TV Serie „Die Bergretter“: Was am Dachstein-Set wirklich passiert
Die ZDF-Serie „Die Bergretter“ hat ein reales Vorbild: Unterwegs mit Heribert „Heri“ Eisl, Bergführer und Obmann der Bergrettung Ramsau am Dachstein.
Von Günter Kast
Bei der Tourenbesprechung am Vorabend piept Heris Handy plötzlich wie der Zeitzünder einer Sprengladung. Alarm! Am Telefon erfährt er von der Einsatzzentrale, dass sich ein Mann aus Tschechien oberhalb der Südwandhütte am Bein verletzt habe. Er lässt sich mit dem Bergwanderer verbinden und erklärt ihm auf Englisch, dass ihn ein Hubschrauber in einer Viertelstunde bergen werde. Er solle mit dem Winken eines Kleidungsstückes auf sich aufmerksam machen. Für Heri ist die Sache damit erledigt – ein Routine-Einsatz, bei dem er selbst nicht dabei sein muss.
Nicht immer gehen Unfälle so glimpflich aus. Keiner weiß das besser als Heribert „Heri“ Eisl. Bereits Ende der 1970er-Jahre kam er zur Bergrettung Ramsau am Dachstein und war dreißig Jahre Obmann der drei Dutzend aktiven Mitglieder. Als Einsatzleiter und Flugretter konnte er unzählige Menschen aus alpinen Notlagen befreien. Kaum jemand in der Steiermark hat mehr Erfahrung als der vierfache Familienvater, dessen Söhne Franz und Lukas auch ehrenamtlich als Bergretter aktiv sind.
Von 1995 bis 2024 Obmann der Bergrettung Ramsau am Dachstein: Heribert Eisl.
©KastUnd deshalb war klar, dass Heri erster Ansprechpartner sein würde, als die „neue deutsche Filmgesellschaft“ (ndF), die auch den „Bergdoktor“ am Wilden Kaiser produziert, vor rund siebzehn Jahren im Auftrag des ZDF nach einem Drehort und Schauplatz für eine neue TV-Serie namens „Die Bergretter“ suchte. „Es waren damals noch andere Regionen in der engeren Auswahl“, erinnert sich Heri. Ramsau konnte mit seinen „Zutaten“ auf engem Raum und mit kurzen Wegen überzeugen: liebliche Almweiden vor der schroffen Kulisse des fast dreitausend Meter hohen Dachsteinmassivs, dazu der Heli-Port der Flugretter im nahen Niederöblarn im Ennstal, wo die Hubschrauber Christophorus 14 und 99 stationiert sind.
„Ich hab’ damals gefragt, wie lange die Dreharbeiten gehen sollen“, erzählt Heri. Der Produktionsleiter sagte ihm: Kommt auf die Einschaltquote an. Die liegt konstant zwischen achtzehn und zwanzig Prozent, was sehr ordentlich ist. Und deshalb wurden bis dato fünfzehn Staffeln mit meist sechs Folgen abgedreht. Ein Erfolg, an dem Heri und sein Team großen Anteil haben. Denn sie helfen bei der Suche nach geeigneten Locations, beraten die Drehbuchautoren bei den Szenen am Berg, unterstützen und sichern Kameraleute, Techniker und vor allem die Schauspieler. „Die vertrauen uns ihr Leben an“, sagt Heri. „Und wenn es zu gefährlich wird, springen wir schon mal als Double ein.“ Einer seiner Kollegen mimte bei einer Flugszene Luise Bähr, die die Notärztin Katharina Strasser spielt: Unter dem Helm wurde ihm ein Zopf angesteckt – et voilà!
Hier wird gerade eine Helikopter-Szene für die Serie gedreht.
©Barbara BauriedlTour auf die Scheichenspitze
Bevor Heri weiter erzählt, wie eng mittlerweile „echte“ Bergretter und Seriendarsteller zusammenarbeiten, packen wir die Bergtour an, die er ausgetüftelt hat: Es soll auf die 2.667 Meter hohe Scheichenspitze gehen. Diese ist zwar der vom Tal weithin sichtbare Hausberg von Ramsau. Aber der Hohe Dachstein, der Hauptgipfel des Massivs, stiehlt natürlich allen anderen Zacken die Schau. Heri ist das egal. Er mag Touren, bei denen man den Massen aus dem Weg geht. Als staatlich geprüfter Bergführer kennt er jeden Winkel seiner Heimat und hat eine abwechslungsreiche Route auf die Scheichenspitze ausgetüftelt, die an der Bergstation der Dachstein-Südwandbahn beginnt und alles bietet, was eine spannende Bergtour ausmacht – von Gletschereis und Leitern bis zu steilen Schuttreisen und sogar einem Stollen.
