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11/26/2021

Türkische Lira im Keller: Was das für die Bevölkerung bedeutet

Während sich Touristen über den niedrigen Wechselkurs freuen, rutschen immer mehr TürkInnen in die Armut.

von Naz Kücüktekin

300 Lira. Sie sind in der hintersten Ecke einer Schublade gelagert. Die Überreste des letzten Türkei-Besuchs. Man hat sie nicht mehr in Euro umgetauscht, weil der nächste Trip nie so lange auf sich warten lässt. Das war im Sommer 2019. Damals waren diese 300 Lira um die 50 Euro wert.

Mehr als zwei Jahre und eine Pandemie später lässt der nächste Türkei-Besuch noch immer auf sich warten. Und die 300 Lira sind nur mehr 22, 28 Euro wert (Stand 25.11.2021).

Explodierende Preise

Seit Monaten kam man nun quasi dabei zuschauen, wie der Lira von Tag zu Tag an Wert verliert. In den letzten Tagen ist es so schlimm, dass sogar schon internationale Medien über den fatalen Fall der türkischen Währung berichten. Begriffe wie Zinspolitik, Notenbank und Inflation sind in den Medien zu lesen. Auch, dass man sich als Tourist freuen kann, gerade in der Türkei Urlaub zu machen. "So billig wie nie", schreibt die englische SUN.

In den türkischen Medien liest man hingegen ganz andere Schlagzeilen: "Preiserhöhung für Lebensmittel", "Brot wird ab sofort wieder teuer" oder „Wie viel Liter Benzin können Sie mit 50 Lira jetzt kaufen?“.

In Fernseh- und Videoreportagen lässt man hingegen BürgerInnen zu Wort. Was gesagt wird, ist meist dasselbe: "Es ist alles so teuer. Wir können uns kaum noch etwas leisten".

12,60 türkische Lira für ein Kilo Mehl, 5 für eine Packung Nudeln, 5,1 Liter Benzin für 50 TL. Der Mindestlohn, den rund die Hälfte der türkischen Bevölkerung verdient, beträgt derzeit 2,825 Lira netto. 

Die Inflation und die damit verbundenen Preiserhöhungen, die sich vor allem bei Lebensmitteln niederschlagen, dominieren die Berichterstattung, aber auch soziale Medien und die Gespräche mit den Verwandten.

„Als der Unterricht begonnen hat, lag der Dollar-Kurs bei 11. Nach dem Unterricht sind es 13“, schreibt ein Twitter-User. An dem Tag fällt der Lira nach Aussagen von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan auf ein Rekordtief. „Dolar13TL“ wird in den nächsten Stunden zum trendigen Hashtag auf sozialen Medien.

Eine Cousine postet keine Hashtags, sondern nur Screenshots vom Lira-Dollar zu verscheiden Zeitpunkten. Zuerst ist ein 10 vorm Dollar zu sehen, dann ein Elfer, und irgendwann eine 13. Ähnliche Post teilen viele andere auch.

Die Tante erzählt beim Telefonat von ihren Einkäufen. „Eine Handvoll Artikel und ich bin schon bei 100 Lira im Supermarkt. Am Markt fülle ich gerade mal meinen Rucksack voll mit ein bisschen Obst und Gemüse, und schon bin ich bei 200 Lira“. Wenn es so weitergeht, werden es nächste Woche wohl noch mehr sein.

Regierungsmitglieder oder die First Lady geben indes Tipps, wie man klüger einkaufen und handeln kann: Vorher etwa eine Einkaufsliste schreiben, nicht hungrig einkaufen gehen, nichts kaufen, was man nicht wirklich braucht oder einfach kleinere Portionen essen.

Die Stimmung ist schlecht. Die Wut mittlerweile groß.

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