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Leben
07/03/2019

Warum geht niemand mehr oben ohne?

In den Siebzigern fielen die Bikinioberteile, heute sonnen sich junge Frauen wieder bedeckt.

Leider Gottes die Sitten sind vollkommen entglitten jeder geht wie man sagt schon beinah splitternackt.

Rainhard Fendrich, „Oben Ohne“

Hätte es vor 55 Jahren Instagram und Twitter gegeben, würde die folgende Geschichte unter dem Hashtag #FreeTheNipple firmieren. Rudi Gernreich, ein in die USA emigrierter österreichischer Modeschöpfer, stellte im Juni 1964 am Strand von Chicago seine revolutionäre Bademoden-Kreation vor: Der „Monokini“ war wie ein Badeanzug geschnitten, ließ jedoch den Oberkörper der Trägerin frei. Schamlos zur Schau getragene Frauenbrüste, nackte Nippel – ein Skandal im prüden Amerika. Die Aufregung war so groß, dass die Polizei die Schau frühzeitig beenden musste.

Dabei hatte Gernreich Größeres im Sinn als die pure Provokation. Nach dem Siegeszug des Bikinis sollte sein Einteiler die Frauen endgültig befreien und die weibliche Brust entsexualisieren. Sein Monokini blieb ein Ladenhüter, sein Anliegen aber traf den Zeitgeist: Ausgehend von Saint Tropez, wo sich Sex-Symbol und Sixties-Ikone Brigitte Bardot „seins nus“ zeigte, entledigten sich Frauen schon bald allerorts ihrer Bikinioberteile. Die neue Barbusigkeit war weniger eine modische als eine politische Erscheinung, eine Rebellion der 68er-Generation gegen die Zugeknöpftheit der Fünfzigerjahre.

Oben ohne im Krawa

Spätestens ab den Achtzigern scherte sich niemand mehr um nackte Frauenoberkörper. „Oben ohne“ avancierte zum fixen Bestandteil der Badekultur, auch in Wien fielen nach und nach die Bikini-Tops (die anfängliche Aufregung der Wiener inspirierte Rainhard Fendrich 1982 zu seinem Lied „Oben Ohne“). Ausgangspunkt der heimischen Topless-Bewegung war 1979 das Krapfenwaldbad in Wien-Döbling (kurz Krapfenwaldl, noch kürzer Krawa), später zogen andere Bäder, etwa das Gänsehäufel, nach.

Und heute? Seit der Jahrtausendwende sind in Bädern und an Stränden immer weniger entblößte Brüste zu sehen, beim Superbowl 2004 sorgte ein kurzer Busenblitzer der Sängerin Janet Jackson gar für den Skandal des Jahres. Just in einer der letzten Bastionen der Barbusigkeit, am Isar-Ufer in München, forderten Securitys eine Frau am brütend heißen Wochenende auf, ein Bikini-Top anzulegen. Die Stadt reagierte prompt: Lediglich „primäre Geschlechtsmerkmale“ seien zu bedecken, das gelte für Männer und Frauen.

Dass Frauen ihren Oberkörper nicht mit dem gleichen Selbstverständnis entblößen wie Männer, ist evolutionär bedingt, erklärt die Klinische und Gesundheitspsychologin Daniela Renn. "Die weibliche Brust ist im Gegensatz zur männlichen ein sinnliches und sexuelles Symbol. Sie nährt und spendet Leben. Babys werden durch die Brust gestillt."

Ob neue Prüderie, Auflehnen gegen die Elterngeneration oder sexuelle Übersättigung – vieles deutet darauf hin, dass die Lust am halbnackten Sonnenbaden vor allem bei jungen Frauen schwindet. Die 29-jährige Melanie sonnt sich zwar gerne im FKK-Bereich, würde im Freibad aber nie oben ohne gehen. „Ich würde mir komisch vorkommen, weil ich die Ausnahme wäre“, sagt sie. „Außerdem hätte ich Angst, ständig beurteilt zu werden, vor allem von anderen Frauen.“ Laut einer deutschen Umfrage liegt nur jede achte Frau gerne barbusig am Strand, bei jenen, die in den freizügigen Achtzigern groß wurden, fast jede Vierte. Auf Instagram dominieren indes Fotos der Rückansicht: Statt des Dekolletés strecken It-Girls ihren durchtrainierten Po in die Kamera, der dem Busen als Schönheitsideal Nummer eins den Rang abläuft.

