Leben
14.06.2018

Schulsprecher: "Das Handy stört die Gemeinschaft"

Was denken Jugendliche über den sinnvollen Umgang mit Smartphones im Unterricht?

Sophia Dobesberger: Unsere Schule, die BAfEP de la salle, gibt es erst seit zwei Jahren. Anfangs haben die Lehrer versucht, so wenig Regeln wie möglich aufzustellen und uns Schüler die Verantwortung überlassen. Nur im Unterricht war es nicht erlaubt. Es hat aber überhandgenommen und dann haben sich die Schüler gewünscht, dass es klarere Regeln und Konsequenzen gibt. Es stört die Gemeinschaft, wenn jeder nur bei seinem Handy ist. Das haben wir in unserem Selfie-Meeting diskutiert, einem wöchentlichen Zusammentreffen der ganzen Schule. Im Unterricht ist es Tabu, da muss es in der Tasche sein. Das Hand auf einem Platz in der Klasse sammeln, hat sich aber nicht bewährt. Nur bei unserer Deutschlehrerin müssen wir die Handys vor der Stunde abgeben. In Musik schauen wir oft Liedertexte nach oder in anderen Fächern spielen wir ein Kahoot-Quiz. Wenn das Handy im Unterricht gesehen wird, wird es abgenommen. Das klappt jetzt gut. Das Handy-Abgeben ist auch eine Konsequenz, wenn man sich an andere Schülerpflichten nicht hält. Dann bringt man es ins Lehrerzimmer, dort wird es beschriftet und in eine Lade gelegt. Das Handy hat man gerne, es lenkt aber auch ab.

Petrit Miftari: In der Wasagasse haben wir vor etwa fünf Jahren die handyfreie Pause eingeführt. Damals sind die Unterstufen-Kinder immer mit ihren Handys am Gang gesessen. Ich war damals in der zweiten Klasse und es war wirklich arg. Im Schulgemeinschaftsausschuss haben die Schülervertreter das Thema aufgebracht. Sie hatten vorher Umfragen bei den Schülern gemacht und die waren eigentlich dafür – außer die vierte Klasse, die hat einen Gegenpetition gemacht. Das Handy muss in der Tasche verwahrt werden. Beim ersten Mal wird ein Schüler verwarnt, beim zweiten Mal muss er es für den Tag im Sekretariat abgeben, wenn es öfter vorkommt, müssen die Eltern das Handy abholen. Die Oberstufe wurde nur ersucht, vorbildlich damit umzugehen.

Kevin Xia: Bei uns in der Anton-Krieger-Gasse wurde auch vor zwei Jahren ein Handyverbot für die Unterstufe und die fünfte Klasse im SGA beschlossen, also bis zum Ende der Pflichtschule. Für die Fünfte wurde es dann wieder aufgehoben und es gilt in der Unterstufe. In der Oberstufe ist es lockerer.

Dobesberger: Man redet nicht mit den Leuten, sondern ist am Handy, kommuniziert mit den Freunden außerhalb der Schule, es wird viel gefilmt und auf Snapchat gepostet. Das sehen manche lockerer und andere finden es gar nicht, bei den Stories von anderen aufzuscheinen. Das kann schon auch mal zu Streits führen. An einem Nachmittag wurden aus einem bestimmten Grund alle Handys in der Schule eingesammelt und das war total nett, als alle zusammen gechillt haben.

Xia: Bei uns bildet sich beim Computer in der Klasse traditionell eine größere Gruppe zum Spielen. Ab und zu schaut man aufs Handy und checkt Nachrichten. Aber in der Unterstufe sperren sich jetzt manche in den Toiletten ein und spielen in der Pause.

Wo sind die Unterschiede zwischen Unter- und Oberstufe?

Xia: Viele jüngere Kinder spielen am Handy und wollen dann mit niemandem reden. Das wird bei den Größeren viel weniger, Social Media ist immer noch wichtig, aber nicht mehr dieses Hinstarren auf den Bildschirm.

Dobesberger: Je älter man wird, desto kann man es wertschätzen, dass das Leben auch außerhalb des Handys existiert. Wenn man gerade erst oder vor wenigen Jahren ein Handy bekommen hat, ist es ein urcooles Gadget. Daran gewöhnt man sich dann.

Miftari: Als das Handyverbot kam, war ich geschockt, aber dann fand ich es ok. Und ich finde, es ist die Pflicht der Schule, den Kindern den richtigen Umgang mit dem Handy beizubringen – und da gehört auch eine Pause dazu. Sonst kann man sich nicht mehr auf die Realität konzentrieren. Ich schalte jetzt manchmal das Handy sechs Stunden aus.

Gab es bei euch Fälle von Cybermobbing oder Konflikte rund um die sozialen Medien?

Miftari: Bei uns gab einen Fall mit einer WhatsApp-Gruppe und einem Schüler. Das haben die Eltern dann dem Klassenvorstand gesagt und es gab einen Workshop über Mobbing und dann hat es sich wieder beruhigt. In WhatsApp brechen leichter Streitigkeiten aus, weil man nicht versucht, die anderen zu verstehen, sondern nur seine Meinung hineinstellt. Empathie gibt es dort nicht. Wir haben in unserer Klasse im Rahmen einer Mediation entschieden, dass wir nur noch Lernthemen online abhandeln. Erst vor kurzem habe ich geschrieben: Bitte tragt das woanders aus.

