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Leitartikel
02/16/2020

130 oder 140? Die beschränkte Debatte

Über Stellvertreterdiskussionen und die neuen Religionskrieger auf dem Schlachtfeld Straße

von Gert Korentschnig

Dass der damalige Verkehrsminister Norbert Hofer Teststrecken zur Befahrung mit 140 km/h einführte, war reiner Populismus – ja, wir haben uns gewundert, was alles möglich war.

Dass seine Nach-nach-Nachfolgerin Leonore Gewessler diese nun wieder abschafft, ist es ebenso. Ein Tropfen auf dem heißen Asphalt.

Zehn km/h auf oder ab machen wenig Unterschied. Weder in die eine Richtung (man erspart sich kaum Zeit), noch in die andere (es gab auf den Teststrecken keine Unfallhäufung). Außerdem stammen die Tempolimits aus einer Zeit, da die meisten Kisten schon bei weit geringeren Geschwindigkeiten so laut schepperten, dass man die Musikkassette nicht mehr hören konnte.

Wo das Tempo unzweifelhaft einen Unterschied macht: bei den Emissionen. Um die einzudämmen, wäre es am besten, ganz auf die Blechkiste zu verzichten. Zumindest dort, wo das möglich ist. Aber über diese Debatte traut sich niemand drüber. Da wird lieber mit zehn km/h Symbolpolitik gemacht als mit echten Verkehrskonzepten. Das Aufstellen und Abmontieren von ein paar Tafeln kostet viel weniger als ein intensiver Ausbau der Öffis (und ist auch mit weniger Unannehmlichkeiten verbunden). Weniger als eine konsequente Elektrifizierung der Autos. Von radikalen Limits – 30 in sämtlichen Gemeinden, 100 auf allen Autobahnen – ist aus Angst vor dem mit dem Bleifuß Wählenden ohnehin keine Rede.

Ideologische Aufmunitionierung

Die 140/130er-Frage ist also eine reine Ersatzdebatte, mit der sich herrlich Stimmung machen lässt. In ein paar Jahren werden wir darüber in unseren dahingleitenden Automobilen vermutlich schmunzeln. Die Geschwindigkeit steuert dann wohl der Algorithmus. Heute jedoch eignet sich die beschränkte Debatte zur ideologischen Aufmunitionierung. Das Gehirn muss dafür gar nicht mehr schalten, sondern fährt längst auf Automatik: Blau = Recht auf Rasen, Grün = Liegen auf dem Rasen.

Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, wie manche Verkehrskrieger, die auf das Fahrrad umgestiegen sind, ihre neue Lenkwaffe mit der gleichen Aggressivität steuern wie davor ein Automobil. Achten Sie mal auf den Blick mancher Radfahrer (sofern man unter ihren Kampfhelmen noch etwas erkennen kann), wenn ein Fußgänger es wagt, zu nahe zu kommen. Ihre Gerätschaften werden auch immer größer – Tret-SUVs mit Anhängerkupplung. Offensichtlich ist es für die Psyche egal, wie viele Räder man unter sich hat. Auf dem Schlachtfeld heißt es: Benzinbrüder gegen Radschwestern – und alle gegen die zu Fuß gehenden Weicheier.

Eine kluge Verkehrspolitik ist übrigens möglich. Wenn wir dann mit den Ersatzdebatten fertig sind.