Dass die Erde eine Art Kugel sein muss, wussten intelligente Menschen schon vor Magellans Reise

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Reise
09/14/2019

Faszination Segeln: Wie weit ein Traum führen kann

Segeln ist auch 500 Jahre nach Magellan vielfältig und reicht von der Entdeckung der Langsamkeit bis zum hektischen Kampf mit den Launen der Natur.

Der Rudergänger steht wie in Trance am großen Rad. Die elektronischen Instrumente, die Kurs und Wind anzeigen, werden ignoriert. Er orientiert sich an ein paar Wollfäden in den Segeln und an den Wellen. Ab und zu fällt sein Blick auf die Geschwindigkeitsanzeige: sieben Knoten. Nach Festland-Maßstäben kümmerliche 12 km/h, auf dem Meer ein Zeugnis dafür, dass er gerade alles richtig macht.

Keiner in seiner Crew wagt jetzt auch nur zu fragen, ob der Mann am Steuer abgelöst werden will. Irgendwann wird er schon müde werden. Vielleicht in zwei Stunden, wenn wir die Landzunge da vorne erreicht haben. Und dann kommt meine Zeit.

Die Beweggründe dafür, dieses variantenreiche Spiel mit Wind und Wellen mitzuspielen, sind im Grunde die gleichen wie vor tausenden von Jahren: Pioniergeist, Abenteuerlust, der zwanghafte Wunsch, Neues zu entdecken. Der Planet ist erforscht, alle Inseln in den Seekarten eingezeichnet. Heute geht es nicht mehr darum, eine Passage nach Indien zu finden oder ein neues Eiland zu erobern. Es geht um individuelle Entdeckungen von Traumbuchten, zerklüfteten Steilküsten und verschlafenen Ortschaften, die über den Landweg gar nicht erreichbar sind. Was ganz harmlos beginnt, zum Beispiel mit einem Binnensegelkurs auf der Alten Donau, gipfelt nicht selten in einer Weltumseglung. Hat dich der Wind dieser Leidenschaft erfasst, treibt er dich ein Leben lang vor sich her. Segeln ist eine Art Rauschgift. Die Sucht zwingt dich dazu, immer mehr erleben zu wollen. Selbst monatelange, penible Vorbereitungen, Urlaubswochen, die in Schwerarbeit ausarten und Fehlversuche aller Art können dich nicht heilen.

Magellans Route

In der inzwischen endlosen Liste der Weltumsegler sucht man den Namen des Pioniers vergeblich. Vor 500 Jahren (am 20. September 1519) brach Ferdinand Magellan, ein portugiesischer Visionär im Dienste der Spanier, mit rund 240 Mann Besatzung zu einer Handelsfahrt auf. Primär ging es um Gewürznelken. Dass die Victoria im Zuge dieser chaotischen Fahrt als einziges der fünf Schiffe schließlich die Welt umrundete, war Zufall. Ihr Kapitän Juan Sebastián Elcano und 17 weitere Überlebende der Start-Crew gelten somit offiziell als die ersten Weltumsegler. Ferdinand Magellan kam hingegen auf einer Philippinen-Insel bei einem Gefecht mit Eingeborenen ums Leben. Seine Reise war ein von Meutereien, Unfällen, Krankheiten und Versorgungsnotstand geprägtes Desaster.

Den Skippern der Jetztzeit sei sie nicht zur Nachahmung empfohlen.

Dass die Erde eine Art Kugel sein muss, wussten intelligente Menschen schon vor Magellans Reise. Auch wenn die Zahl jener Idioten, die den Planeten für eine Scheibe halten, 500 Jahre später stark zunimmt: Die Victoria lieferte nicht nur Gewürznelken, sondern auch den letzten Beweis für die Kugel-Theorie. Und weltweit gibt es seither wohl zumindest unter den Seglern keinen einzigen Narren mehr, der davor Angst hat, mit seinem Boot von der Kante der Scheibe zu plumpsen.

Die Faszination des Ozeans

Moderne Rennjachten, wie etwa die Malizia II, mit der Greta Thunberg über den Atlantik gebracht wurde, schaffen bis 70 km/h. Die Handelsschiffe des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit erreichten bei optimalen Bedingungen 7 km/h. Jedes durchschnittliche Charterschiff ist doppelt bis drei Mal so schnell unterwegs. Die Faszination des Ozeans wird heute ganz anders verstanden als im Zeitalter der alten Handelsflotten, doch sie ist immer noch gewaltig. Freizeit-Kapitäne kutschieren ihre Chartergäste durch die dalmatinische Inselwelt, rund um Menorca oder entlang der Amalfiküste. Fortgeschrittene lieben das Starkwindrevier der Ägäis, auch die kleinasiatische Küste feiert gerade ein Comeback – trotz Erdogan. Ölzeug-Törns in den norwegischen Lofoten, den schottischen Hebriden oder zumindest in der Ostsee kommen immer mehr in Mode. Ein Revier für Atlantik-Einsteiger ist die Algarve im äußersten Südwesten Europas. Wer einmal so weit kommt, darf zumindest damit beginnen, von einer Weltumseglung zu träumen. Wie weit kann so ein Traum führen?