Die Bergtour auf die Scheichenspitze erfordert Trittsicherheit.
©Kast„Anfangs gab es ja viel Kritik von Bergführern an unserer Zusammenarbeit mit der TV-Serie“, erzählt Heri, während wir die Eisenklammern zum Rosmarie-Stollen hinaufsteigen. „Die ist längst verstummt. Jetzt gibt es nur noch Neider. Neunzig Prozent der neuen Gäste in unserer Region sind durch das Fernsehen auf uns aufmerksam geworden.“ Er muss es wissen, denn er und seine Frau sind auch Hoteliers in Ramsau. „Es ist die beste unaufdringliche Werbung, die man sich wünschen kann.“
Gut für den Tourismus: Viele Fans kommen wegen der Serie in die Region.
©TVB Schladming-Dachstein/Martin HuberAnfangs hätten die Produzenten ihm gesagt: Lass es uns so filmen, wie es tatsächlich bei euch abläuft. „Das wurde aber schnell langweilig, denn die Einsätze wiederholen sich.“ Also musste gerafft und zugespitzt werden. Kamera-Schwenke über das Dachsteinmassiv wechseln sich ab mit Kletterszenen, Rettungsaktionen in letzter Sekunde und emotionalen Achterbahnfahrten. Man versuche, nahe an der Realität zu bleiben, aber Wirkung komme vor Authentizität: „Die TV-Bergretter machen manchmal Dinge, die in Wirklichkeit nie passieren würden.“ Da lässt der in eine Gletscherspalte gestürzte Geologe eine Botschaft an einem Lawinen-Airbag in die Luft steigen, obwohl diese Rettungssäcke in Wirklichkeit nicht mit Helium, sondern nur mit Druckluft befüllt sind. Und der beim Wandern mit Frauchen in Bergnot geratene Hund, der in der Serie von Hauptdarsteller Sebastian Ströbel (alias Bergrettungschef Markus Kofler) nun aus der Wand geborgen werden muss, ist in Wirklichkeit ein bestens ausgebildeter Hund der echten Retter, der ohne Probleme eigenständig in flacheres Gelände hinunterklettern könnte, der aber natürlich nichts dagegen hat, sich auf diese Weise einige Wurstsemmeln extra zu verdienen.
TV-Star hängt selbst am Seil
„Die Produzenten kommen mit verwegenen Ideen und wir müssen dann sagen, ob das funktioniert“, erklärt Heri, während wir an Fixseilen ins Edelgrießkar absteigen. So wie er jetzt uns beobachtet und darauf achtet, dass Sicherheit an erster Stelle steht, hat er anfangs auch Schauspieler Ströbel gecoacht. Der Hamburger, der inzwischen mehr als das halbe Jahr in Ramsau verbringt, hatte für seine Rolle ein Klettertraining absolviert, Seiltechniken und Knoten gebüffelt. „Der klettert mittlerweile besser als ich“, lobt Heri seinen Zögling. In vielen Szenen hänge Ströbel selbst am Seil, nur besonders heikle Aktionen würden mit echten Bergrettern gedoubelt. Hier richtig zu entscheiden, sei eine große Verantwortung. Das gesamte Drehteam bestehe aus vierzig Personen. „Für deren Sicherheit bin ich, sind wir Bergretter verantwortlich.“
Neben dem Honorar habe das einen schönen Nebeneffekt: „Die Serie ist gut für unsere Arbeit. Die Menschen bekommen mehr Achtung vor dem, was wir tun, auch wenn die Realität nicht immer so dramatisch ist wie im Fernsehen.“ Nachwuchsprobleme kenne sein Team deshalb nicht. Viele Fans würden die Bergrettung Ramsau sogar mit Geldspenden unterstützen. Ein weiterer schöner Nebeneffekt: „Wir können auf die Arbeit der Retter und die Gefahren in den Bergen aufmerksam machen und auf diese Weise den einen oder anderen Unfall vermeiden.“ Heri ist das wichtig. Immer wieder könnten sie in der Realität verunglückte Bergsportler nur noch tot bergen. „Das sind für uns ganz schwierige, bittere Momente. Dann setzen wir uns nachher alle zusammen und versuchen, das Geschehene gemeinsam zu verarbeiten.“
Ausreichend Gelegenheiten abzustürzen gibt es auch auf der Tour zur Scheichenspitze. Dabei war die Schluss-Etappe zum sieben Meter hohen Kreuz am Gipfel noch die leichtere Übung. Wie immer ist der Abstieg heikler. Vor allem der steile Pfad hinab ins Edelgrießkar, den ein Schild mit der Aufschrift „Nur für Geübte“ markiert, erfordert volle Konzentration. Heri setzt seine Schritte mit Bedacht. Er weiß, dass Fehler in den Bergen andere Konsequenzen haben als bei einem Tennis-Match. 2018 erwischte es seinen Berg- und Flugretter-Kollegen Api Prugger, der bei den Flugszenen der TV-Serie als Berater fungiert: Er stürzte bei einer Ausbildung am nahen Stoderzinken zehn Meter ab und verletzte sich dabei sehr schwer.
