Malta - Mediterranean travel destination, Marsamxett Harbour and Valletta with Cathedral of Saint Paul

Schatztruhe Malta: Was sich unter den Straßen Vallettas verbirgt

In Valletta werden Festung und Stadt eins. Darunter liegt eine geheime Stadt: die Tunnel der Ritter des Malteserordens.

Klappe auf, Klappe zu, und man ist verschwunden. Untergetaucht. Eine kleine Türe, versenkt im Steinboden, inmitten von Fußgängern, man öffnet sie – und schon verschlucken einen die Straßen von Valletta und man steigt hinab in eine andere Welt. In der ist es kalt und feucht und eng, gebückt keucht man sich mit Schutzhelm und Stirnlampe am Kopf durch die niedrigen Tunnel unter Maltas Hauptstadt hindurch: Ein Netz von unterirdischen Gängen unterläuft Valletta wie ein Spinnennetz, 28.000 Quadratmeter umspannt es. Die Einheimischen nutzten es im Zweiten Weltkrieg zu Tausenden als Schutz gegen die Luftangriffe, Malta gilt bei 15.000 Tonnen Sprengstoff als einer der am stärksten bombardierten Orte. Unter der Erde hielt die Stadt dem Bombenhagel stand.

Angelegt wurde das vielverzweigte System aber bereits viel früher: von den Johannitern, also den Rittern des Malteserordens, zur Wasserversorgung, um Vorräte zu lagern und als Fluchtweg. Es sind trostlose, dunkle Tunnel, und in den Bunkern zeugen mancherorts noch Zeichnungen von Tagen der Angst. Doch auch der längste Tunnel endet im Freien, und wenn man den Kopf endlich wieder aus dem dunklen Loch in der Erde Richtung Licht strecken darf, wartet gleich Gott zum Gruße – als Gebäude.

St. John's Co-Cathedral

Goldener Prunk: die St. John's Co-Cathedral

©Getty Images/Wallis Yu/istockphoto

Prunk und Caravaggio

Die St. John’s Co-Cathedral ist ein Gotteshaus ganz nach dem Geschmack der Malteser Ritter: außen von strenger Schlichtheit, bescheiden, aus weißem Kalkstein. Betritt man die Kirche dann, wird man geblendet von der Pracht dieses Ortes. Es birst vor Blattgold und Marmor, vom Boden bis zur Decke überwältigt einen schiere, ausufernde Herrlichkeit, mit der jeder Quadratzentimeter verziert und geschnitzt zu sein scheint, und der das Auge kaum Herr wird. Die Grabsteine am Boden erinnern an die berühmtesten Ordensritter, acht üppig verzierte Kapellen säumen das Hauptschiff. 

Und dann ist da noch er, Caravaggio. Untrennbar ist das Leben des Maler-Genies mit Malta verknüpft. Gelandet ist der Draufgänger, Heißsporn, Mörder auf der Mittelmeerinsel – wie könnte es anders sein – auf der Flucht, aus Rom, wo er den Sohn eines Armee-Kommandanten erschlug, über Neapel kommend. Hier schaffte der zum Tode Verurteilte es, Gnade zu finden und sogar zum Ritter geschlagen zu werden, und im Oratorium der Kathedrale ist nun sein wichtigstes Werk zu bestaunen. 

„Die Enthauptung Johannes des Täufers“, das einzige seiner Gemälde, das Caravaggio jemals signiert hat. Es ist ein Meisterwerk im Kirchen-Kronjuwel: drastisch in Licht wie Szene gesetzt, wie der Henker mit Dolch sich daran macht, dem mit den Händen am Rücken gefesselten Johannes den Kopf abzuschneiden, während Salome, eine goldene Schale in der Hand, auf das Haupt des Heiligen wartet. Caravaggio hat das Bild mit der blutroten Malfarbe des Heiligen Johannes gezeichnet – ein möglicher Hinweis auf Caravaggios persönliche Verbindung zu dem Bild. Und dass er, ein Mörder auf der Flucht, die Schuld für seine eigene Tat in Rom auf sich nimmt, aber sich auch als Märtyrer versteht, ein Verfolgter, der im Exil lebt.

Malta hat seine dunklen Seiten, ob im Tunnel, bei Caravaggio – aber auch heute sind sie zu finden, beim Flanieren durch die Stadt. Seitlich der Kathedrale wird das deutlich. Dort stehen Bilder, Blumen, Kerzen, Briefe. Gewidmet sind sie der Journalistin Daphne Caruana Galizia, die 2017 durch eine Autobombe ermordet wurde, weil sie über Korruption im Land recherchiert hatte. Ein dunkler Punkt in einem Land mit hoher Lebensqualität: Malta ist berühmt für seine vielen Sonnenstunden, das milde Klima, als Finanzstandort (besonders im Wett- und Gaming-Bereich), für seine guten Partys und Sprachkurse.

