Leben
02.11.2018

Widerstand aus Österreich gegen das Binnen-I

Christiane Pabst, Chefredakteurin des Österreichischen Wörterbuchs, ist gegen das oberflächliche Gendern.

Mitte November tagt in Passau der Rat für deutsche Rechtschreibung (siehe unten), ein Gremium, dessen Mitglieder die Rechtschreibregeln mehr oder weniger festlegen. Es wird eine Empfehlung erwartet, ob und wie wir in Hinkunft gendern sollen. Die Kernfrage in Passau: Sind wir wie gehabt und in dieser Zeitung praktiziert, Schreiber? Oder SchreiberInnen? Oder Schreiber und Schreiberinnen? Oder Schreiber_innen? Oder Schreiber*innen?

Der KURIER hat vorab mit der Germanistin Christiane Pabst gesprochen. Sie ist Chefredakteurin für das Österreichische Wörterbuch und vertritt Österreich im Rat. Und sie hat eine streitbare Meinung zum Thema.

KURIER: Verwenden Sie beim Schreiben das Binnen-I, den Unterstrich oder das Sternchen?

Christiane Pabst: Ich persönlich finde, dass die ausgeschriebenen Formen am besten sind, also zum Beispiel: Schreiberinnen und Schreiber.

Warum?

Weil ich damit beide Geschlechter sichtbar machen kann, was ja eigentlich das Ziel sein sollte. Und weil das damit auch grammatisch korrekt ist. Damit wäre die sprachliche Gender-Debatte eigentlich erledigt.

Das hat jedoch den entscheidenden Nachteil, dass dadurch Sätze unverständlich werden.

Ja. Stellen Sie sich zum Beispiel eine Arbeitsanweisung vor, die folgendermaßen lautet: Sehr geehrte Studentinnen und Studenten, bitte legen Sie die ausgefüllten Bögen der Interviewpartnerinnen und Interviewpartner der Auswertung bei, damit die Lehrveranstaltungsleiterin bzw. der Lehrveranstaltungsleiter sowie die Kolleginnen und Kollegen auf die Daten zugreifen können. Der Satz ist – so politisch korrekt er auch formuliert sein mag – keine Arbeitsaufforderung, sondern ein Konzentrationstest.

Wird der Rat in Passau eine Lösung zur Gender-Sprach-Debatte liefern?

Er kann keine Lösung liefern, bestenfalls eine Empfehlung abgeben. Ob jemand gendert oder nicht, hängt von seiner Haltung ab. Aus meiner Sicht gibt es ohnehin keine Lösung, solange die Gesellschaft nicht politisch korrekt denkt, agiert und lebt – da kann man sprachlich einfordern, was man will.

Also sind Sie auf der Linie von FPÖ-Minister Mario Kunasek?

Gar nicht! Um nicht falsch verstanden zu werden: Ich persönlich trete sehr für eine Bewusstmachung der Geschlechtergerechtigkeit ein und selbstverständlich auch für eine Sensibilisierung betreffend Sprache. Trotzdem warne ich vor der Aufregung, die oft in die falsche Richtung läuft und zu einer Täter-Opfer-Umkehr führt.

Ist das tatsächlich so?

Ja. Jene, die ausschließlich des Scheins wegen gendern, demaskieren sich doch. Weil sie die politische Korrektheit nur als Anzug tragen und gar nicht verinnerlicht haben. Dann kommt es zu hohlen Formulierungen wie Mitglieder und Mitgliederinnen, übrigens auch in Ansprachen von Frauen, nicht nur von Männern. Man wird auch stutzig, wenn eine Gruppe mit liebe Kolleginnen und Kollegen angesprochen wird, in der sich kein Kollege oder keine Kollegin befindet. Was ist da eigentlich das unterlegte Denkmuster?

Was meinen Sie?

Dass mit Genderfloskeln nichts gewonnen ist. Die zeigen nur sprachliche Automatismen, die antrainiert worden sind, um gesellschaftlich nicht anzuecken.

Aber bildet nicht Sprache immer gesellschaftliche Herrschaftsstrukturen ab?

Das ist ja die Krux dabei. Wenn man nun die Sprache dazu vergewaltigt, dass sie weiblicher werden soll, nützt das der Gesellschaft wenig bis nichts. Es nützt auch wenig, aus den Menschen Menschinnen zu machen. Die Sprache selbst ist nämlich weder männlich noch weiblich, sie bildet lediglich ab. In Wahrheit sind wir doch von der Geschlechtergerechtigkeit noch meilenweit entfernt. Wir verstecken de facto ein tief in den vorhandenen gesellschaftlichen Strukturen verwobenes Problem hinter Unterstrich, Binnenmajuskeln, Sternchen & Co. Es erscheint offenbar angenehmer, an den Rädchen der Sprache gewaltsam zu drehen als tatsächlich an den Rädern der Gesellschaft.

Wie wird denn die I-Debatte am Ende ausgehen?

Wenn die Gesellschaft in 200 Jahren – hoffentlich – bei einer echten Gleichstellung der Geschlechter gelandet ist, wird man vielleicht sogar erkennen, dass die Sprache ohnehin schon immer in einer Form alle Geschlechter beinhaltet hat.

Also dann doch so wie gehabt Schreiber? Und gar nicht Schreiber und Schreiberinnen?

Mein Ansatz ist vermutlich noch viel radikaler als der Ansatz jener, die sich mit der Verwendung eines sprachlichen Zeichens zufriedengeben. Was ja immer wieder übersehen wird, ist die Tatsache, dass wir in der Grammatik Genus (grammatisches Geschlecht mit weiblich, männlich, sächlich; Anm.) und Sexus (natürliches Geschlecht: weiblich, männlich) unterscheiden.

Das werden die meisten Schreibenden wohl nicht verstehen. Bitte um Ihre Nachhilfe?

Nehmen wir die Einzahl das Mädchen. Da ist das Genus neutral, der Sexus weiblich. Die Mehrzahl die Schreiber ist männlich, aber das Sexus kann weiblich und männlich gedacht werden, ja sogar divers. Es muss aber auch wirklich gedacht und gelebt werden. Diesen Diskurs hätten wir schon vor Jahrzehnten führen müssen.

Hintergrund: Der Rat für deutsche Rechtschreibung

Das Gremium: Der Rat für deutsche Rechtschreibung wurde im Jahr 2004 von Deutschland, Österreich, der Schweiz, Südtirol, Liechtenstein und der deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens als maßgebende Instanz für die deutsche Rechtschreibung gegründet. Er gibt das amtliche Regelwerk heraus.

Die Österreicher im Rat: Dem Rat gehören insgesamt 39 stimmberechtigte Sprachexperten an, neun aus Österreich, darunter die Germanistin Christiane Pabst. Pabst ist Chefredakteurin für das Österreichische Wörterbuch.