Opas sind heute Mitspieler und Partner, oft am Rande des Erlaubten und des pädagogisch Wertvollen

© Getty Images/Milan Marjanovic/istockphoto

Leben
03/29/2019

Vom Helden zum Verbündeten: Wie ist ein moderner Opa?

Während das Oma-Bild stabil ist, hat sich der Archetypus Opa radikal geändert – er darf jetzt sogar lieb sein.

von Axel Halbhuber

Eines muss man klarstellen: Bis vor 300 Jahren hatten „die Großeltern“ keine Bedeutung. Damals war Familie in der unadeligen Bevölkerung eine Zweckgemeinschaft, die zusammen wohnt. Alte Menschen wurden versorgt, waren manchmal altersweise, aber eine Funktion als Großeltern hatten sie höchstens, wenn die Eltern verstarben. Erst als alles immer bürgerlicher wurde, bekamen die Großeltern eine Rolle in der Familienordnung. Das war, zumindest für den Großvater kein guter Tausch – davor war er meist der respektierte Lehrer, ab jetzt der liebe Märchenerzähler.

Dieser erste Schritt weg von der distanzierten Opafigur fand um 1900 statt. Hundert Jahre später ist der Opa für viele Kinder ein liebevoller Mitspieler und verlässlicher Partner, oft am Rande des Erlaubten und des pädagogisch Wertvollen. „Großvater“ gehört heute zu den wenigen wirklich positiv besetzten Altersrollen.

Gebremst wurde diese Entwicklung durch zwei Weltkriege. Die aktuelle Großvater-Generation, die 1940er, ist die erste in der europäischen Geschichte ohne Krieg und Elend in der Biografie. Zu dieser Generation gehört auch der Berliner Psychologe und Psychotherapeut Wolfgang Krüger, der schon lange im Bereich Familie, Beziehung und Gesellschaft forscht. „Die Großväter kamen früher oft gebrochen und traumatisiert zurück, aber es wurde darüber nicht gesprochen. Im Krieg war diese Verdrängung notwendig, aber so wurde das gesamte Gefühlsleben runtergefahren.“

Übrig blieben unnahbare Großväter, reserviert und unterkühlt, die diese Muster unbewusst weitergaben. „Die emotionalen Defizite können sich bis zu vier Generationen in einer Familie halten. Das ist der Nachhall der Kriegserlebnisse.“

Der Neo-Opa

Seit Ende des Zweiten Weltkriegs konnten sich die Opas rasant entwickeln. Sie hatten mehr Zeit – wo Eltern die Erziehung im Auge hatten, hatten sie die Muße zu Ruhe und Kreativität. „Die Großväter waren da vor allem dafür zuständig, den Enkelkindern etwas beizubringen. Sie waren nicht zärtlich, aber sie haben sich viel Zeit genommen, um die Welt zu erklären, um im Atlas Länder zu zeigen, um Geschichte, Märchen und Wissen zu vermitteln.“ Sie übten die Rolle des Lehrers weiterhin aus, sanfter und informeller als früher. Aber für Ich hab dich lieb war die Zeit noch nicht reif. „Die Gesellschaft wollte noch immer den unemotionalen Mann.“

Das änderte sich erst durch die 69er-Bewegung. Die Autorität als solche wurde herausgefordert und der patriarchale Großvater diente als Archetyp dafür. Bei der Neuverteilung der Rollen bekamen Väter das Recht, lieb zu sein, in weiterer Folge sogar die Pflicht. Und plötzlich wurde eine Generation, die gerade noch strenger Papa gewesen ist, zum milden Opa. Krüger: „Viele 25-Jährige erstaunte, dass ihre Eltern plötzlich zu besseren Großeltern wurden als sie früher Eltern gewesen waren. Das lag zu einem großen Teil daran, dass Männer ihre Fehler als Väter realisierten. Und in der Großelternrolle konnten sie etwas besser machen.“

Dazu kamen einige Faktoren, die die Opamorphose beschleunigten: Der wirtschaftliche Aufschwung machte alle gelassener und brachte den Opas Spielgeld für die Enkelzeit. Dank der Emanzipation hatten jene Opas, die sich den Enkeln widmen wollten, eine Entschuldigung für den Stammtisch – „ich muss ja“. Je mehr Leistung Kindern abverlangt wurde, umso gefragter war der Opa als Verbündeter beim Regelverstoß. Die Sozialforschung sagt, dass Großväter in Trennungsszenarien als Kit dienen, weil sie emotional nicht so involviert sind wie Omas. Die Pädagogik glaubt, dass Opas das Helikopter-Prinzip mancher Eltern ausgleichen. Dazu kommt eine große Veränderung der Großelternwelt, betont Krüger: „Es kümmern sich viel mehr Großeltern um viel weniger Kinder – und diese Großeltern werden älter. Ein heute 70-Jähriger empfindet sich als jugendlich, in der Nachkriegszeit war er alt und konnte nicht mehr.“

Aber auch, wenn Großväter heute emotional sind, ihre Enkel drücken, Liebesbekundungen über die Lippen bringen und viel mehr in traditionell feminine Rollen eintauchen – der Fortschritt ist für Krüger doch „eine Schnecke“. Wie lange der nächste und der übernächste Schritt beim Opa-Sein dauern werden, hängt wohl vor allem davon ab, wann die Väter endlich einmal auf Halbe-Halbe kommen.

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