Testosteron ist das Männlichkeitshormon schlechthin, es  sorgt für Spermienbildung, Bartwuchs, tiefe Stimme und Potenz 

© REUTERS/KEITH BEDFORD

Das Bad-Boy-Syndrom
06/24/2014

Das Bad-Boy-Syndrom

Frauen fliegen im Netz auf das Foto eines Kriminellen – warum nur? Ein Erklärungsversuch.

von Susanne Mauthner-Weber, Ute Brühl, Laila Daneshmandi

So schnell kann heutzutage aus einem Kriminellen ein Frauenschwarm werden: Nachdem die kalifornische Polizei ein Foto von Jeremy Meeks auf Facebook veröffentlichte, hält die versammelte Damenwelt – naja, zumindest die im Internet – den Atem an. Das Bild, veröffentlicht von der Polizei in Stockton, erhielt inzwischen an die 100.000 Likes bei Facebook, auf Twitter gab es haufenweise Kommentare zum "heißen Bösewicht". Einige Damen gerieten ob des 30-Jährigen in Verzückung, manch eine prophezeite ihm gar eine Karriere als Model. Und in der Tat: Die Hollywood-Agentin Gina Rodriguez hat ihn tatsächlich unter Vertrag genommen. Das hat allerdings Folgen: Die 34-Jährige - sie hat selbst einst als Porno-Darstellerin gearbeitet - erhielt laut dem Klatsch-Portal angeblich Morddrohungen deswegen.

Der Trubel um Meeks nahm eigenartige Ausmaße an: Einige der neuen Fans sammeln angeblich Spenden für Meeks Kaution (Anklage: Bandenvergehen und illegaler Waffenbesitz), die das Gericht auf 900.000 Dollar festgesetzt hat. "Die Bewährungsstrafe darf er gern bei mir zu Hause absitzen. Ich habe auch Handschellen", lautete eines der eindeutigen Online-Angebote.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten, doch vielleicht lässt er sich wissenschaftlich erklären, dachte man in der KURIER-Redaktion. Wir legten das Foto des bösen Buben einer Anthropologin vor, die darauf spezialisiert ist, in Gesichtern zu lesen. "Aha, ein breites Unterkiefer ist auf dem Bild gut zu sehen, und das Gesicht ist halbwegs symmetrisch." Die Biologin Sonja Windhager von der Universität Wien kennt sich aus, vermisst und deutet das, was Frauen bei der Partnerwahl unbewusst anzieht. "Symmetrie deutet auf ein gutes Immunsystem hin", erklärt sie, "der markante Kiefer auf einen durchsetzungskräftigen Mann."

Was das mit der offenkundigen Geilheit der Damen aus dem Internet zu tun hat? Viel. "Es gibt Männertypen, die von Frauen zu bestimmten Zeiten gewählt werden. Da gibt es zum einen den Kurzzeit-Partner – für die fruchtbaren Tage, um gute Gene für den Nachwuchs zu ergattern", sagt Windhager. Er steht dem Langzeit-Partner gegenüber: "Der hat weniger Testosteron-Merkmale, ist verlässlicher, und Frauen dürfen hoffen, dass er sich besonders gut um den Nachwuchs kümmert. Weil diese Männer in der Regel weniger Testosteron haben, sind sie meist umgänglicher – und neigen weniger zu Seitensprüngen."

Untersuchungen belegen also, dass dieselben Frauen ganz unterschiedliche Männer attraktiv finden – je nach Zyklus-Zeitpunkt. Auch der Seitensprung-Prozentsatz steigt an fruchtbaren Tagen. Eine Studie mit 86.000 Frauen ergab, dass Frauen mit symmetrisch gebauten Alpha-Testosteron-Männchen mehr Orgasmen haben. Auch das ist ein Trick der Natur: Ein Orgasmus erhöht die Wahrscheinlichkeit der Empfängnis.

In Gesichtern lesen

Als soziales Wesen war der Mensch schon immer darauf angewiesen, im Gesicht seines Gegenübers lesen zu können: Gefühle, Absichten und Stimmungen richtig zu deuten, war mitunter überlebensnotwendig. Bei der Begegnung mit Fremden kann eine schnelle Diagnose hilfreich sein: Ist jemand vertrauenswürdig, gesund, dominant, verträglich, aggressiv?

