftlich hat er ja nichts vorgelegt, am Abend versprach er plötzlich SMS als Beweis. Die gibt es angeblich, aber ohne die besagte Summe. Schön langsam wird alles rausgespielt, es soll ja der FPÖ helfen, hat man den Eindruck. Erstaunlich war, dass die ZiB2 am Abend ein Telefonat vorgespielt hat, wo Puller von seinem Gespräch mit dem Kurz-Mitarbeiter berichtet, dieses aber so zitiert, als wären die beiden per Sie. Was die beiden sicher nicht sind, sie waren gute Freunde. Der Kurz Sprecher streitet alles ab. Einer lügt- und einer profitiert in jedem Fall - die FPÖ.

Ein Rückblick: Ernst Strasser war schon lange nicht mehr Innenminister, da tauchten unzählige Mails aus seiner Amtszeit auf, in denen er – ganz Strasser-like – Posten versprach oder verschob. Der Oberösterreicher aus Niederösterreich war stets hemdsärmelig, wie die einen sagten, als grob oder gar skrupellos bezeichneten andere seinen Stil. Schließlich ist er genau daran gescheitert, in schlechtem Englisch, wie jeder hören konnte. Schon er hörte nicht auf seinen schwarzen Vorfahr Julius Raab „Jedes Schriftl is a Giftl.“

Seither schreibe ich lieber Artikel oder auch Einkaufszettel, wenn es sein muss auch Newsletter, alles, was öffentlich werden kann, nur keine Mails. Die Berater des Kanzlers hingegen waren geradezu fanatische Mail-Schreiber, je größer der Verteiler, umso besser. Und nur einer wusste alles: Tal Silberstein, der Herr der Daten, aller Daten.

Die beleidigt klingende Klageschrift über den ORF soll man aber nicht überbewerten. Alle Parteien beschweren sich über den ORF, alle außer den NEOS greifen dort mit gierigen Händen hinein, um Posten oder auch nur Sendesekunden zu ergattern. Und das Bürgerforum, das Kanzler Kern und Vize Mitterlehner gleichermaßen erboste, war einfach eine schlechte Sendung, weil viel gesudert, wie Alfred Gusenbauer sagen würde, aber nichts wirklich besprochen wurde.

Aber dass ein Kanzlerkabinett dann in riesiger Runde darüber berät, wie man Medien besser nutzen könnte und dabei Binsen drischt, beweist eher amateurhaftes Anfängertum als brutalen Zugriff auf einen angeblich unabhängigen Sender. Dass Puls4 auch Zuseher, noch dazu junge hat, ist eine Erkenntnis, die man auch ohne Berater hätte gewinnen können.

Man kann ja nur hoffen, dass dieses Silbergate eine Auswirkung über Österreich hinaus hat, nämlich, dass Politiker wieder mehr an Inhalte denken und die auch erklären, ohne sich auf Spindoktoren und Redenschreiber zu verlassen. Theresa May, die britische Premierministerin mit Ablaufdatum, hat auf ihrem Parteitag eine Rede vorgelesen, die eine wörtliche Passage aus der TV-Serie West Wing enthielt: „Our capacity may well be limitless.“ Ja, unsere Geduld mit Kalendersprüchen nicht.

Apropos Geduld. Die ist jetzt auch unseren Teamspielern ausgegangen, soweit sie überhaupt noch zur Nationalmannschaft kommen. Das Team ist in Auflösung, Marcel Koller muss noch dabei sein, das ist wie ein Kuschelwochenende im Wellnesshotel, wenn der Scheidungstermin schon steht, wie Hans Krankl alias Alex Kristan wunderbar formuliert. Das Team ist führungslos, Leo alleine in Wien, schreibt KURIER-Sportchef Bernhard Hanisch. Leo, das ist ÖFB-Präsident Leo Windtner. Da ist gerade mehr in Auflösung als die Innenpolitik.

( kurier.at ) Erstellt am 06.10.2017