Ihr Leben steht manchmal Kopf, doch davon lässt sich Silke nicht entmutigen

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Schicksal
12/07/2015

"Besonders bin ich, anders nicht"

Silke Naun-Bates verlor ihre Beine, aber nicht ihre Lebensfreude. Die Geschichte einer mutigen Frau.

von Julia Pfligl

Die meisten Menschen mit einem ähnlichen Schicksal würden sich vermutlich im Bett verkriechen, depressiv werden und die Welt verfluchen. Aber Silke Naun-Bates denkt nicht mal dran. Die 48-Jährige lacht nach jedem zweiten Satz laut auf, ihre Augen strahlen, während sie ihre Geschichte erzählt. "Besonders bin ich, anders nicht", sagt die zweifache Mutter, und tatsächlich: Im Gespräch vergisst man rasch, dass der Frohnatur etwas für uns so Selbstverständliches fehlt – ihre Beine.

Schuld ist ein Unfall, der sich im Jahr 1976 ereignete, als Silke acht Jahre alt war. Sie hatte gerade einen Hund bekommen, Richie, der ihr auf Schritt und Tritt folgte. An jenem Tag stürmte Richie bei einem Spaziergang auf die Bahngleise – Silke lief hinterher, um ihn zu retten. Und übersah, dass ein Güterzug auf sie zuraste. Schnitt.

Wochen später erwachte die Achtjährige im Krankenhaus aus ihrem künstlichen Koma – mit einer Vorahnung: "Ich wusste sofort, was los war. Ich schaute hinunter zu meinen Beinen und sah einen ‚Hügel‘ unter der Decke. Das war eine Art Korb für mein Becken. Zur Bestätigung sah ich nach: Meine Beine waren weg." Der erste Gedanke galt den Eltern. "Ich dachte sofort: Ich muss es ihnen sagen." Natürlich wussten sie es längst. "Mein Vater hat mir später erzählt, dass ich lächelnd im Krankenbett lag, als er zu mir ins Zimmer kam. ‚Mach dir keine Sorgen, wir schaffen das schon‘, habe ich zu ihm gesagt."

Weg zurück

Ihre Zuversicht und positive Einstellung halfen ihr, das Handicap nach mehreren Monaten Spitals- und Rehaaufenthalt in den Alltag zu integrieren. Silke bekam einen Rollstuhl, lernte aber auch, wie man sich mit den Händen fortbewegt. Und sie durfte zurück in ihre alte Klasse – was in den Siebzigerjahren nicht selbstverständlich war und für die Schülerin "einen großen Unterschied gemacht hat": "Ich habe mich rasch wieder integriert und mich nie ‚anders‘ gefühlt. Behinderung entsteht für mich erst dann, wenn wir das, was uns fehlt, als Mangel oder Hindernis bewerten."

Silke, ihre Familie, ihre Freunde taten das nie. Andere schon. Nach dem Unfall gab es eine Gerichtsverhandlung, in der dem Mädchen eine Teilschuld zugesprochen wurde – noch schlimmer fand Silke aber, was in den Akten über sie stand: nicht heiratsfähig, ein lebenslanger Pflegefall, Arbeit oder eigene Kinder undenkbar. "Beruflich hat sich dann relativ bald herausgestellt, dass doch was geht", erzählt Naun-Bates. Nach der Schule machte sie eine Ausbildung zur Bürokauffrau, heute ist sie in der Jugend- und Erwachsenenbildung tätig und gibt Seminare. Und auch die Sache mit der Kinderlosigkeit entpuppte sich als Irrtum.

Kinderwunsch

"Bis ich 21 war, war ich davon überzeugt, dass ich nicht schwanger werden kann. Mir wurde gesagt, dass alle Organe entfernt wurden", erinnert sich die 48-Jährige. "Als ich geheiratet habe, fragte mich mein Arzt, ob ich denn keine Kinder wolle. Aus seiner Sicht wäre es nämlich sehr wohl möglich." Die Experten an der Uni-Klinik rieten dennoch ab: zu hoch sei das Risiko, dass das Narbengewebe durch die Dehnung reißen könnte. "Ich fragte: ‚Hatten Sie so einen Fall schon einmal?‘ Hatten sie nicht. Dann wurde ich schwanger. Ich hatte keine Angst, ich habe einfach gespürt, dass es gut gehen wird." Sowohl ihre Tochter Samantha als auch ihr Sohn Pascal wurden in der 35. Woche per Kaiserschnitt geholt und sind heute glückliche Erwachsene. Dass ihre Mutter "besonders" ist, hat sie nie gestört. "Für die Kinder war meine Behinderung immer Normalität. Manchmal waren sie genervt, weil im Kindergarten immer wieder dieselben Fragen kamen. Die anderen Kinder fanden es cool, wie ich Auto fahre oder auf den Händen laufe."

Nur die Blicke im Supermarkt machten die beiden manchmal wütend. Silke selbst hat Verständnis für Neugierige: "Dass Menschen schauen, wenn etwas außergewöhnlich ist, ist normal. Das tu’ ich ja auch", lacht sie. "Bei den ganz Penetranten kommt von mir aber schon einmal so ein Satz wie ‚Schauen kostet fünf Euro.‘"

Frei sein

Bis heute, sagt Naun-Bates, habe sie mit ihrer Behinderung kein einziges Mal gehadert. "Ich habe die Probleme in meinem Leben nie damit gekoppelt." Und davon gab es einige: eine schwierige Beziehung zur Mutter (die 2011 gestorben ist), den Krebstod der Schwester, der tödliche Unfall des Neffen, mehrere Todesfälle im Freundeskreis, eine Scheidung. Der Titel ihres neuen Buches – "Mein Weg in die Freiheit" – bezieht sich daher nicht auf die Behinderung, sondern auf die vielen anderen Schicksalsschläge. "Frei sein bedeutet für mich, dass man die Erlebnisse aus der Vergangenheit loslässt. Freiheit ist ein innerer Zustand, den man in jeder Situation haben kann. Nelson Mandela ist da ein gutes Beispiel: Er war in seiner Gefangenschaft freier als die meisten Menschen."

Die Freiheit genießt Silke Naun-Bates mit ihrem Mann, den sie 2009 geheiratet hat. "Er hatte selber einen schweren Arbeitsunfall und war in einem meiner Kurse. Meine Behinderung war nie ein Thema." Die beiden pendeln zwischen Deutschland und der Kanareninsel El Hierro. Ihren fixen Job hat sie aufgegeben. "Für viele war diese Entscheidung unverständlich. Als Behinderte hat man nicht zu kündigen." Mut, ist die Blondine überzeugt, muss man nicht lernen, sondern wiederfinden. "Ich habe ein tiefes Vertrauen in die Dinge, die passieren. Was soll schon sein? Das Leben ist ein Abenteuer und das darf auch gerne so bleiben." Jedes Erlebnis habe nur die Bedeutung, die man ihm beimisst, sagt Silke Naun-Bates. Das gilt auch für ihren Unfall vor 39 Jahren: "Ich habe das Gefühl, dass mein Leben damit erst so richtig begonnen hat."

Glück ist eine Wahl: „Mein Weg in die Freiheit“, eine Autobiografie von Silke Naun-Bates. 200 Seiten, 16,60 €. Erschienen im Sheema Medien Verlag.
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