Leben
17.12.2017

Weihnachtsgeschenke: Was Kinder wirklich wollen

Nur eines von 35 Packerln wird tatsächlich beachtet - zehn bleiben unberührt. Wie und was kann man Kindern schenken, um sie von Herzen glücklich zu machen?

Die Begeisterung des sechsjährigen Ryan für Spielzeugautos, Lego und Experimente ist typisch für seine Altersgruppe. Weniger typisch ist, dass er täglich neues Spielzeug bekommt, öffnet und ausprobiert – und ihm dabei zehn Millionen Kinder im Internet zuschauen. Mit seinem YouTube-Kanal "Ryans Toys Reviews" hat der berühmte kleine Selbstdarsteller im vergangenen Jahr elf Millionen Dollar verdient, schrieb jüngst die Washington Post.Den größten Erfolg hatte jenes Video, in dem Ryan 100 Autos in einem Clip ausprobiert. Die absolute Überforderung, würde man meinen. Doch viele Eltern sind begeistert, wie gerne ihre Kinder Ryans Videos ansehen. Ein Vater kommentierte ironisch: "Danke Ryan, dass mein Sohn zum Geburtstag 13 Spiele bekommen hat. Weil er so begeistert war, als er sie im Video gesehen hat."

Das ist nur die Spitze des Geschenkeberges. In der Konsumgesellschaft hat sich der Überfluss längst auch im Kinderzimmer ausgebreitet, wissen viele Eltern. Das kleine Geschenk zwischendurch lauert in der Trafik als Comic-Heft mit Spielfigur, an der Tankstelle im Spielzeugauto-Regal und im Supermarkt sowieso in jedem Gang. Weihnachten verschärft das Problem, zwischen Großeltern und Wunschbriefen werfen selbst konsumbewusste Familien ihre Erziehungs-Vorsätze über Bord, erlauben das Maßlose und können selber nicht widerstehen, dem Spross die größte Freude zu machen.

Überladenes Glück

Im Überfluss liegt aber oft Enttäuschung: Wenn das Kind beim ersten Packerl keine übermäßige Freude zeigt, beim dritten kurz hängenbleibt und nach dem zehnten aufgibt. Spätestens dann nehmen sich Mamas und Papas wieder Reduktion vor und stellen sich die Frage: Was macht ein Kind wirklich glücklich? Die große Anzahl an Geschenken ist es offensichtlich nicht.

Ein einfacher Selbsttest verdeutlicht das: Bei rund 15 Packerln pro Fest hat ein Erwachsener rund 300 Weihnachtsgeschenke bekommen, an die er sich erinnern müsste. Wie viele davon können Sie noch nennen? Vielleicht den Holzbausatz, von dem man sich bis heute nicht trennen kann. Oder die Rennstrecke, die dann tagelang das weihnachtliche Wohnzimmer blockierte. Die zwei Lieblingspuppen, die große Ritterburg. Aber dann wird es schon eng, oder?

Die in Tirol tätige Psychologin Marcella Stolz beschäftigt sich beruflich viel mit Wünschen, Träumen und der Seele von Kindern. Sie plädiert für Reduktion: "Aus pädagogisch-psychologischer Sicht gilt der Grundsatz, dass ein Kind insgesamt nicht mehr als fünf Spielsachen benötigt, um sich auf Dauer beschäftigen zu können. Ist die Auswahl im Kinderzimmer zu groß, fällt es dem Kind schwer, bei einer Sache zu bleiben. Es springt von einem Spielzeug zum nächsten, ohne wirkliche Freude dabei zu empfinden." Damit würde das übermäßige Schenken dem Glück der Kinder also sogar im Weg stehen. Blöd.

Die Wirtschaft hingegen kann ihr Glück kaum in Worte fassen: In den Wochen vor Weihnachten macht der Spielwarenhandel 40 Prozent seines Jahresumsatzes. Eine aktuelle Studie des Online-Spielhändlers "mytoys" zeigt, dass drei von vier Eltern Spielzeug schenken, gefolgt von Büchern, Mode und Multimedia. Die geschlechtsspezifische Auswertung offenbart einen großen Unterschied: 42 Prozent aller Buben bekommen Multimedia-Geschenke, aber nur 33 Prozent der Mädchen.

Dominiert wird das Geschäft mit den Kinderträumen von Lego. Die dänische Kult-Baufirma führt den Markt an und will heuer durch ihre Star-Wars-Lizenz anlässlich des derzeitigen Filmstarts Buben und Männer gleichermaßen glücklich machen.

