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07/04/2021

Luxus auf dem Wasser: Historische Segelboote am Wörthersee

100 Jahre alter Holzsegelboote. Schmuckstücke von seltener Eleganz und oft abenteuerlicher Geschichte.

von Robert Buchacher

Bei mäßigem Wind gleiten die historischen Holzboote beinah lautlos durchs türkisgrüne Wasser. Sobald sich die Segel stärker blähen, hört man das Knarren des Masts im Bauch des Schiffes. Und bei heftigem Wind legen sich diese Klassiker soweit zur Seite, dass sie mit dem Deckrand ins Wasser tauchen, als würden sie in der nächsten Sekunde kentern. Aber dank eines speziellen, mit Blei gefüllten Langkiels samt inte-griertem Ruder ist das noch nie passiert, versichern ihre Besitzer.
Die Bootseigner sind ein kleiner Kreis älterer Herren – Techniker, Ärzte, Unternehmer, Schlossbesitzer – denen die Liebe zu diesen Raritäten deutlich anzumerken ist. „Wir verbringen jede freie Minute auf unseren Booten am See“, bekennt etwa der Veldener Unternehmer Ingo Hopfgartner. Der Oldtimer-Fan besitzt neben einem Pontiac 1928 und einer Harley Davidson 1947 auch zwei der ältesten Segelboote am Wörthersee.
 

 Mit ihren 126 Jahren ist die „Annie“ (Baujahr 1895) auch eines der schönsten Segelboote Österreichs. Nachdem das Schiff 20 Jahre lang dahingemodert war, erwarb Hopfgartner das Stück für einen symbolischen Euro. Am Hänger schleppte er das Wrack zur Michelsen-Werft in Friedrichshafen am Bodensee, wo es im Rahmen eines zweijährigen Förderprogramms für vom Aussterben bedrohte Handwerke behutsam und aufwendig restauriert wurde. Das Ergebnis weckte das Interesse der Fachwelt. Das deutsche „Yacht“-Magazin widmete dem „besonderen Boot“ eine 6-Seiten-Story. Fazit: „Das Schiff ist makellos und von überzeugender Eleganz.“
 

Rettung der eleganten Annie
Ein besonderes Boot ist die „Annie“ aber auch aufgrund ihres genialen Konstrukteurs Nathanael Greene Herreshoff. Der Amerikaner mit deutschen Vorfahren genieße „den Ruf des vielleicht erfolgreichsten und kreativsten Yachtkonstrukteurs aller Zeiten“, schrieb das deutsche Magazin. Gebaut wurde das Schiff von Richard Young, ein aus Irland eingewanderter Werftbesitzer in Pritschitz am Wörthersee. Die Werft gibt es längst nicht mehr. Geblieben ist die elegante „Annie“, dank Rettung durch Hopfgartner.
 

Dieser hat aber noch einen zweiten Klassiker vor dem Verfall gerettet – die „Onkel Adolph“, die 1907 als Gewinnerin der ersten „Sechs-Meter-Regatta“ in Frankreich Schlagzeilen gemacht hatte. Im Jahr davor hatten internationale Segler-Vereinigungen die 6-Meter-Klasse als Regelwerk für klassische Rennsport-Yachten festgelegt, eine komplizierte Formel verschiedener Maße, die in Summe sechs Meter ergab. Benannt ist die „Onkel Adolph“ nach dem vermögenden Hamburger Unternehmer Adolph Burmeesters, der den Bau des Schiffes in der Hamburger Werft Wilhelm von Hacht in Auftrag gegeben hatte. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurde die Yacht in einem See versenkt, um sie vor dem Zugriff durch die NS-Rüstungsindustrie zu schützen, die es auf den tonnenschweren Eisenkiel des Boots abgesehen hatte. Das Schiff galt lange Zeit als verschollen, bis es in einem Internetforum auftauchte und in Monfalcone bei Triest originalgetreu restauriert wurde. Jetzt segeln Hopfgartner und seine BegleiterInnen stilsicher in weißem Leinen mal mit der einen, mal mit der anderen Yacht.
 