Die Bergretter befreien aus Notlagen – für die TV-Serie und im echten Leben.
©TVB Schladming-Dachstein/Martin HuberIm ZDF werden zum Glück nur fiktive Unglücke gezeigt. Und die sind ein großer PR-Erfolg für die Region. Das Tourismusbüro bietet regelmäßig Fan-Wanderungen zu den Drehorten in der Ramsau an, es gibt Autogrammstunden und Fan-Packages für ein ganzes Wochenende. Serien-Star Ströbel wird oft von Wanderern und Mountainbikern angesprochen, die um Selfies und Autogramme bitten. Manche fragen ihn sogar um Wandertipps, so als wäre er wirklich ein Einheimischer. Jedes Jahr im Juni gibt es einen „Bergretter“-Fan-Tag mit spektakulärem Rahmenprogramm und Live-Talk mit den Stars der Serie. Wer sein Portemonnaie weiter öffnet, kann mit dem Hubschrauber, der für die Dreharbeiten bereitsteht, eine Runde über dem Dachstein drehen.
Der Bergretter Fantag findet stets im Juni statt, die Fanwanderung gibt’s heuer am 11. und 12. September.
©TVB Schladming-Dachstein/Martin HuberHeri versteht dieses Bedürfnis, prominenten Menschen nahezukommen, durchaus. Einmal gab es einen Gastauftritt von Helmfried von Lüttichau, bekannt aus „Hubert und Staller“. „Ein hoch interessanter Mann, den ich da kennenlernen durfte“, sagt Heri. „Ohne die TV-Serie hätte ich niemals die Chance dazu bekommen.“ Keine Frage: Heri ist bescheiden geblieben. Vor zwei Jahren legte er sein Amt als Obmann der Bergretter nieder. Er wollte nicht an Posten kleben, obwohl ihm seine Jobs, als echter Bergretter und als TV-Berater, noch immer sehr viel Spaß machen, auch wenn es dabei mitunter brenzlige Situationen gibt. „Als Bergführer ist es für mich selbstverständlich, bei Notfällen zu helfen. Meine Frau akzeptiert mein Engagement und geht auch selbst gern in die Berge.“
Als der Latschengürtel erreicht ist, der unter dem Niederen Türlspitz zurück zur Talstation der Hunerkogelbahn führt, drückt Heri etwas auf die Tube. Drüben im Salzburger Land sollen in der Lammerklamm am Abend noch Dreharbeiten vorbereitet werden, weil der Wetterbericht für die kommenden Tage Sonnenschein verspricht. Die Handlung kennt Heri bereits: Ein Wanderer stürzt in den reißenden Gebirgsbach, treibt ab, bekommt einen Ast zu greifen, der jedoch bricht ... Jetzt sind die Bergretter gefragt. Jetzt ist Heri als Koordinator gefragt.
Info
Anreise Mit Zug/Bus über Schladming nach Ramsau am Dachstein.
Die Bergtour
Die Scheichenspitze (2.667 m) ist der höchste Gipfel im östl. Dachstein; Gehzeit 6 Std., 12 km, ca. 700 hm bergauf und 1.250 hm bergab.
– Charakter: Hochalpine Tour (T4, B) auf einen Dachstein-Gipfel abseits des Trubels. Für trittsichere und schwindelfreie Allrounder mit gutem Orientierungssinn. Wer sich unsicher ist, bucht besser einen Bergführer (Heri Eisl: +43/6641632801). Ausgangs- und Endpunkt: Talstation der Dachstein-Südwandbahn.
– Route: Von der Bergstation zum Rosmarie-Stollen und auf der anderen Seite ins Edelgrießkar absteigen, dieses queren, hinauf zur Edelgrießhöhe und auf Weg Nr. 618, dann Nr. 673 zur Scheichenspitze. Zuerst auf demselben Weg zurück, dann steil und seilversichert ins Edelgrießkar absteigen und auf Weg Nr. 672 unter dem Niederen Türlspitz zurück zur Talstation.
Übernachten
– Im Hotel der Familie von Heri Eisl: hotel-lindenhof.at
– Im Hotel der Familie seines Bruders: ennstalerhof.at
Für Fans der Bergretter-Serie
Im Sommer findet freitags eine leichte, geführte und kostenlose Wanderung zu Originalschauplätzen der Serie statt. Info: schladming-dachstein.at/ de/ Regionales-und-Angebote/Die-Bergretter-TV-Serie
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