Einsatz in der Todeszone: Der Allgemeinmediziner Michael Kühnel kämpfte in diesem Jahr zwei Mal in Westafrika - auch mit den Tränen

© /Österreichisches Rotes Kreuz

Menschen des Jahres
12/28/2014

Vier Vorbilder mit Mut und Einsatzfreude

Sie öffnen ihre Häuser für Flüchtlinge, bekämpfen die Ebola-Epidemie oder landen auf Kometen.

von Martin Burger, Uwe Mauch, Ingrid Teufl

Eigentlich haben diese Menschen nichts miteinander zu tun, doch es eint sie eine Herzensangelegenheit: Sie haben Courage und sie haben 2014 einiges bewegen können, im Großen wie auch im Kleinen: Zum Beispiel Stephan Ulamec. Der Weltraumtechniker aus Salzburg setzte das Minilabor "Philae" am 12. November nur 120 Meter neben dem vorgesehenen Landepunkt auf dem Kometen "67P/Tschurjumow/Gerasimenko" ab – praktisch im Blindflug. Eine Pioniertat.

OderFritz Berger. Der Pensionist aus Baden verfolgte die Herbergssuche der Innenministerin nicht erste Reihe fußfrei, er überließ einer Familie in Not das Obergeschoß seines Hauses – aus Nächstenliebe und ohne auf die plakatierten Ängste vor den Fremden zu achten. Courage zeigte auch der Wiener ArztMichael Kühnel, der für das Rote Kreuz 2014 gleich zwei Mal nach Westafrika flog, um gegen die Seuche Ebola zu kämpfen.

Und nicht zuletzt Paul Ivic, der als einziger Koch Österreichs mit rein vegetarischer Küche einen Michelin-Stern sowie drei Gault-Millau-Hauben erkochte.

Lesen Sie nachstehend vier Kurzreportagen über diese vier Menschen.

Die Menschen des Jahres 2014: Welche Persönlichkeiten das ablaufende Jahr noch geprägt haben, lesen Sie hier.

Meine Aufgabe war das Dead Body Management

Der Wiener Arzt Michael Kühnel hat bei seinen Einsätzen in Krisengebieten viel erlebt. Seit 15 Jahren arbeitet er ehrenamtlich fürs Rote Kreuz, oft im Ausland. Er war auch dabei, als den Helfern nach dem Tsunami im Dezember 2004 in Indonesien nichts übrig blieb, als tote Körper in Säcke zu packen und massenweise wegzutragen.

Doch bei seinem Einsatz in Sierra Leone kämpft der Arzt auch mit den Tränen. Die Menschen rund um ihn verabschieden sich betend von einem achtjährigen und zwei elfjährigen Buben. Alle drei Kinder sind über Nacht dem Ebola-Virus erlegen. Die einen beten zum Gott der Christen, die anderen zu Allah. Friedlich nebeneinander. Religion spielt in diesem Moment keine Rolle mehr.

15 Säcke pro Tag

Michael Kühnel, der in Wien-Währing eine private Ordination leitet und in Hamburg eine Zusatz-Ausbildung zum Tropenmediziner absolviert hat, war heuer gleich zwei Mal im Ebola-Krisengebiet. Von Mitte Juni bis Mitte Juli und dann noch einmal im November. Im Sommer war er im Distrikt Kailahun, an der Grenze zu Guinea und Liberia, im Einsatz. Zuvor wurden die Menschen dort von einem Bürgerkrieg bedroht. Inzwischen von einem Virus. Der hat sich von hier rasant in der Region ausgebreitet.

Langsam erholt sich der Helfer von seinen Einsätzen: „Der psychische Druck war enorm.“ Er musste mitansehen, wie täglich bis zu 15 weiße Säcke vom Krankenhaus zum nahegelegenen Friedhof geschleppt wurden.

Jeder Fehler kann tödlich sein

„Meine Aufgabe war das Dead Body Management“, erzählt Kühnel. Eine harmlose Umschreibung für das Werk der Totengräber vom lokalen Roten Kreuz. „Für mich sind das die wahren Helden. Sie arbeiten alle ehrenamtlich, für ihr Land und ihre Landsleute. Sie riskieren täglich, sich anzustecken, und werden von ihren Bekannten aus Angst vor einer Ansteckung zunehmend gemieden.“ Er selbst hat die Helden ausgebildet. Als Mitglied eines internationalen Teams, als erster Österreicher im Kampf gegen Ebola. Der Ausbildner erzählt: „Ich war in meinen Kursen sehr streng. Denn jeder Fehler kann bei dieser Tätigkeit tödlich sein.“

Hatte er selbst Angst? „Angst nicht, aber Respekt. Wenn man sich an die Richtlinien hält, bleibt das Risiko einer Ansteckung im Promillebereich.“ Das Virus zwingt die Menschen auch dazu, auf gängige Höflichkeitsfloskeln zu verzichten: „Ich habe einen Monat lang keinem Menschen die Hand gegeben.“

Derzeit ist übrigens seine Frau, eine gut ausgebildete Logistikerin, in Westafrika.

