Politik | Inland
29.03.2018

Macht das Handyverbot Schule?

Smartphone in den Spind: Bayern tut es, Frankreich hat es vor – doch der Erfolg bleibt umstritten.

Handys? Die dienen doch nur zum Horrorvideo-Verschicken. Und das Internet? Ist eine riesige Tauschbörse für Grauslichkeiten aller Art.

Wir schreiben das Jahr 2006, und im sonst so idyllischen Bayern dreht sich alles nur um eines: Videos von Sex- und Hinrichtungsszenen, die in den Schulen herumgereicht werden. Eltern und Lehrer sind schockiert – und die Politik stellt sich die Frage: Wie kann man der Handyplage Herr werden?

„Wie am Flughafen“

Die Antwort war damals eine simple: ein komplettes Verbot. Beschlossen wurde – auch auf Druck des jetzigen Ministerpräsidenten Markus Söder –, dass im Unterricht und in den Pausen keine Handys benutzt werden dürfen.

Jetzt, elf Jahre später, hat sich der Wind allerdings gedreht. Jetzt wird am Komplettverbot gerüttelt – und zwar mit durchaus plausibel klingenden Argumenten: Das Verbot zeige viel zu wenig Wirkung, weil viele Schüler ihr Handy trotzdem anhätten, argumentieren SPD und Grüne. Das sind Stimmen, die man auch in Frankreich hört: Dort stößt Emmanuel Macrons Wahlversprechen, ab Herbst alle Handys vor Schulbeginn einzukassieren, auf viel Widerstand. Die Grundfrage lautet: Wie sollen das denn funktionieren? „Wir können ja nicht jeden Morgen wie am Flughafen die Taschen durchwühlen und Telefone raussammeln“, sagt sie Lehrergewerkschaft.

Heinz-Peter Meidinger, Präsident des deutschen Lehrerverbands, sieht das ähnlich. Er selbst leitet eine Schule im bayerischen Deggendorf; eine „kreidefreie“, wie er sagt: Dort wird voll digital unterrichtet. Das Handy sollte freilich trotzdem ausbleiben – sollte, wohlgemerkt: „Oft liegt es stummgeschaltet in der Bank, und die ganz Schlauen sehen auf ihrer Smartwatch, was am Handy los ist“, sagt er zum KURIER. Als Lehrer sei man da machtlos: „Alle Taschen durchbuddeln macht ja auch keinen Sinn“, sagt Meidinger.

Handy als Störfaktor

Was man daraus lernt? Schwierige Frage. Denn einerseits sind sich alle einig, dass das Handy im Unterricht nichts verloren hat; das zeigen auch Studien: Laut einer britischen Untersuchung lieferten Schüler, die Handyverbot hatten, bessere Schulerfolge als solche, denen die Smartphones erlaubt waren. Signifikant war der Unterschied bei jenen, die zuvor besonders schlecht gewesen waren – und aus sozial schwachen Familien kamen.

Andererseits ist das völlige Abdrehen auch nicht unproblematisch. Denn dann versuchen die Kinder eben, das Verbot zu umgehen – und allein das lenkt sie ab: „Schon das Handy in der Tasche frisst 30 Prozent der Aufmerksamkeit der Schüler“, sagt Meidinger. Dazu kommen Probleme mit Erwachsenen: Überfürsorgliche Eltern, die ihre Kinder erreichen wollen und damit quasi gegen das Verbot opponieren. Und Lehrer, die selbst Handys benutzen – und damit kein Vorbild sind.

Meidinger plädiert darum für definierte Zonen und Zeiten, in denen die Kinder in der Schule Handys benutzen dürfen. Eine Zwischenlösung, die es auch hierzulande oft gibt – hier dürfen die Schulen autonom entscheiden, wie sie mit den Handys verfahren. Die Erfahrungen damit sind nicht so schlecht: „Weder ein komplettes Handyverbot noch eine allgemeine Erlaubnis ist das Beste“, sagt Karin Haslgrübler, Schulpsychologin in Wien. „Aus meiner Erfahrung ist es so: Je klarer die Regelungen vom gesamten Schulkörper – also auch von den Lehrern – mitgetragen werden, desto besser können Kinder und Eltern damit umgehen.“

Eine österreichische Lösung also – nur diesmal zur Abwechslung mit positivem Nachgeschmack.