Leben
03/13/2019

Bunte Särge und Patientenvorsorge: Erste "Sterbemesse" in Wien

Der Frühling kommt und mit ihm die „Seelenfrieden“ – eine Messe rund um das Thema Sterben.

Gedanken über den Tod, mitten im schönen März? Warum nicht: „Zu Allerheiligen und Allerseelen beschäftigen sich sowieso alle damit, jetzt ist doch auch ein guter Zeitpunkt dafür“, sagt Sabine List. Gestorben wird schließlich immer. Vor einem Jahr hat die 49-jährige Eventmanagerin beschlossen, die Messe „Seelenfrieden“ zu gründen, um „den Tod ins Leben zu holen“. Die findet nun erstmals am 15. und 16. 3. in Wien statt.

„Einer der zentralen Auslöser für diese Idee war das Ableben meiner Großmutter. Sie war über 90 Jahre alt, dement, kam nach einem Schlaganfall ins Hospiz“, erzählt List. Welch prägende Zeit. „Den besonderen Umgang mit Menschen zu beobachten, die nur mehr kurze Zeit zu leben haben, hat mich so begeistert wie berührt.“ Sie begann mit einer Ausbildung zur Lebens-, Sterbe- und Trauerbegleitung.

Tabu und Trendthema

Auf die Idee, eine „Sterbe“-Messe in Österreich zu veranstalten, brachte sie Barbara Pachl-Eberhart. Die Autorin des Bestsellers „vier minus drei“ erzählte ihr von der Publikumsmesse „Leben und Tod“ in Deutschland. Ein Leuchtturmprojekt, das sich als „lebendiger Treffpunkt“ versteht. List will die Österreicher nun ebenfalls animieren, sich bereits zu Lebzeiten mit dem Thema Tod auseinanderzusetzen: „Weil wir alle davon betroffen sind, irgendwann. Sei es durch unser eigenes Lebensende oder durch Todesfälle in der Familie, im Freundes- oder Kollegenkreis. Ich wünsche mir, dass darüber mehr nachgedacht wird.“

Der Tod wird zwar in der westlichen Welt nach wie vor tabuisiert und verdrängt, das Thema liegt dennoch im Trend. Bücher über die letzte Reise oder die Gedanken Sterbender boomen, Menschen schreiben in Blogs oder sprechen in Podcasts darüber.

Das Nullachtfünfzehn-Begräbnis hat ausgedient, schon vor einigen Jahren sprachen Trendforscher von einer „Individualisierung“. In Österreich sind aktuell 500 Bestattungsunternehmen aktiv, der „Bestattungsmarkt“ wurde im Jahr 2002 liberalisiert. Die Gestaltung der letzten Reise wurde zu einem Geschäft mit hohem Konkurrenzdruck, eine Messe kommt da gelegen.

A schöne Leich’

Bei der „Seelenfrieden“ können sich die Besucher aber nicht nur über alternative Bestattungsmöglichkeiten informieren, sondern auch über Vorsorge, Palliativpflege, Abschied und Trauer. Dazu gibt es Vorträge und Workshops. Ein Trauerredner spricht etwa darüber, was ein Begräbnis zu einem schönen Begräbnis macht, eine Expertin zeigt, wie Maltherapie im Trauerfall helfen kann. Grischka Voss – Tochter des verstorbenen Bühnenstars Gert Voss – wird im Rahmen einer Lesung erzählen, wie es ihr ging, als sie innerhalb von drei Jahren die Großmutter, die Eltern und ihre Katze verlor. Eine Notarin spricht über die rechtlichen Maßnahmen zur Vorbereitung auf das Lebensende. Heikles Thema: Nur jeder fünfte Österreicher hat eine Patientenverfügung, nur jeder Zwanzigste macht ein Testament.

Sabine List schwärmt indes von Alfred Opiolka – ein Künstler, der Särge bemalt – mit Sonnenblumen, Frühlingswiesen, bunten Schmetterlingen. Seine Galerie „Sargladen“ liegt mitten in einer Fußgängerzone in Lindau am Bodensee. „So einen Sarg würde ich mir glatt ins Wohnzimmer stellen“, sagt sie. Wie steht sie selbst zum Tod? „Die Konfrontation damit hat meine Sichtweise auf das Leben sehr verändert. Ich nehme heute Dinge wahr, die mir früher gar nicht aufgefallen sind. Dass schon ein paar Tage die Sonne scheint, die Blumen blühen, die Vögel zwitschern.“ Und obwohl sie noch nicht einmal 50 Jahre alt und gesund ist, möchte sie bald ihr Lebensende regeln. Dabei ist eines fix: „Bitte keine weißen Lilien bei meinem Begräbnis, die stinken. Macht’s mir einfach andere Blumen.“

Info: Die Messe findet in der MGC Messe statt, von 10 bis 18 Uhr, Leopold-Böhm-Straße 8, 1030 Wien. Weitere Infos finden Sie hier.

Bestattungstrends: Von Diamanten bis zur Kunst-Urne

Das Begräbnis war einst klar durchritualisiert, das hat sich geändert.

Einige Trends:

Diamantenbestattung

Für einen Diamanten aus Asche werden etwa 500 Gramm „Asche“ benötigt, aus der „amorpher Kohlenstoff“ entnommen wird. Diese wird unter hohem Druck und bei hoher Temperatur kristallisiert. Dazu wird die Asche  in die Schweiz gebracht, weil das in Österreich nicht erlaubt ist. Das Verfahren kostet an die 13.000 Euro, eine günstigere Variante gibt es ab 4000 Euro.

Bestattungsorte

Auch hier ist Individualität angesagt. So ist es etwa möglich, die Asche des Verstorbenen im Rahmen einer Baumbestattung an der Wurzel eines Baumes  zu begraben. Bei der „Donaubestattung“ wird die Asche in einer speziellen Urne dem Wasser übergeben.  Ebenso möglich: die Wiesenbestattung. Dabei wird die Asche des Toten in einer biologisch abbaubaren Urne auf einem Wiesenstück beigesetzt und Teil der Natur.  Eine Seebestattung ist in der Ost- oder Nordsee, aber auch im Mittelmeer möglich, muss aber vom jeweiligen Land individuell  genehmigt werden. Bei einer Luftbestattung wird die Asche  aus einem Flugzeug, Helikopter oder  Heißluftballon verstreut, bei der Windbestattung  über einer steilen Klippe, auf Bergen oder Gletschern. Das ist in Österreich nicht erlaubt,  in Frankreich oder in der Schweiz schon.

Individuelle Urnen

Feuerbestattung liegt im Trend ebenso wie die besondere Urne,  von Hand gefertigt oder künstlerisch gestaltet. Das umweltfreundliche Modell ist aus nachwachsenden Rohstoffen und wird im Laufe der Zeit zu Wasser und Humus.

Erinnerungsstücke

Wenn’s mehr als nur ein Foto vom Verstorbenen sein soll, empfiehlt es sich, die DNA des Toten auf Leinen drucken zu lassen. Sie wird sichtbar gemacht und in künstlerischer Form abgebildet. Das wird zum Beispiel von der Bestattung Wien  angeboten. Ebenso gibt es Halsketten oder Anhänger mit DNA vom Verstorbenen, auch  Toten- oder Handmasken in Originalgröße sind möglich.