Leben
16.07.2018

Wie gefährlich ist Einsamkeit?

Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall durch Einsamkeit? Psychoanalytiker Stephan Doering sagt, was dahintersteckt.

Laut einer wissenschaftlichen Studie der Universität Helsinki erleiden einsame Menschen häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle als Personen, die sich sozial eingebettet fühlen. Die Gründe dafür liegen laut Untersuchung aber nicht an der Einsamkeit per se, sondern den damit einhergehenden ungesunden Lebensumständen einsamer Personen. Jedenfalls sei die soziale Isolation als eigenständiger Risikofaktor zu bewerten. Mit rund 1,5 Millionen Single-Haushalten in Österreich haben sich die Ein-Personen-Haushalte seit 1986 verdoppelt, was viel Potenzial für soziale Isolation und somit Einsamkeit birgt.

Wie würden Sie Einsamkeit definieren?

Stephan Doering: Wichtig ist die Unterscheidung von allein sein und Einsamkeit. Ich kann sehr wohl alleine sein, aber mich nicht einsam fühlen. Weil ich weiß, dass es jemanden gäbe, der mit mir wäre, wenn ich das wollte. Wir sind davon überzeugt, dass Einsamkeit damit zu tun hat, ob ich verinnerlichte Bilder von wichtigen anderen Menschen in mir trage und ich mich auf diese Menschen beziehen kann. Dann fühle ich mich in der Regel auch nicht einsam, sondern alleine oder kann die Einsamkeit aus eigener Kraft überwinden, wenn ich z. B. in eine neue Stadt ziehe, wo ich niemanden kenne.

Und wann sind wir dann einsam?

Einsam sind wir dann, wenn wir diese inneren Objekte der anderen nicht mehr nutzen können, um uns zu beruhigen. Das geschieht, wenn ich schwierige belastende Umstände in meiner Kindheit hatte und keine positiven Beziehungserfahrungen machen konnte, dann habe ich nie solche Bilder verinnerlicht und leide sehr stark unter Einsamkeitsgefühlen. Oder wenn ich eine Depression entwickle und mir aus diesem Grund die Fähigkeit verloren geht, mich auf diese inneren stabilisierenden Bilder zu beziehen.

Gibt es eine Möglichkeit, Einsamkeit zu therapieren?

Wir sprechen nicht von Einsamkeit, sondern von Funktionsstörungen der Persönlichkeit, also dass jemand nicht in der Lage ist, tragfähige Beziehungen aufzubauen, sich selbst nicht beruhigen und steuern kann. Wir würden immer versuchen, die Möglichkeiten, die ein Mensch hat, mit sich, der Welt und Beziehungen umzugehen, zu diagnostizieren. Und natürlich die Krankheitssymptome. Der weitere Blick geht auf die soziale Situation.

Das Thema ist derzeit sehr populär, der deutsche Autor Manfred Spitzer schreibt in seinem Buch, dass die Einsamkeit Todesursache Nummer eins in den westlichen Ländern sei.

Das halte ich für eine populistische Sicht auf die Dinge. Natürlich müssen wir erst fragen, um welche Form der Einsamkeit es sich handelt. Ist jemand aufgrund sozialer Umstände als Migrant in einem feindlichen Umfeld einsam und kann er auch bei guten Ressourcen nicht dagegen ankommen, wird dann krank oder hat jemand von vornherein psychische Probleme und kommt egal in welchem Umfeld nicht wirklich zurecht? Insofern ist Einsamkeit aus verschiedenen Gründen ein Risikofaktor, psychosomatische Krankheiten und selbst körperliche Erkrankungen zu entwickeln, die dann zu erhöhter Sterblichkeit führen können. Aber es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen Einsamkeit und Sterberate.

Die britische Regierung hat jüngst ein Einsamkeitsministerium erschaffen. Wie beurteilen Sie die Intervention der Regierung bei diesem Thema?

Wenn man erkennt, dass eine Gesellschaftsform wie wir sie heute haben, Vereinsamung fördert, weil immer weniger soziale Begegnungsorte und -zeiten vorhanden sind und die Leute immer mehr in die Vereinsamung geraten, dann finde ich es begrüßenswert.

Kann man sagen, was die häufigsten Gründe für Einsamkeit sind?

Es wurde nicht wirklich mit guter Methodik untersucht. Es ist immer ein Zusammenwirken von gesellschaftlichen und psychischen Phänomenen. Gesellschaftlich zerfällt die Großfamilie, sind die Arbeitsbedingungen anders als noch vor 20 Jahren, Leute müssen woanders hinziehen, um noch Arbeit zu finden. Das sind alles Faktoren, die die Vereinsamung begünstigen. Auch die sozialen Medien spielen eine Rolle. Das Fernsehen, dass man alleine zu Hause Zeit vertun kann und nicht ins Gasthaus geht, um andere Menschen zu treffen und kennenzulernen. Das sind die äußeren Faktoren, aber die alleine machen noch nicht krank. Dann wäre ja jeder krank, der in dieser Welt lebt. Es muss eine psychische Verletzbarkeit da sein, dass es jemand nicht schafft, Beziehungen aufzubauen und zu pflegen und nicht zu vereinsamen.

Durch die sozialen Medien können aber auch scheue Menschen aufgrund der Anonymität des Internets Kontakte knüpfen.

Es ist nichts nur gut oder schlecht. Ein kluger Kopf hat mal gesagt: Das Fernsehen macht kluge Leute klüger und dumme Leute dümmer. So glaube ich auch, dass soziale Medien sehr wohl eine Chance sind, Kontakte zu knüpfen und Beziehungen zu bereichern, wenn man sie entsprechend zu nutzen versteht. Andere Menschen, die das nicht können, die soziale Medien wie eine Droge verwenden, um sich immer alleine zu stimulieren, sich abzulenken, die werden dadurch eher in die Vereinsamung getrieben als heraus.

Gibt es eine Altersgruppe, die am häufigsten von Einsamkeit betroffen ist?

Ich zweifle nicht daran, dass es vor allem die älteren Menschen sind, die nach dem Zerfall der Großfamilie nicht bei Kindern und Enkelkindern leben, sondern alleine und dann auch rein physisch nicht mehr genug Kraft und Möglichkeiten haben, etwas zu unternehmen.

Was kann ich gegen Einsamkeit tun?

Das Erste und Wichtigste ist, dass wenn man wirklich unter diesem Zustand leidet, Hilfe sucht und wenn es nur ein diagnostisches Gespräch bei einem Psychotherapeuten oder bei einem Facharzt für Psychiatrie ist. Habe ich vielleicht eine psychische Erkrankung, eine Depression, die es mir so schwermacht? Das andere ist: Wenn ich psychisch nicht krank bin, habe ich in der Regel Kraft und Freiheit genug, im Leben etwas zu verändern. Ich empfehle den Menschen, die Bildschirmzeit zu reduzieren und die Mühsal der realen Beziehungen auf sich zu nehmen. Wo man rausgehen muss, anknüpfen muss, Enttäuschungen erlebt, zurückgewiesen wird und wo es seine Zeit braucht, bis Freundschaften wachsen. Es ist ein Leichtes, sich einem Verein, Chor, einer Sportgruppe anzuschließen. Überall gibt es Angebote, wo man mit anderen Menschen was zusammen machen kann und da muss man seine Scheu und Abneigung überwinden und sich darauf einlassen. Dann wird man schnell merken, dass da ganz was anderes passiert, als wenn man alleine vorm Computer sitzt.

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