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10/10/2021

Explodierende Preise heizen Unmut der Türken an

Präsident Erdoğan gerät immer stärker unter Druck. Erste Spekulationen um seine Nachfolge setzen bereits ein.

von Naz Kücüktekin

Wenn die wirtschaftliche Lage eines Landes schlecht ist, dauert es meist nicht lange, bis sich auch die politische verschlechtert. In der Türkei wird man derzeit Zeuge davon. Das Land kämpft mit einer der schlechtesten Lagen seit Langem.

Allein im September sind die Verbraucherpreise in der Türkei um 1,25 Prozent gestiegen. Die hohen Zahlen spiegeln sich auch im Alltag wider, gerade im Supermarkt sind die erhöhten Preise zu spüren. Unter dem Hashtag „fiyatlar“ (türkisch für Preise) posten Menschen auf sozialen Medien Preisvergleiche.

Der Preis für eine Packung mit 36 Eiern etwa ist binnen eines Jahres von 17 auf 34 Lira gestiegen. Ein Fünf-Liter-Kübel Joghurt hat sich im selben Zeitraum von 13 auf 20 Lira gesteigert. Während man 2016 fünf Liter Sonnenblumenöl für 27 Lira kaufen konnte, bekommt man aktuell dafür gerade einen Liter.

Eine große Rolle bei der Teuerung spielen die derzeitigen Energiepreise. Sowohl Öl als auch Gas werden an den Weltmärkten immer teurer. In Kombination mit der derzeit sehr schwachen türkischen Währung leidet das Land massiv darunter. Die türkische Lira ist auf einem Rekordtief.

Katastrophen

Hinzu kommen die Folgen der Corona-Krise und der Lockdowns. Auch der Tourismus, der für die Türkei der wichtigste wirtschaftliche Träger ist, blieb unter den Erwartungen. Gerade im Sommer hatte das Land mit Naturkatastrophen zu kämpfen. Waldbrände machten über Wochen hinweg die Ägäis zum Krisengebiet. In der Haupturlaubszeit mussten zahlreiche Hotels evakuiert werden. Mehr als 150.000 Hektar Land wurden schätzungsweise zerstört, acht Menschen kamen ums Leben.

Extreme Regenschauer und Überflutungen zerstörten kurz daraufhin Ortschaften an der Schwarzmeerküste im Norden des Landes. Und den „Meeresschleim“, ein Ausscheidungsprodukt bestimmter Algen, der das Marmarameer zeitweise bedeckte, gab es auch noch.

Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wird immer größer und zeigt sich nun auch in sinkenden Umfragewerten: Die Regierungspartei von Präsident Recep Tayyip Erdoğan stürzt an die 30-Prozent Marke. Im Vergleich dazu: Bei den Parlamentswahlen 2018 holte die AKP 42,6 Prozent der Stimmen. Auch die Umfragewerte des Koalitionspartners, der nationalistischen MHP, gehen zurück.

Erdoğans Krisenmanagement dürfte auch seinen Teil dazu beitragen. Für Aufregung sorgte kürzlich seine Reaktion auf die hohen Supermarktpreise. Erdoğan ging einkaufen und berichtete, „dass die Preise doch in Ordnung“ seien.

Opposition tobt

Von der Bevölkerung und der Opposition hagelte es Kritik. „Du zahlst weder Strom noch Gas oder Wasser. Weißt du überhaupt wie jemand mit Mindestlohn überlebt? Weißt du, wie hoch die Preise sind?“, konterte Kemal Kiliçdaroglu, Vorsitzender der sozialdemokratischen CHP.

Die Oppositionspartei könnte von der derzeitigen Situation am meisten profitieren. Sie legt in den Umfragewerten zu, wie auch die IYI Parti – die beiden bilden seit 2018 ein Wahlbündnis. Im Jahr 2023 finden Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in der Türkei statt.

Kampf um die Nachfolge

Die Frage, ob Erdoğan da überhaupt antreten kann, ist noch nicht zu beantworten. Der Gesundheitszustand des Präsidenten beschäftigt derzeit die Gerüchteküche. Erdoğans Konter in Form eines Videos, in dem er Basketball spielt und dabei eher desorientiert wirkt, heizte die Situation aber nur noch mehr an.

Im Hintergrund soll der Kampf um die Nachfolge bereits begonnen haben. Als mögliche Kandidaten gelten der frühere Generalstabschef und aktuelle Verteidigungsminister Hulusi Akar, Innenminister Süleyman Soylu sowie der langjährige Geheimdienstchef Hakan Fidan. Alle drei zählen zum nationalistischen Lager.

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