Besitz, Chaos

Zurück zum Glück: Wenn Kinderzimmer nie voller als heute waren, sollten doch Kinder auch so glücklich sein wie nie zuvor. Die Sache ist aber komplizierter, sagen Pädagogen, die positive Konotation mit einem Geschenk entsteht nämlich aus mehreren Faktoren: Wie sehr habe ich es mir gewünscht? Wer hat es mir geschenkt? Und wer hat dann wie mit mir gespielt?

Dazu kommt der Stolz auf die eigene Leistung. Jahrelang werden viele Kinder mit einem Satz verfolgt: "Räum’ das endlich weg!" Viele Kinderzimmer sind aber zu voll, um wirklich Ordnung zu halten. Die Fähigkeit, sein Hab und Gut selbst zu managen und zu überblicken, ist ein wesentlicher Bestandteil für innere Zufriedenheit, bei Kindern wie bei Erwachsenen. Zu viel Besitz belastet bei der Ordnung, aber auch, weil man ständig das Gefühl hat, nicht alles zu nutzen. Dazu macht sich US-Autor Ron Lieber in seinem Buch "Die Verwöhnfalle" Gedanken. Er kommt zu dem Schluss, dass "Kinder den Unterschied zwischen ‚brauchen‘ und ‚wünschen‘ kennenlernen müssen" (siehe Geschichte unten).

Eine schlüssige Antwort auf die Frage nach dem Kinderglück liegt also im Verzicht von materiellen Geschenken. Stattdessen liegt "gemeinsame Zeit" im Trend, Gutscheine für Wanderungen oder Ausflüge etwa. Auch Karten für ein besonderes Theaterstück oder Konzert in den kommenden Wochen eignen sich als Geschenk – bedingt, wenn es nach Psychologin Stolz geht: "Abstrakte Geschenke stellen eine Art ‚Belohnungsaufschub‘ dar. Anstatt noch unter dem Weihnachtsbaum mit der heiß ersehnten Spielzeugeisenbahn spielen zu können, muss gewartet werden. Gerade für jüngere Kinder, deren Zeitbegriff noch sehr vage ausgeprägt ist, sind solche Geschenke meist recht enttäuschend." Als drittes, viertes oder zwanzigstes Geschenk ist die Enttäuschung aber vielleicht nicht so groß.

Individuell und unerwartet

Ein besonderer Zauber liegt in alternativen Geschenken, für die Eltern nicht Geld, sondern Zeit investiert haben: etwa dem Kind, das gerne kocht, ein eigenes Kochbuch mit Lieblingsspeisen zusammenzustellen. Oder ein Fotoalbum, oder die Ritterburg als Bastelsatz mit Mama-Hilfe. Statt Spielen, mit denen sich das Kind alleine beschäftigt, könnte es zum Beispiel eine Sammlung gemeinsamer, alter Spiele sein. Wenn dann die ganze Weihnachtstafelrunde "Blinde Kuh" spielt, könnte schon Glück aufkommen. Gerade in solchen alten Spielen entfalten sich die beschriebenen Faktoren eines geglückten Geschenks: Auch die Großen machen sich mit verbundenen Augen zum Depp, Opa erzählt von damals, alle sind gleich – Kinderglück hat oft damit zu tun, dass Erwachsene am Boden herumkugeln.

Die Psychologin merkt die unterschiedlichen Qualitäten von Geschenken an: "Gemeinsame Erlebnisse mit Mama oder Papa sind sozusagen Geschenke an die Eltern-Kind-Beziehung. Hier steht die emotionale Komponente im Vordergrund. Wenn sich ein Kind alleine mit einem Spielzeug beschäftigen kann, fördert das vor allem die Konzentrationsfähigkeit und Kreativität." In manchen Ideen lassen sich natürlich beide Vorteile vereinen, etwa wenn man mit dem Nachwuchs ein Stofftier oder ein Möbelstück entwirft und den Entwurf dann umsetzt. Oder man gemeinsam an anderen Projekten arbeitet.

Vielen Eltern ist noch ein anderer Aspekt wichtig: Wie lernt das Kind beim Schenken Sozialverhalten? Wenn der Spross im Packerlrausch undankbar erscheint – "Waaaas, nur das mittelgroße Piratenschiff?" – folgt schnell der Satz: "Andere Kinder haben gar nix." Das stimmt zwar, mitten in der Bescherung sind Kinder aber eher unempfänglich für Erleuchtung. Wer allerdings gemeinsam ein Geschenk für andere besorgt, es gemeinsam schön einpackt und abgibt, kommt der Idee nahe.

Tatsächlich sind die Tage nach Weihnachten auch der richtige Zeitpunkt zum Aussortieren: Schau mal, das neue Spielzeug braucht Platz, da kannst du eines, das du nicht mehr brauchst, einem Kind geben, das keines hat. Das hilft wieder beim Ordnunghalten. Und Einpacken macht genauso glücklich wie Auspacken.