Weltrekord

2017 haben Francis Joyon und seine fünfköpfige Crew auf der Idec 40 Tage, 23 Stunden und 30 Minuten gebraucht. Das ist bis heute der Weltrekord. Der Trimaran des Franzosen ist kein Elefant, keine Lokomotive, kein Auto, keine Pferdekutsche, kein Heißluftballon und kein Dampfschiff – all diese Verkehrsmittel standen der berühmten englischen Romanfigur Phileas Fogg des Franzosen Jules Verne zur Verfügung, um die Erde in 80 Tagen zu umrunden. Obwohl die komplette Runde für die meisten Träumer Zeit ihres Lebens ein Wunschtraum bleibt, erlebt das Segeln seit Jahrzehnten einen wechselhaften Boom. Dieser hatte im Rahmen der Wirtschaftskrise einen schlimmen Durchhänger, denn billig ist diese Form des Abenteuers nicht. „Segeln ist Geldscheine zerreißen unter der kalten Dusche“, lautet ein viel frequentierter Spruch zum Thema. Als Abschreckung taugt dieser Satz nicht wirklich. Denn derzeit befinden wir uns im Zeitalter der Renaissance, sowohl für die Jachtindustrie als auch für die Charter-Unternehmen. Die zunehmende Skepsis gegenüber Kreuzfahrtschiffen wird diesen Trend verstärken. Viele Segeljachten des 21. Jahrhunderts können schon den leisesten Windhauch in beachtliche Geschwindigkeit umsetzen. Weltumsegler helfen sich natürlich ab und zu mit dem Motor, doch sind die Treibstoffvorräte begrenzt und für echte Notfälle gedacht. Fortschrittliche Skipper setzen auf Solarenergie und Windstromanlagen, um einen alternativen Antrieb zu gewährleisten.

Hinter dem großen Rad

Vor allem aber, um die immer aufwendiger werdende Schiffselektronik speisen zu können: Zwar gilt die Astro-Navigation immer noch als die hohe Schule der Seefahrt, doch nur noch ganz wenige Blauwassersegler lassen sich ohne Wetter- und Navigationsmodelle auf ihren Laptops und Tablets auf Ozean-Überquerungen ein. Auch die edle Kunst des Funkens wird nach und nach von Satellitentelefonen abgelöst. Nach halbseriösen Schätzungen haben bisher rund 30.000 Menschen die Erde umsegelt. Die Optionen werden immer vielfältiger und touristischer. Unter den Weltumseglern sind auch einige Österreicher. Die prominentesten und professionellsten unter ihnen heißen Doris und Wolf Slanec; besser bekannt unter „Seenomaden“. Derzeit läuft ein Großprojekt für eine Teilnahme eines Schiffes unter österreichischer Flagge am Volvo Ocean Round the World Race. Weltumsegler Christian Kargl leitet das ehrgeizige Unterfangen. Österreichs Pionier in diesem seglerischen Spezialsegment ist Andreas Hanakamp, einst Skipper einer russischen Jacht bei diesem Klassiker der Weltumseglungen im Regattamodus. Übrigens: Der erste Österreicher umrundete die Erde zwischen 1621 und 1628. Unfreiwillig, weil er als Schiffbrüchiger von einer holländischen Handelsflotte aufgegabelt wurde. Er hieß nicht Münchhausen, sondern Christoph Carl Fernberger. Nicht jeder kann und will um die Welt segeln. Doch in ihrer Fantasie tun es alle Segler. So. Und jetzt stell’ ich mich hinter das große Rad. (Jürgen Preusser)

Kenner und Kabarettist
Der langjährige KURIER- Sportchef Jürgen Preusser ist selbst über 20.000 Seemeilen gesegelt und beschäftigt sich als Autor und Satiriker mit dem Thema. Auf den Tag genau 500 Jahre nachdem Magellan in See gestochen war, startet Preusser sein neues Kabarett-Programm „Abdrift 2 – meer Satire“ (20.9., 20 Uhr, Stadtgalerie Mödling, dieStadtgalerie.at). Abenteuer und Anekdoten sind auch in Buchform erschienen: „Abdrift 1 – Satire für Segler“ und „Abdrift 2 – meer Satire“ (erhältlich unter juergen@preusser.at)

Angebote
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