© Andi Rieser

Tropen in der Schweiz
11/12/2013

Kurztrip ins Papayaland

Die Glashäuser von Wolhusen sind ein Tourismusmagnet.

Ein Tropenausflug, ganz ohne Jetlag und Malaria. Vor dem Restaurant beginnt eine Besuchergruppe in Gartenstühlen ihre Auszeit vom Schweizer Spätherbst. „Gleich, wenn man eintritt, umfängt einen der Duft exotischer Blüten und Früchte“, erklärt Pius Marti, der Geschäftsführer des „Tropenhauses Wohlhusen“ im Luzerner Hinterland, die Attraktion des Unternehmens.

Die exotische Üppigkeit erklärt sich daraus, dass vieles, das im hauseigenen Haubenlokal auf den Tisch kommt, direkt vor Ort in einem 140 Meter langen Gewächshaus mit tropischem Klima produziert wird. Zwölf Tonnen Früchte und Gemüse sind es pro Jahr. Aber nicht nur Papayas, Bananen und Süßkartoffeln, auch Buntbarsche landen frisch gefangen oder auf dem Umweg über die hauseigene Räucherkammer in der Küche. Das Produktionshaus ist für die Besucher nur zum Teil zugängig. Auf einem Rundweg können sie aber beim Anbauen und Ernten nach Bio-Kriterien zusehen.
Zum Speisen inmitten von Tropengrün und zum Shoppen stehen ihnen 600 Quadratmeter zur Verfügung. Höhepunkt, und zum Flanieren gedacht, ist aber der über 2000 Quadratmeter große Tropengarten, der sich unter drei markanten Glaswellen erstreckt. Das alles mitten in der Schweiz, vor der Bergkulisse des Pilatus.

Die Sehnsucht nach den schönen Seiten der Tropen hatte in den 1980er-Jahre schon zu rentablen Geschäftsideen geführt. Darunter „Center Parcs“, ein niederländisches Feriensiedlungsunternehmen, das mit einem Stück Bade-Karibik unter einem Kuppeldach Urlauber im winterkalten Mitteleuropa zu „Tropentrips“ verführte. Eine Europasensation wurde das im niederländischen Arnhem eröffnete Tropenhaus des Tiergartens „Burgers Zoo“, in dem man, auch heute noch, in einer ausladenden Dschungelsimulation spazieren und speisen kann.

Alte Liebe

Ursprünglich war das Eintauchen in die Tropenwelt ein aristokratisches Vergnügen. Adel und reiche Bürger leisteten sich für ihre Leidenschaft und zum Zweck der Repräsentation im 18. Jahrhundert teure „Pomeranzenhäuser“. In der kaiserlichen Pflanzensammlung der Orangerie von Schloss Schönbrunn pflegte man glanzvolle Winterfeste zu feiern. Eine Fußbodenheizung wärmte gleichermaßen die Zitrusbäume und die Hofgesellschaft, die inmitten der Kübelpflanzen tafelte.

Heute hütet man diesen Zitrus-Schatz mit seinen bis zu 180 Jahre alten Exemplaren in Glashäusern auf dem Parkgelände. Die Ernte dieser historischen Raritäten – beispielsweise „Buddhas Hand“ oder die „Gestreifte Landsknechthose“ – landen in einigen wenigen exklusiven Restaurants, wie dem „Steirereck“ in Wien.

Die Anlage von Wolhusen hingegen ist nicht nur jüngeren Datums, sondern auch nicht auf Zierwert, Raritäten oder wissenschaftliche Forschung angelegt. Für 18 Schweizer Franken Eintrittsgeld stehen die Schweizer Tropen jedermann offen, rund ums Jahr, als touristische Attraktion.

Vollgas zum Tropenhaus

Die Anfänge gehen auf den Bau einer Verdichtungsanlage durch die „Transitgas AG“ in der Gemeinde Wolhusen zurück, die durch eine die Schweiz durchquerende Pipeline Erdgas von der Nordsee nach Italien pumpt. Die Abwärme der Verdichtungsanlage nutzte man von Anfang an für Glashäuser, in denen zunächst im Winter Erdbeeren angebaut wurden.

Als die Gärtner im Umfeld darin eine Konkurrenz sahen, wurde die Idee des Tropenhauses geboren und dieses 2010 eröffnet. In den Produktionsglashäusern hat man sich ausschließlich auf tropische Nutzpflanzen spezialisiert, hauptsächlich auf Papayas und Bananen. Abnehmer sind die Supermarktkette „Coop“ und die Gastrobetriebe im eigenen Unternehmen, die im Vorjahr 65.000 Besucher zählten.

Fisch ganz frisch

Den Eigenbedarf an Fisch deckt man mittels Aquakultur aus dem Glashaus. In Tanks wachsen Tilapia, tropische Buntbarsche, heran, mit deren Exkrementen in einem ausgeklügelten Kreislaufsystem die Nutzpflanzen gedüngt werden können. Das „Grüne Welt Journal“ hat in seiner Ausgabe vom Jänner 2013 ausführlich über eine Fisch-Zucht in Berlin berichtet, wo man in der „Malzfabrik“ mit Aquakultur experimentiert, mit dem Ziel eine Großstadt mit Frischfisch zu versorgen, der auf Flachdächern produziert wird.
Wolhusen ist aber keine Versuchsstation, wir haben einen klaren wirtschaftlichen Auftrag“, erklärte Geschäftsführer Pius Marti bei einem Symposion, das die Plattform „Die Gärten Niederösterreichs“ veranstaltete. In Wolhusen sei es aber gelungen, „touristischen Erfolg mit einer sehr sinnlichen Vermittlung von Nachhaltigkeit zu verbinden.“ Die Besucher lernen im Tropenhaus nicht nur ökologisch saubere Produktionsweisen kennen, Themenausstellungen, wie über die Arbeitsbedingungen der Kakaoarbeiter, vermitteln, dass etwas geschehen muss gegen soziale Ungerechtigkeit und unfairen Handel.

www.tropenhaus-wolhusen.ch

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