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Interview
11/02/2021

Nilam Farooq: "Es hieß oft: Für dich gibt es keine Rollen"

Für die Schauspielerin mit dem polnisch-pakistanischen Background war es anfangs nicht leicht in der Filmbranche.

von Naz Kücüktekin

Nilam Farooq ist derzeit in "Contra" als Hauptdarstellerin Naima Hamid in den heimischen Kinos zu sehen. Der Film thematisiert Rassismus und wie man damit umgeht bzw. darüber spricht. Themen, die für Farooq, Tochter einer Polin und eines Pakistani, die in Berlin aufgewachsen ist, nicht fremd sind. Im Interview mit MEHR PLATZ erzählt die 32-jährige Schauspielerin über ihre Karriere-Anfänge bzw. warum es zunächst an Rollen für sie mangelte und wann auch sie in einer Debatte mal die Fassung verliert.

MEHR PLATZ: Sie spielen in „Contra“ eine Studentin, die immer wieder mit Rassismus konfrontiert ist. Wie haben Sie sich denn auf diese Rolle vorbereitet?

Nilam Farooq: Was wir im Film sehen, ist schon Rassismus, da muss man sagen, vor allem zu Beginn der Geschichte. Das habe ich in meinem Leben zum Glück nie in dieser Härte erfahren. Aber Alltagsrassismus ist ein Thema, das mich natürlich auch in Deutschland begleitet hat. Ansonsten musste ich mich auf die Themen Sprache und Debattieren vorbereiten. Mir wurde ein Rhetorik-Coach an die Seite gestellt, wir sind zusammen durch Deutschland gereist und haben Debattier-Wettbewerbe besucht. Das war eine ganz eigene neue Welt für mich, die ich vorher noch nicht kannte.

Wenn Sie meinen, sie kennen Alltagsrassismus durchaus auch: Ist es, weil Sie selber Migrationshintergrund haben?

Ich sehe nicht so aus, wie man typischerweise denken würde, dass eine Deutsche aussieht. Ich bin in Berlin geboren, aber meine Mutter ist Polin und mein Vater Pakistani. Das war, glaube ich, auch immer mein Glück, dass die Mischung recht spannend für die Leute war. Die haben mich nicht direkt in eine Schublade gepackt, sondern immer eher gefragt: "Und wie haben sie sich kennengelernt? Das ist ja eine faszinierende Kombination." Aber trotzdem, auch gerade in der Branche, habe ich oft Sätze gehört wie: "Ich kann solche Rollen nicht spielen. Ich kann so in meiner Rolle nicht heißen." Das sind alles so Sachen, die mich dann doch in eine Schublade stecken und mich schon immer begleiten.

Löst sich das Ihrer Meinung nach langsam auf?

Es würde der Sache nicht gut tun, wenn ich sage, dass es sich auflöst, weil dann haben Leute immer schnell das Gefühl "Ach, jetzt haben wir es geschafft". Da sind wir noch lange nicht. Aber es passiert einiges und ich merke auch wirklich durch meine Rollen in den letzten fünf, sechs Jahren eine Veränderung. Ich darf langsam andere Sachen spielen. Es geht mir für meinen Geschmack aber natürlich viel zu langsam. Aber ich bin froh, dass das Thema weiter präsent ist und behandelt wird. Ich habe mittlerweile auch nicht mehr das Gefühl, dass es nur ein Trend oder Hype ist.

Was bräuchte es denn noch?

Mehr Kommunikation auf jeden Fall. Es sind oft Alltagsrassismus-Situationen, die nicht entstehen, weil jemand böse ist, sondern weil jemand unbeholfen ist in seiner Formulierung und vielleicht Dinge gar nicht so meint. Oder eben grundsätzlich eine Änderung des Mindsets. Viele Menschen sind mit bestimmten Ideen groß geworden und haben es nie hinterfragt. Und ich glaube, da müssen wir einfach ganz früh anfangen. Es gibt die Menschen aus der älteren, leider oft festgefahrenen Generationen, die gar nicht bereit für Veränderungen sind. Und deswegen muss man über Bildung an die Jüngeren herantreten, damit sich in den nächsten Jahren eine neue Gesellschaft entwickelt, die von Anfang an ein anderes Mindset hat.

In "Contra" geht es ums Debattieren und Diskutieren. Aber gibt es für Sie auch so Punkte, wo Sie sagen: "Da diskutiere ich nicht mehr"?

Ja, selbstverständlich. Rassismus kann nicht mit Argumenten begründet werden. Es gibt kein Argument für Rassismus. Und wenn jemand einfach nicht bereit ist, sich auf eine faire Diskussion einzulassen. Natürlich kommen dann bestimmte Dinge dazu, wenn man etwa über ganz harte Fälle redet, die unmenschlich sind. In solchen Situationen kann ich dann nicht, da bin ich zu impulsiv und schnell gereizt. Und dann sollte man mich lieber schnell von den Menschen wegbringen. Trotzdem versuche ich natürlich immer abzuwägen: Ist das jetzt ein hoffnungsloser Fall oder ist da noch in irgendeiner Form was zu holen?

In einer Szene im Film wird ihre Rolle Naima wirklich heftig rassistisch beleidigt. Von ihrem Professor wird ihr daraufhin geraten, ruhig zu bleiben und nicht darauf einzugehen. Wie sehen Sie das: Muss man trotzdem immer sachlich bleiben?

Ich versuche meine Meinung nur zu äußern, wenn ich gefragt werde. Ich finde, oft geben Menschen bei zu vielen Themen ihren Senf dazu. Aber wenn ich in bestimmte Situationen komme, dann kann ich mich, wie gesagt, nur sehr schwer zügeln und zurückhalten, auch wenn es vielleicht manchmal schlauer wäre. Das geht dann mit meinem Temperament und der Impulsivität einfach nicht. Da muss dann auch raus, was ich denke oder sagen will.

Also ist okay in solchen Situationen auch Gefühle zu zeigen?

Gefühle sind immer okay. Es muss nur über der Gürtellinie bleiben. Und selbst wenn jemand die unterschreitet, ist es keine Erlaubnis für mich, die auch bei dem anderen zu unterschreiten.

Der Film endet mit einem ziemlichen Happy End - "die kleine Araberin schafft es" (Anm.: Zitat aus dem Film). Kann es wirklich jeder schaffen? Oder ist es doch nur ein Film?

Ich finde es lustig, wenn Leute sagen, es wäre nur im Film so. Ich habe selber einen Weg eingeschlagen, der nicht klassisch vorgegeben war. Mir wurde anfangs gesagt: "Das brauchst du nicht machen, es gibt keine Rollen für dich." Und jetzt sitze ich hier und bin eigentlich ganz happy darüber, wie es gelaufen ist. Also ja, Happy Ends gibt es. Und ich bin ein totaler Fan davon, immer zu verfechten, wonach dein Herz strebt, egal wie platt und klischeehaft das klingt. Ich glaube aber auch, dass Glück immer ein ausschlaggebender Faktor ist. Einer, auf den man am wenigsten Einfluss hat.

Würden Sie rückblickend etwas in ihrer Karriere anders machen?

Ich hätte mir gewünscht, mich gerade in meinen Anfängen mehr zu trauen, zu äußern, wenn mir etwas nicht gepasst hat. Ich nehme Konsequenzen in Kauf, wenn ich glaube, dass ich für das richtige einstehe.

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