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Leben
08/17/2019

So lernen Kinder am besten das Schwimmen

Welche Rolle die Eltern bei der Angst vor dem Wasser spielen und wie diese effektiv abgebaut werden kann.

von Julia Gschmeidler

Die aktuellen Zahlen sind alarmierend: 700.000 Österreicher älter als fünf Jahre können nicht schwimmen. Gleichzeitig gibt es zunehmend mehr Eltern, die es nicht mehr als notwendig erachten, dass ihre Kinder schwimmen lernen. „Die Zahlen zeigen: Jedes dritte Kind kann nicht schwimmen“, sagt etwa Arbeiterkammer-Präsident Markus Wieser und schlägt Schulschwimmtage vor – ähnlich den derzeitigen Sportwochen. Pädagogen raten außerdem, mit dem Schwimmen so früh wie möglich zu beginnen: „In den jüngeren Jahren ist vor allem die Gewöhnung an das Wasser von großer Bedeutung, um die Angst zu nehmen“, erklärt Daniel Fleischhacker von der Österreichischen Wasserrettung.

Die größte Schwimmschule Wiens, die Schwimmschule Steiner, bietet Schwimmkurse für Kinder (ab 4 Jahren) und Erwachsene in fünf Bädern Wiens an. Schwimmlehrer Peter Steiner gibt Tipps, wie das Schwimmen schon bei den Kleinsten funktioniert.

Was ist der größte Unterscheid, wenn man Kindern das Schwimmen beibringt – im Gegensatz zur Arbeit mit Erwachsenen?
Peter Steiner: Die Arbeit mit Kindern und Erwachsenen unterscheidet sich vor allem in der Kommunikation und Herangehensweise. Bei Kindern ist der Zugang zum Wasser meist viel ungezwungener und natürlicher, nicht von langjährig aufgebauten Ängsten oder Traumata früherer schlechter Erfahrungen belastet. Auch wenn Kinder einen gewissen Respekt vorm Element mitbringen sollten, sitzen die Hemmungen weit weniger tief.
Bei Erwachsenen muss man oft zuerst einmal ergründen, was sie bis jetzt davon abgehalten hat, Schwimmen zu lernen und manchmal mehr „Psychologe“ als Trainer sein.

Wie beginnt man überhaupt und welche Schwimmart wird als Erstes erlernt?
In der Regel beginnt man damit, Vertrauen zum Wasser aufzubauen, zu tauchen, zu gleiten, zu schweben. Die Schwimmart, in der man zuerst Sicherheit erlangt, ist nicht so wesentlich und auch gibt es hier viele verschiedene Lehrmeinungen. Generell ist es in Rückenlage am einfachsten, an der Oberfläche zu bleiben und oft auch die ersten Meter zu schwimmen
sofern man das Vertrauen zum Wasser hat, sich ganz hinzugeben. Ebenso ist es mit dem Kraulen, hier ist es Voraussetzung, dass man schon entspannt tauchen kann.

Beim Brustschwimmen, welches koordinativ zu den komplexesten Fortbewegungsarten im Wasser zählt, kann man auch an der Wasseroberfläche bleiben, ohne unterzutauchen. Aber zum sicheren und entspannten Schwimmen gehört es auch hier dazu, das Vertrauen zu gewinnen ganz unter Wasser zu sein.

Wie läuft das Training mit Kindern ab?
Beim Training mit Kindern schauen wir zuallererst, dass wir die Kinder in der Gruppe kennen lernen, ihnen die Scheu vor der neuen Situation zu nehmen und ihnen kurz zu erklären, was wir als Nächstes machen werden.
Anschließend geht es nach einer obligatorischen Dusche direkt ins Wasser, wo wir mit Spritzen, Blubbern, Planschen einmal ausloten, welche Kinder schon Wasser gewöhnt sind und ob wir dem einen oder anderen noch helfen müssen, Vertrauen zum Element aufzubauen.