Wie zum Beispiel?

Xia: Bei uns gibt es das Konzept der Peer Mediatoren, das sind ältere Schüler wie ich. Ich betreue eine Klasse und rede immer wieder mit denen, um zu schauen, ob es Konflikte gibt. Und die Schüler wenden sich an mich, wenn es Streit gibt, leichter als an einen Lehrer.

Beziehen eure Lehrer das Handy in de Untericht ein? Hättet ihr das gerne mehr?

Xia: Das ist nach Lehrern sehr unterschiedlch, manche machen Lernquizzes mit Kahoot. In der digitalen Welt gibt es sehr viele Möglichkeiten, aber die Lehrer wenden ein oder zwei Methoden an. Aber unser Mathe-Lehrer unterrichtet nur frontal und ist der Beste in der ganzen Schule. Andere versuchen, das Handy einzubeziehen, aber es funktioniert nicht gut. Da fehlt es vielen Lehrern noch an Erfahrung. Aber diese Tür zu öffnen, ist ein Schritt, der getan werden muss.

Miftari: Bei Rechercheaufgaben für 15 Minuten gibt nicht jeder das Handy weg, wenn er fertig ist. Aber ich finde es auch ok, wenn er nach sieben Minuten fertig ist und dann noch ein paar Nachrichten checkt. Aber eine Stunde lang zu machen, was man will, ist auch nicht sinnvoll.

Dobesberger: Wichtig ist die Kombination: Bei uns wird in Physik viel mit dem Handy gemacht, als Stundenwiederholung. Aber es ist so wertvoll, dass man von einem Menschen lernen kann und mit ihnen über etwas diskutieren kann, da lerne ich viel mehr. Es reicht nicht, dass ich aus dem Internet ein paar Sätze abschreibe. Ich bin froh über einen Lehrer, dem ich 10.000 Fragen stellen kann. Für unsere Arbeitsaufträge verwenden wir alle aber viele Computerprogramme als Werkzeug.

Miftari: Ich bin in einer Laptop-Klasse und das ist eigentlich praktisch. Aber in manchen Stunden ist es den Lehrern egal und dann spielen alle. Ich schreibe übrigens trotzdem in der Stunde mit der Hand mit, so merke ich es mir besser.

Was würdet ihr machen, wenn ihr Kinder hättet?

Xia: Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Ich hatte nie Einschränkungen beim Handy. Ich habe es mit zehn bekommen und es konnte zwar nicht so viel wie die heutigen, aber damals war es ziemlich cool.

Miftari: Mein Bruder und ich wurden auch nicht eingeschränkt und haben es jetzt gut im Grupp. Aber unsere Nachbarskinder hatten strenge Eltern und alles sehr strukturiert. Und wenn wir einander im Garten getroffen haben, wollten sie immer unsere Handys ausborgen. Die durften eine Stunde etwas am Handy spielen und deswegen waren sie immer total heiß darauf. Man muss den Kindern vermitteln: Ein Handy ist nicht gut oder böse, sondern einfach ein Werkzeug.

Miftari: Die einzige Art, wie Kindern lernen, das Handy zu regeln ist, wenn man ihnen zeigt, wieviele andere Sachen sie machen können. Mein kleiner Bruder würde auch die ganze Zeit am Handy spielen, aber wenn ich mit ihm hinausgehe, ist er voll dabei.

Wenn Kinder sich aussuchen können: Verbringe ich eine Stunde mit dem Handy oder mit einem Buch, werden sie zum Telefon greifen, oder?

Dobesberger: Definitiv.

Xia: Ich finde es schade, wenn Kindern nicht vorgelesen wird und sie nicht die Magie des Lesens erlebt haben. Ich höre von Freunden, die Leseratte sind, dass sie so hineingewachsen sind. Lesen ist eine enorm wichtige Kompetenz, weil man ein Sprachgefühl durch Lesen bekommt. Dann sieht ein Wort einfach falsch aus, wenn es nicht richtig geschrieben ist. Manche Leute haben das Gefühl und manche nicht.

Miftari: Ich merke es im Unterricht: Leute, die gar nicht lesen und viel beim Handy sind, lesen sich einen Text durch und sagen: ’Ich habe ihn nicht verstanden.’ Dabei ist er nicht si kompliziert. Wenn man zu wenig liest, tut man sich im Unterricht schwerer. Die Schule und das Handy hängen zusammen. Ein Telefon ist leicht, man versteht es, es verlangt nichts von dir, es berieselt mich, ich muss nichts machen. Das ist verlockend.

Wie sehen sinnvolle Handregeln zu Hause aus?

Xia Wenn man sich Regeln ausmacht, wann man das Handy verwenden darf, gibt man ihm so eine große Bedeutung. Eltern müssen ein Vorbild sein. Es hat wenig Sinn, dass Eltern telefonieren und das Kind anschreien, es soll das Handy weggeben. Ich glaube, dass handyfreie Tage zu Hause einen extrem negativen Effekt auf Kinder haben. Das ist es immer etwas Negatives, weil es sich nie darauf freuen wird. Es kann ja immer einen handyfreien Tag machen. Aber so wird das Handy wie eine Belohnung.