Die Krux beim Männlichkeitshormon: Ein hoher Testosteronspiegel kann zweierlei bewirken – zum einen kann er einen Menschen zum aggressiven, lügnerischen Kriminellen machen. Testosteron-Gesichter – Wissenschaftler haben sie mit Hilfe markanter Messpunkte definiert – scheinen mit einer Neigung zum Täuschen einherzugehen. So zeigte ein Experiment von US-Wirtschaftspychologen, dass Männer mit derartigen Gesichtern drei Mal häufiger in Spielsituationen betrogen.

Zum anderen macht viel Testosteron im Körper und Gesicht Männer zu starken, fähigen Führern. Tatsächlich haben zahlreiche Studien ergeben, dass Chefs mit testosterongeprägten, maskulinen Zügen kompetenter scheinen – ob sie es auch sind, ist allerdings nicht klar.

Denn noch etwas passiert praktisch immer automatisch: Wenn wir ein Gesicht schön finden, fällen wir sofort eine Reihe positiver Urteile über den Inhaber dieser Züge: Die Psychologie nennt das Haloeffekt. Er verführt dazu, Attraktive für ehrlicher, klüger und interessanter zu halten. Motto: "Schön ist gut und gut ist schön." Aber wie heißt es: "Es irrt der Mensch so lang er strebt."

Was fasziniert an einem Bild?

KURIER: Warum finden manche Frauen böse Männer anziehend?

Hermine Widl-Gruber: Einfach ausgedrückt: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte. Der Mensch reagiert auf optische Reize. Das Foto von einem Mann mit blauen Augen und vollen Lippen regt die Hirnregion an, in der Emotionen ausgelöst werden. Das ist getrennt vom Bewusstsein, das in der Großhirnrinde angesiedelt wird. Das Denken kommt erst an zweiter Stelle.Und die Nachrichten zum Bild bewirken keine Emotionen? Menschen, die Kriminelle bewundern, können sich unter dem Begriff Gewalt oft gar nichts vorstellen, weil ihnen die Erfahrung fehlt. Im Fall von Meeks kommt hinzu, dass er von seiner Mutter stark unterstützt wird. Das schafft eine emotionale Bindung.

Warum suchen manche Menschen die Nähe Krimineller? Manche finden es gut, was sie machen, nach dem Motto: „Die trauen sich was.“Warum finden manche Frauen diesen Mann nicht attraktiv? Je kritischer ein Mensch grundsätzlich ist, desto mehr distanziert er sich von gewalttätigen Menschen. Denn wer hinterfragt, der lässt sich weniger von Emotionen leiten. Im Gegenteil: Sein Bewusstsein dominiert sein Unterbewusstsein.

Im Klicktempo per Smartphone-App

Verena zappt durch die Single-Vorschläge der Flirt-App „Tinder“: Richard ist nicht ihr Typ – leider nein. Nächster: Andi hat ein hässliches Shirt an – auch nein. Nächster: Martin gefällt ihr schon besser, er lächelt irgendwie frech – sie klickt auf das Herz. Wenn er ihr Foto nun auch mit einem Herz bewertet, dann wird der Chat zwischen den beiden freigeschaltet – der Rest wird sich zeigen. Die Partnersuche über Tinder ist wohl eher mit Katalog-Shopping vergleichbar als mit Liebe auf den ersten Blick. Die App zeigt dem Nutzer Singles aus der Umgebung – der alles entscheidende Faktor ist das Foto, als Zusatzinfo gibt es nur den Vornamen und das Alter. Innerhalb weniger Sekunden entscheidet man, ob einem das Gesicht, die Augen, der Mund, das Lächeln auf dem Foto gefallen oder nicht, klickt das rote Kreuz oder das grüne Herz an. Dann kommt schon der Nächste dran – neues Foto, neue Chance. Flirten im Klicktempo. Niko chattet derzeit mit 23 Mädels – auf Tinder ist das absolut üblich. „Man schreibt sich ein bisschen und beschnuppert sich.“ Doch nur wenige sind an einem echten Treffen interessiert. „Ich mache mir auch nur etwas aus, wenn ich mehr Fotos von ihr sehe. Ich will keine bösen Überraschungen erleben“, sagt Niko, der Tinder als Zeitvertreib versteht. „Ich lerne auch beim Ausgehen Frauen kennen. Weder Verena, noch Niko haben sich bisher über Tinder verliebt. „Ein paar nette Flirts, aber man kann von einem Foto nicht sagen, ob es bei einem Treffen dann auch funkt.“ Macht nichts, die Auswahl ist ja groß – einfach auf den Nächsten klicken.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.