The Wire: Die Serie findet selbst der Literaturwissenschafter Kutzenberger toll.

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Leben
09/22/2019

Serien schauen oder lieber lesen? Wie man Lust aufs Buch macht

Dass selbst Studenten der Literaturwissenschaft eher Harry Potter als Goethe kennen, sei ein Kulturverfall, meint Stefan Kutzenberger.

von Barbara Mader

Ein Literaturwissenschafter und sein Student machen sich Sorgen um die Kultur. „Gegen den Kulturverfall“ haben Stefan Kutzenberger, Lektor am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft, und Maximilian Hauptmann, Student ebendort, nun ein Buch geschrieben: Ihr „Literaturquiz“ verstehen sie als Kampfansage gegen die bloße Berieselung durch TV-Serien und als Plädoyer für das Lesen.

KURIER: Sie schreiben, früher habe die Begeisterung für die Klassiker der Literaturgeschichte, für Goethe oder Thomas Mann, junge Menschen zum Studium der Literaturwissenschaft gebracht, heute sei es Harry Potter. Was ist daran so schlimm?

Stefan Kutzenberger: Grundsätzlich nichts. Das ist eine Beobachtung. Ich bin seit 20 Jahren Lektor und frage die Studenten, was ihre Motivation ist, weil ja jeder vor diesem „brotlosen“ Studium gewarnt wird und man Leidenschaft dafür aufbringen sollte. Am Anfang war ich fast beschämt, weil so ambitionierte Antworten kamen, die Studenten schwärmten von Hölderlin und sämtlichen Klassikern. Später hörte ich nur mehr: „Harry Potter“.


Ist doch wunderbar, wenn ein Bestseller Menschen für Literatur begeistern kann.

Ja, am Anfang war ich ratlos, dann hab ich es gelesen und fand es sehr in Ordnung.

Sie schreiben, heute werden als Motiv für das Literatur-Studium Serien genannt. Was haben Sie dagegen?

Ich finde es bedenklich, wenn man Literatur studiert, und nicht Bücher als Motivation für dieses Studium nennt.

Nun ist es unbestritten, dass es sehr gute Serien gibt. Produktionen wie „The Wire“ wurden mit Balzac verglichen – sie seien die „Menschliche Komödie“ unserer Zeit.

Da stimme ich schon zu. Da gibt es große Kunstwerke. Ich finde im Übrigen auch so manche Sitcom gut. „Modern Family“ etwa. Aber ich bin der Meinung, dass nach dem Konsum von Serien und Sitcoms, so gut sie auch sein mögen, stets ein schales Gefühl übrig bliebt. Man hat nichts getan, außer zu konsumieren.

Kennen Sie „The Wire “?

Ja, fantastische Serie. Aber ich bleibe dabei: Die Literatur ist stärker, weil sie persönlicher ist. Film ist rein visuell, löst alle Leerstellen auf.

Oft gibt es eine Wechselwirkung: Die Netflix-Serie über Margaret Atwoods Buch „Der Report der Magd“ hat dazu geführt, dass auch Menschen, die nicht mit den Büchern vertraut waren, sie lesen. Ist doch gut, oder?

Ja, das ist großartig, ich habe das neue Buch auch schon gelesen. Ich habe ja gar nichts gegen Serien, aber sie sollen das Lesen nicht ablösen, sondern ergänzen. Serien-Liebhaber sind potenzielle Leser und ich will sie daran erinnern: Vergesst nicht auf die Bücher, die können schon lange, was Serien können, nämlich fesseln. Atwood ist ein gutes Beispiel: Ich habe die Bücher gelesen und die Serie gesehen. Das Großartige an den Büchern ist ja, dass vieles nicht ausgesprochen wird. In der Serie schon. Das Spiel mit dem Unausgesprochenen fällt weg.


 

Was heute Serien sind, waren Mitte des 19. Jahrhunderts Fortsetzungsromane wie „Der Graf von Monte Christo“. Eine spannende Abenteuergeschichte mit starken Cliffhangern. Der einzige Unterschied zur TV-Serie ist doch, dass das auf Papier gedruckt war. Ist Papier automatisch besser?

Natürlich nicht. Aber wenn wir beide den „Graf von Monte Christo“ lesen, stellen wir uns etwas anderes vor. Wenn wir die Serie sehen, sehen wir dasselbe. Die Personalisierung ist doch ein großes Service der Literatur.

Das schreckt aber auch manche vom Lesen ab, denn ganz passiv, ohne einen Hauch von Mitarbeit, geht es nicht.

Genau, deshalb schauen mehr Leute Serien, als Bücher zu lesen. Ich kenne das von mir selbst. Wenn man müde ist, ist es leichter, passiv zu konsumieren. Aber die Belohnung, wenn man sich zum Lesen aufrafft, ist größer.

Ich zitiere aus dem Buch: „In einer Welt, in der mehr Menschen ,How I Met Your Mother’ kennen als Kafka, ist der Kulturverfall nicht weit.“ Ist das nicht etwas retro?

Ja, doch. Ich habe das Buch ja mit einem meiner Studenten geschrieben. Das Zitat ist von ihm gekommen. Er ist sehr begeistert und will alle missionieren, Klassiker zu lesen. Und das mit 22! Er ist viel konservativer als ich.

Es klingt besserwisserisch.

Naja, das ist die Begeisterung der Jugend. Ich finde das schön, wenn jemand so brennt. Ich habe mich auch ein bisschen ertappt gefühlt, weil ich gerade „How I Met Your Mother“ mit meinen Töchtern schaue. Allgemein hat er natürlich recht. Man muss schon schauen, dass Literatur nicht vergessen wird.

Mit dem Kulturverfall ist es doch wie mit der Jugend von heute: Beides wird beklagt, seit es die Menschheit gibt. Hochkultur war doch niemals mehrheitsfähig.

Stimmt, sie war immer ein Minderheitenprogramm. Und große Literatur hat immer Vermittlung gebraucht. Und braucht eben eine gewisse missionarische Arbeit.

Nun ziehen Sie mit einem Quizbuch in den Kampf gegen den Kulturverlust, wie Sie es nennen. Halten Sie jemanden, der nicht weiß, dass Heine mit einem Tuchgeschäft pleite ging, wirklich für einen Kulturbanausen?

Natürlich nicht. Das Quiz ist der Versuch, Menschen für Literatur zu interessieren. Ob man solche biografischen Details kennt oder nicht, ist bedeutungslos. Aber es kann sein, dass man beginnt, sich mit Heine zu beschäftigen.

Wie bringen Sie Ihre eigenen Kinder zum Lesen?

Ich will sie mit Begeisterung motivieren. Bisher übrigens wenig erfolgreich.

Tipp: Stefan Kutzenberger, Maximilian Hauptmann: „Das Literatur-Quiz – 123 Antworten, die Sie kennen müssen, um über Literatur mitreden zu können“. edition a, 16,90 €

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