400.000 Pakete mit Kinderspielzeug sind derzeit aus dem deutschsprachigen Raum unterwegs zu bedürftigen Kindern in aller Welt. Die Aktion „Weihnachten im Schuhkarton“ ist eine gute Gelegenheit für Familien mit vollen Spielzimmern, ihren Kindern den Überfluss im Kinderzimmer vor Augen zu führen. Wer zu viel hat, schätzt es nicht mehr. Vier Faktoren helfen dabei, dass Kinder ihr Spielzeug genießen können:

Zelebrieren

Manche Eltern geben den Wünschen ihrer Kinder sofort nach, sobald sie betteln. Vor allem bei Spielsachen, die wenig Geld kosten. Wenn ein Kind auf eine passende Gelegenheit wie Feiertage oder Geburtstage warten muss, erlebt es das Gefühl von Vorfreude. Ron Lieber rät Eltern dazu, Kinder über ihr Taschengeld frei verfügen zu lassen, damit sie sich das Geld für ihre Wünsche zusammensparen können. So erkennen sie auch den Wert einer Ware besser.

Sortieren

Bei Kinderpädagogin Maria Montessori zählte die vorbereitete Spielumgebung zu den wichtigen Faktoren für die Entfaltung. Je nach Lebensphase begeistern sich Kinder für andere Tätigkeiten. Anfangs geht es um Grobmotorik wie Stapeln, später um Feinmotorik wie Fädeln. Für kleinere Kinder sind Spiele ohne einen Gewinner sinnvoller, erst später können sie Verlieren lernen. Wichtig ist eine Abwechslung zwischen Gesellschaftsspielen und Aktivitäten alleine. Schließlich soll ein Kind sich auch alleine beschäftigen können.

Präsentieren

Vor lauter Spielzeug sehen Kinder nicht mehr, was sie wählen sollen. Wichtig ist daher, die Spiele und Bücher so im Kasten aufzustellen, dass sie gut erkennbar sind, betonte Montessori, bei Bilderbüchern etwa mit dem Cover Richtung Kind. Ähnlich ist es bei Spielen: Lieber einzeln im Regal aufstellen als in einen Stapel verräumen. So entdeckt man leichter etwas gegen Langeweile.

Abwechseln

Sie rät Eltern auch, regelmäßig die Spielsachen auszuwechseln, um die Aufmerksamkeit wieder auf andere Dinge zu lenken. Für ein Kind ist ein Spielzeug, das es länger nicht verwendet hat, fast so spannende wie ein Neues.

Auch regelmäßiges Ausmisten ist wichtig. Manche Familien nützen die Zeit vor Weihnachten für einen umgekehrten Adventkalender: Jeden Tag wird ein Spielzeug weggegeben. Schließlich lebt nicht jedes Kind im Überfluss.

kurier.at wünscht frohe Weihnachten. .themenschwerpunktspan:after { content: "e632"; font-family: "kurierfont"; font-size: 14px; left: 5%; margin-right: 5px; position: absolute; top: auto; }

Zu einem überraschenden Ergebnis kam die Zeitschrift Ökotest: Bei einem Test von Kugelbahnen fiel ausgerechnet die teuerste um 79,90 Euro durch. Die Testsieger lagen zwar im oberen Preissegment, doch auch die günstigsten ab 7,99 Euro fand die Zustimmung der Tester, berichtet die Arbeiterkammer Oberösterreich. Auch bei dem Babyspielzeug-Test des Konsumentenschutzvereins fielen sechs von 29 Produkten durch.

Die Experten raten zum „Einkaufen mit allen Sinnen“: „Schnuppern und reiben Sie am Spielzeug. Suchen Sie nach Kleinteilen, die sich lösen können.“ Spielsachen für Kleinkinder unter drei Jahren werden strenger geprüft. Bei ihnen muss man davon ausgehen, dass sie von den Kindern in den Mund genommen werden, Kleinteile könnten daher gefährlich sein, Farben müssen speichelfest sein.

Eltern denken oft, dass Holzspielzeug immer gesünder sei als Plastik, doch auch die Naturmaterialien können mit schädlichen Substanzen behandelt worden sein, warnen Experten. Sicherheit geben nur Prüfzeichen, etwa ÖkoTex Standard 100 oder TÜV. Spielzeug ohne das EU-Zeichen CE sollte gar nicht gekauft werden. Erstmals wurde jetzt ein Spielzeug mit dem Österreichischen Umweltzeichen ausgezeichnet: Bioblo aus Niederösterreich produziert Holzbausteine.