Sind die jungen Frauen prüder als ihre Vorgängerinnen? Nicht notwendigerweise, glaubt die Psychologin. Die Generation Instagram sei aber vorsichtig geworden, was die Dauerpräsenz in den sozialen Medien angeht. "Es ist eine gesunde Schutzfunktion, um sich nicht in prekäre Situationen zu bringen." Das Auflehnen gegen gesellschaftliche Konventionen und Moralvorstellungen, das ihre Mütter und Großmütter mit dem Ablegen der Bikinioberteile praktizierten, sei heute in diesem Sinne nicht mehr nötig.

Wien: Oben ohne "nur noch in Einzelfällen"

Auch in den Wiener Freibädern sieht man längst nicht mehr so viel nackte Haut wie noch vor 20, 30 Jahren. „Oben ohne ist in städtischen Sommerbädern erlaubt, wird jedoch kaum mehr in Anspruch genommen“, berichtet Martin Kotinsky von den Wiener Bädern. „In den Achtzigern und Neunzigern war es weit verbreitet, dann erfolgte ein Rückgang. Heute ist es nur noch in Einzelfällen beim Sonnenbaden zu beobachten. Beim Schwimmen, Herumgehen, auf Sportplätzen oder in Gastronomiebetrieben faktisch nicht mehr.“

Die Sache mit der Barbusigkeit im öffentlichen Raum ist nämlich kompliziert, wie der französische Soziologe Jean-Claude Kaufmann Mitte der Neunziger in seinem Buch „Frauenkörper, Männerblicke“ darlegte. Zuvor war er losgezogen und hatte Hunderte Strandbesucher zur Oben-Ohne-Kultur befragt. Sein Fazit: Oben ohne ist nicht gleich oben ohne, die vermeintliche Freiheit erfordert einen strengen Verhaltenskodex. Zwar hat gegen die nackte, liegende Brust niemand etwas einzuwenden, gehend oder gar Volleyball spielend wird es aber problematisch. Das gilt auch für langsames Eincremen, weil zu lasziv, ja fast schon (soft-)pornografisch.

Ein halbes Jahrhundert nach Rudi Gernreichs Entsexualisierungsversuch des nackten Frauenbusens halten wir also fest: Es ist noch ein langer Weg.

Voller Körpereinsatz: Nackter Busen als Form des Protests

Aufmerksamkeit durch Nacktheit ist eine altbewährte Formel, auf die auch Frauen für ihre Anliegen setzen.

  • Freiheit, Gleichheit, Dekolleté Hohe Temperaturen bedeuten für Frauen nicht selten anzügliche Bemerkungen und Blicke. Unter dem Schlagwort #JeKiffeMonDecollete (Ich liebe mein Dekolleté) veröffentlichen derzeit Tausende Französinnen auf Twitter Selfies in mehr oder weniger tief ausgeschnittenen Kleidern als Zeichen der Selbstbestimmung.
  • Femen: Das Markenzeichen der feministischen Bewegung sind Aktionen mit entblößten Brüsten. Die Aktivistinnen, die sich selbst als „Sextremistinnen“ bezeichnen, haben häufig Parolen  für frauenrechtliche Anliegen auf ihren Oberkörper geschrieben und tragen folkloristische Blumenkränze im Haar. Gegründet hat sich die Gruppe 2008 in der Ukraine, unter anderem als Protest gegen den Sextourismus im Land, wovon sich dieser weltweit ausbreitete.

  • SlutWalk: Knapp und vermeintlich reizvoll gekleidet, protestieren die Teilnehmer  – manchmal männlich – dagegen, Opfern sexualisierter Gewalt aufgrund ihrer Kleidung eine Mitverantwortung zu geben; die sogenannte Täter-Opfer-Umkehr. Der erste Schlampenmarsch fand 2011 in Kanada statt, mittlerweile gibt es die Demos weltweit.
  • #FreeTheNipple: Die Filmemacherin Lina Esco veröffentlichte 2012 unter  dem Hashtag #FreeTheNipple (Befreiung der Brustwarze) kurze Clips, in denen sie oben ohne durch New York läuft. Facebook löschte die Videos wegen der Verletzung der Richtlinien. Ein fortwährender Protest im Netz – mit teils prominenter Unterstützung von Naomi Campbell oder Rihanna – gegen die  rigide Zensur der weiblichen Brustwarze war die Folge. (Elisabeth Mittendorfer)