Traditional Maltese Balconies in Valletta Malta

Bunter Anblick: typische Holzbalkone in der Altstadt

©Getty Images/iStockphoto/benedek/istockphoto

Mauern und Balkone

Valletta ist halb Festung, halb Stadt, umringt von Mauern und Bastionen, verbindet sich beides zu einem organischen Ganzen. Gebaut ist das auf einer schmalen Halbinsel. Ein Spaziergang entlang der Festungsmauern beeindruckt – besonders wenn das Meer braust, die Wellen tosend ans Ufer schlagen und die Gischt sich vor einem aufbäumt. Beim City Gate sind die Mauern besonders massiv, die die ganze Stadt umranden. Während das aus dem für Malta typischen hellen Kalkstein errichtete Victoria Gate das älteste erhaltene Stadttor ist, liegt hier der Haupteingang zur City, modern und minimalistisch, gestaltet vom Architekten Renzo Piano. 

Man bewundert den Tritonenbrunnen, dann geht man weiter, schlendert durch die Altstadt und die Republic Street, die mit ihren vielen Geschäften und Cafés als so etwas wie die Lebensader der Stadt fungiert. Die Häuser, ganz generell, sind ein Augenschmaus für all jene, die sich gern in historische Fassaden verlieben: Die bunten Holzbalkone, Gallariji genannt, lächeln auf einen herab, man geht gern zu Fuß in dieser Stadt, bergab und bergan erobert man sie sich, und das Meer ist nie weit weg.

South Street in Valletta

Städteflair auf der South Street in Valletta: belebt, verspielt, charmant und historisch

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Expats und Kanonen 

Es verwundert nicht, warum Malta vor Expats – also Personen, die vorübergehend hier arbeiten und leben – strotzt, bis zu 25 Prozent der Bevölkerung sind Ausländer. Englisch ist die zweite Amtssprache, das ist praktisch, und die Party steigt auch gleich nebenan: Paceville in St. Julian’s ist nur fünf Kilometer von Valletta entfernt. Bars, Clubs und Restaurants liegen hier dicht gedrängt aneinander, es ist laut und die Atmosphäre fiebrig, was man sich gönnt, bevor man wieder zurück ins ruhige Valletta fährt, mit seinen stilvollen Kaffeehäusern in den kleinen Gassen.

Upper Barrakka Gardens, Valletta, Malta

Garten auf den Bastionen der Stadtmauer: die Barakka Upper Gardens garantieren eine prächtige Aussicht

©Getty Images/tunart/istockphoto

Und natürlich die schönen Aussichten genießt, etwa in den Upper Barakka Gardens, ein besonders schönes Plätzchen am Rand der Altstadt. Der Blick auf den Grand Harbour, Torbögen und die Gartenanlage erfreuen das Auge – und ein kolossaler Dinosaurier auf dem Sprung, eine Statue als Referenz an Steven Spielbergs „Jurassic Park: Ein neues Zeitalter“, der hier teilweise in Szene gesetzt wurde – Malta erfreut sich ja besten Rufes als Filmkulisse, mehr als 200 internationale Produktionen wurden hier gedreht.

Unter den Gärten dann kann man noch einem zeremoniellen Schauspiel beiwohnen: Jeden Tag zu Mittag und um 16 Uhr wird von einem Mann in historischer Uniform ein Kanonenschuss abgefeuert; früher diente der als Zeitangabe für die Schiffe im Hafen. Auch den empfiehlt es sich bei einem Spaziergang zu erkunden, genauso wie das Fort St Elmo – eine Sternfestung aus dem 16. Jahrhundert, die 1565 den osmanischen Eroberern standhielt. Valletta ist eine Festung – und hat sich dennoch einen unwiderstehlichen Zauber bewahrt.

Alexander Kern

Über Alexander Kern

Geboren in Wien, war Chefredakteur verschiedener Magazine und stand im Gründungsteam des Seitenblicke Magazins des Red Bull Media House. 12 Jahre Chefreporter bzw. Ressortleiter Entertainment. Schrieb für 110%, das Sport- und Lifestyle-Magazin von Die Presse. Seit 2020 Redakteur der KURIER Freizeit mit Reportagen, Kolumnen, Texten zu Kultur, Gesellschaft, Stil, Reise und mehr. Hunderte Interviews, von Beyoncé und Quentin Tarantino über Woody Allen und Hugh Grant bis Jennifer Lopez und Leonardo DiCaprio sowie in der deutschsprachigen Kulturszene. Reportagen vom Filmfestival Cannes bis zur Fashionweek Berlin. Liebt Kino, Literatur und Haselnusseis.

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