Dann folgen meist die ersten Bewegungsübungen im stehtiefen Wasser, bevor wir uns mit Schwimmhilfe (Reifen, Schwimmnudel) auch schon mal gemeinsam ins tiefere Wasser trauen. Es ist wichtig, den Kindern schon früh zu zeigen, dass das Wasser überall gleich ist, um ihnen das Selbstvertrauen zu geben: Das, was sie im Seichten können, auch umzusetzen, wenn sie nicht mehr stehen können. Recht bald geben wir dann auch die Schwimmhilfen wieder weg, um mit den Kindern einzeln die ersten Tempi ohne Auftriebshilfe zu üben. Natürlich werden sie dabei vom Trainer unterstützt beziehungsweise gehalten  so viel sie es noch brauchen. Hier hilft uns die Erfahrung, jedem Kind gerade so viel Unterstützung zu geben, wie notwendig.

Gibt es dabei einen fixen Ablauf des Trainings?
Bei uns läuft keine Stunde nach einem fixen Schema ab, da sich jedes Kind, jede Gruppe beim Lernen anders verhält und so unsere Trainer mit den einen etwas schneller zum freien Schwimmen übergehen, mit den anderen etwas länger im seichten Wasser bleiben, um sich ans Wasser zu gewöhnen. Es gibt, wie immer bei der Arbeit mit Menschen, kein Universalrezept und jeder hat seine Stärken und Schwächen, die wir durch fleißiges Üben fördern und verbessern.

Und was ist besonders wichtig dabei?
Beim Training mit Kindern ist ein spielerischer Zugang wichtig, aber ebenso wichtig ist eine gewisse Konsequenz. Wir helfen den Kindern, neue Erfahrungen zu machen, vor denen sie sich manchmal auch fürchten, Dinge zu lernen, die sie sich womöglich noch nicht zutrauen. Hier können wir den Kindern helfen, über sich hinauszuwachsen, indem wir ihnen sowohl Motivator als auch Stütze sind. Je mehr uns die Kinder vertrauen, desto einfacher ist es für sie, über ihre Grenzen zu gehen. Daher ist die persönliche Beziehung zum Lehrer, wie überall, auch von sehr großer Bedeutung.

Was ist wichtig, damit aus einem nicht-schwimmenden Kind ein routinierter erwachsener Schwimmer wird?
Üben, üben, üben. Ein absolvierter Schwimmkurs ist noch keine Garantie, für alle Situationen gerüstet zu sein. Je mehr ich kann, desto mehr Möglichkeiten habe ich. Nicht jeder wird zum nächsten Michael Phelps, aber jeder kann die Technik erlernen. Und mit einer soliden Schwimmausbildung über mehrere Jahre und regelmäßigem Üben der Fertigkeiten in Bad, See oder Meer hat man einen Sport, den man bis an sein Lebensende ausüben kann.

Warum haben manche überhaupt Angst vor dem Wasser und wie kann man diese am besten loswerden?
Genau so wie Wasser uns von klein auf fasziniert, birgt es doch auch einige Gefahren und ängstigt uns. Meist ist es die Sorge vor dem Unbekannten bei den Kindern sowie die Furcht vorm Kontrollverlust bei den ungeübten Erwachsenen, die die größten Ängste auslösen.
Natürlich ist es aber gerade bei den Kindern oft auch die Angst der Eltern, die sich auf die Kinder überträgt. Je natürlicher der Umgang der Eltern mit dem Wasser, je ungezwungener Mama und Papa mit dem Wasser schon beim Baden in der heimischen Wanne umgehen, desto entspannter wird auch das Kind. Das beste Mittel gegen die Angst ist, sich ihr immer wieder zu stellen und mit jeder neuen Fertigkeit, die man erlernt, tritt sie weiter in den Hintergrund und die Freude an der Bewegung und an diesem einzigartigen Element überwiegt.