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Kolumne
07/27/2022

Wenn Fleischverzicht einem Familienbruch gleicht

Die größte Schwierigkeit ist nicht, auf Fleisch zu verzichten, sondern sich rechtfertigen zu müssen, warum man das macht.

von Naz Kücüktekin

Kürzlich veröffentlichte das Online Research Institut Marketagent seine Ergebnisse zum Fleischkonsum in Österreich. Eine der Erkenntnisse der Studie ist, dass viele der Befragten zwar mehrmals die Woche Fleisch essen, sich aber gleichzeitig für weniger Konsum aussprechen, weil sie sich der Nachteile bewusst sind. Zu dieser Gruppe an Menschen gehörte ich auch lange Zeit. Bis ich vor ungefähr sechs Jahren beschloss, die Unstimmigkeit zu beseitigen, und mein Essverhalten - auch als große Fleischliebhaberin - meinen Überzeugungen anzupassen.

Jahre später kann ich nun sagen: Die größte Schwierigkeit ist es nicht, auf Fleisch zu verzichten, sondern sich rechtfertigen zu müssen, warum man das eigentlich macht. Vor allem bei meiner türkischen Familie. Denn mag man als Vegetarierin in urbanen Wiener Raum schon fast als Norm gelten, sieht man das in der Türkei ein wenig anders.

Entsetzen, Sorgen, Enttäuschung

Am schlimmsten war wohl der erste Familienbesuch nach meiner Entscheidung, ein fleischloses Leben führen zu wollen. Das Spektrum der Reaktionen war breit.

Von Überraschung und Entsetzten ("Kein Fleisch?! Auch kein Fisch?!",  "Aber Sucuk (türkische Knoblauchwurst) isst du schon?") bis hin zu Skepsis und Überheblichkeit ("Das hältst du eh nie durch", "Das ist doch nur wieder nur so ein Trend unter euch Jungen"). Auch Sorgen machten sich bemerkbar: "Wie kommst du denn auf deine Nährstoffe?" Bis heute führen so manche auch nur eine Erkältung auf meinen Fleischverzicht zurück (weil Menschen, die Fleisch essen, nie krank werden?). Einmal wurde sogar dem Vegetarismus die Schuld in die Schuhe geschoben, weil ich meinte, mir sei kalt. Aber vor allem hörte ich in den Reaktionen eines: Enttäuschung.

Enttäuschung darüber, dass ich freiwillig auf etwas verzichte, was ihnen viel bedeutet. Etwas, das besonders ist, dass man nicht jeden Tag isst. Etwas, dass in dem Land, in dem Gastfreundschaft großgeschrieben wird, gerne als Zeichen der Wertschätzung betrachtet wird.

Bis heute ist sie ein wenig da, die Enttäuschung darüber, dass man mit mir nicht "gut essen gehen‘ kann". Aber wohin soll man nur mit ihr hingegen, sie isst doch kein Fleisch? Noch immer nicht.

Das Absurde an dem ganzen ist ja: In kaum einem anderen Land ist es meiner Erfahrung nach so einfach, vegetarisch und gut zu essen wie in der Türkei. Auch wenn das Land für Kebab und Fleischgerichte bekannt, wird dort immens viel Gemüse gegessen. Und im Restaurant hat man oft mehr Auswahl als drei Beilagenoptionen.

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