Wie Gold gehandelt
Ein besonders schönes 6-Meter-Boot mit einer bunten Geschichte ist auch die „Teresa“, gebaut 1912/13 bei Anker & Jensen in Norwegen, mit edlem Holzaufbau und Kajüte. Zu ihren Eigentümern gehörten der bekannte Wiener Fotograf Kurt Schäfer, Kons-trukteur der ersten modernen Unterwasserkamera, sowie Österreichs bisher einziger Raumfahrer, Franz Viehböck, heute Vorstand der Berndorf AG. Der heutige Eigentümer des Bootes ist der Klagenfurter Unternehmer Peter Steiner, der auch ein sehenswertes Fotobuch von der „Teresa“ besitzt.
Ihrer gediegenen Holzverarbeitung wegen hervorzuheben ist auch die „Margaux“ (Baujahr 1911). Das Schiff, benannt nach dem weltberühmten Bordeaux-Weingut Château Margaux, wurde im Jahr 2010 in Frankreich erworben und an den Wörthersee geholt. Deck und Kajüte sind aus edlem Mahagoni-Holz, die Spanten im Inneren des Bootes aus teilweise eisenverstärkter Eiche. Wie die meisten der genannten Boote trägt auch die „Margaux“ die begehrte Zusatz-Klassifikation „First Ruler“ (Baujahre 1907-19).
 

 „Diese Boote werden wie Gold gehandelt“, erklärt der pensionierte Wiener Kardiologe und Sportmediziner Peter Schmid, Eigentümer einer weiteren 6-Meter-Ikone vom Wörthersee, der „Gefion III“. Wie seine Klassiker-Freunde versteht auch Schmid sich als Bewahrer eines alten Kulturguts und sorgt sich darum, wer die Tradition nach ihnen weiterführen wird. Seit Generationen steht die im Jahr 1911 in Norwegen gebaute Gefion im Familienbesitz.
 Der ursprüngliche Eigentümer des Schiffs, Schmids Großonkel Ernst Schreiner, Geschäftsmann in Graz, war als Hauptaktionär der Reininghaus-Brauerei vermögend genug, um sich so ein Boot leisten zu können. Er war Mitglied des K. u. k. Yachtgeschwaders in Pola, dem Nobelclub der Monarchie, dessen Präsident immer Mitglied des Kaiserhauses sein musste. Noch heute trägt die Gefion die Flagge dieses Geschwaders.
 

Bis 1914 ersegelte Schreiner bei insgesamt 85 Regattenstarts 48 Siege. Er war einer der wenigen österreichischen Segler dieser Zeit, der anlässlich der Kieler Woche 1912 am Tisch bei Kaiser Wilhelm geladen war. Und Kaiser Franz Joseph gratulierte ihm telegrafisch zu einem seiner Regattensiege in Pola.
Das meist gereiste Klassiker-Boot vom Wörthersee ist aber die „Rarahu“, gebaut 1913 bei Morgan & Giles in England. Der ursprüngliche Besitzer, der Unternehmer Otto Wirth, bestritt mit dem Boot sehr erfolgreich zahlreiche Regatten rund um den Erdball. Für den Transport des Bootes besaß er einen eigenen Eisenbahnwaggon samt Wohnabteil für zwei Matrosen. Er selbst reiste im Auto mit Chauffeur oder per Schiff nach. Nebenbei besaß Wirth auch das Schloss Frauenstein bei St. Veit an der Glan.  Die „Rarahu“ und Schloss Frauenstein gehören bis heute seinen Nachfahren. Auf Initiative von „Graf“ Karl Khevenhüller-Metsch, Eigentümer der Burg Hochosterwitz und mittlerweile Teilhaber der „Rarahu“, wurde das Boot in den Jahren 2012/13 im ostenglischen Aldeburgh generalüberholt und so das Schmuckstück vor dem Verfall gerettet.

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