Der stille Helfer öffnete sein Haus

Fritz Berger, ein pensionierter Jurist, hat im September sein Einfamilien-Haus in einer angenehm ruhigen Wohnsiedlung in Baden bei Wien schon zum zweiten Mal für eine junge Flüchtlingsfamilie geöffnet.

Dass wir über ihn berichten konnten, verdanken wir auch den engagierten Mitarbeitern der evangelischen Diakonie. Denn der stille Helfer will sein soziales Engagement nicht an die große Glocke hängen.

Anfang September fuhr vor seinem Haus wieder ein Kleinbus aus Traiskirchen vor. Jawad, Faresteh und ihre Tochter Khatereh waren eineinhalb Jahre lang unterwegs. Als sie von ihrer Heimat in Kabul flüchteten, war Khatereh gerade ein Jahr alt. Und ihre Mutter nach den in Österreich geltenden Gesetzen noch minderjährig.

Von Pontius zu Pilatus

„Ich wollte konkret helfen“, sagt der Badener Hausbesitzer. Nach der Ankunft seiner Gäste lief er von Pontius zu Pilatus. Für die Fahrt mit Bus und und Bahn organisierte er die notwendigen Ermäßigungskarten. Bei jedem Arztbesuch, der das Vorlegen eines Krankenscheins erfordert, stand er zur Seite. Einen Kindergartenplatz hat er gefunden. Nur mit seinem Versuch, für Jawad und Faresteh einen kostenlosen Deutschkurs zu finden, ist er bisher gescheitert.

Fritz Berger gibt zu, dass es einem alleinstehenden Mann gut tut, wenn wieder Leben ins Haus kommt. Und er das Gefühl vermittelt bekommt, dass er gebraucht wird. Dankbar ist er auch, dass ihn seine Nachbarn unterstützen. „Es gab viel Zustimmung. Einige haben mir auch ihre Hilfe angeboten.“

Und dann bittet Berger, dass seine Leute nicht so lange auf die Erledigung ihres Asylantrags warten müssen. „Sie können gerne bis zur Entscheidung bei mir wohnen. Aber das sind doch Menschen, die wollen arbeiten.“

20 Jahre sind ein Tag: Ulamec brachte "Philae" sicher runter

Der 12. November, Tag der Landung auf Komet „67P/Tschurjumow-Gerasimenko“, hat es in sich. Zuerst gibt eine für die Landung wichtige Anpressdüse den Geist auf, dann lösen die Verankerungs-Harpunen des Landeroboters „Philae“ nicht aus. Doch um 17:03 Uhr ist es geschafft. Der Landemanager Stephan Ulamec – geballte Faust, oberster Hemdknopf geöffnet – genehmigt sich einen Moment des Triumphs. Eine Stunde später ist er wieder ganz in seiner Rolle als Techniker, greift zum Mikrofon und sagt: „Möglicherweise sind wir heute zwei Mal gelandet.“

Bald wird klar: „Philae“ ist drei Mal auf der Kometenoberfläche aufgesetzt und hat in einer schattigen Nische seine endgültige Park-Position eingenommen. Die geplanten Experimente können so zwar nicht zu 100 Prozent durchgeführt werden, aber so lange die Batterien Strom liefern, sammeln die Physiker im 500 Millionen Kilometer entfernten Kontrollzentrum Daten, zum ersten Mal direkt von einer Kometenoberfläche.

Kometenmeldungen

„Philae“ füttert die Astrophysiker mit Zahlenreihen über die Zusammensetzung der dünnen Kometenatmosphäre sowie mit Messergebnissen zu den physikalischen Eigenschaften des Oberflächenmaterials – die ist unter einer dünnen Staubschicht überraschend hart. Der Roboter macht einen Radar-Scan durch das Innere des Kerns – 20 Jahre, nachdem die Mission erdacht wurde und 10 Jahre nach ihrem Start ins All. „Die Umgebung von Philae erinnert an den Anblick von Fels, auch wenn es sich ziemlich sicher um Eis mit Staub und nicht um Gestein handelt“, erläutert Ulamec. Im Frühsommer, wenn sich Komet und Lander der Sonne nähern, hofft er auf weiteren Datenfluss.

Mit Veggie-Küche in den Olymp der Spitzenköche

Für Paul Ivic war 2014 ein Jahr der Superlative. Im Frühjahr wurde seine Küche im rein vegetarischen Wiener Restaurant Tian mit einem Michelin-Stern bedacht – als viertes weltweit und zweites in Europa. Dann erhielt der 36-jährige Tiroler die Nachricht, dass er die Trophée Gourmet A la Carte gewonnen hatte – sozusagen den Oscar der Gastronomie-Branche. Und im Herbst bewertete der Restaurantführer Gault Millau die kreativen Kreationen mit drei Hauben.

Noch nie zuvor hatte ein rein vegetarisches Restaurant 17 von 20 Punkten erreicht.

Zur fleischlosen Küche kam Ivic übrigens durch gesundheitliche Probleme. Selbst ernährt er sich bewusst, aber nicht gänzlich ohne Fleisch. Etwa auf Speck aus seiner Tiroler Heimat will er nicht verzichten.

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