Eisbaden im Kärntner Brennsee.

Selbstversuch Eisbaden: Wenn das Eis brennt

Zum Eisbaden gehen die Meinungen bekanntlich auseinander. Hier nicht: Was bleibt, ist eine leichte Amnesie – und die Sucht, es wieder zu probieren.

Sie klingt ein bisschen dumpf, die Stimme von Bernhard, obwohl er direkt neben mir steht: "Wir sind jetzt bei einer Minute." Doch ich höre nur mein Atmen, kann mich auf nichts anderes konzentrieren. Dann, langsam, spüre ich auch wieder diese extreme Kälte um mich herum. Ich lasse meine Arme, die ich bisher am Kopf über dem Wasser gehalten habe, ins Kalte gleiten. Sie beginnen zu brennen. Ich atme weiter, ein, aus. Irgendwann lässt die Konzentration nach, ich will nur mehr raus. Dass das fast zwei Minuten gewesen sein sollen, in knapp vier Grad kaltem Wasser – unvorstellbar.

Es fühlt sich an, als würden Tausende Nadeln in Arme und Beine stechen. Die Gliedmaßen brennen. Nein, das tun sie natürlich nicht, nur passt die Beschreibung so schön zum See, aus dem ich gerade gestiegen bin: Brennsee – oder Feldsee, wie ihn viele auch nennen, obwohl er im Herbst des Vorjahres offiziell umbenannt wurde. Der kleine See, 1,3 Kilometer lang, fünfhundert Meter breit, sechsundzwanzig Meter tief, war vor Tausenden Jahren einmal mit dem Afritzer See verbunden. Doch dann hat der Riese Mirnock – Namensgeber des benachbarten Bergmassivs – aus Liebeskummer einen riesigen Fels in den See geworfen und ihn geteilt. So die Legende.

Brennsee heißt er auch, weil hier vor weniger langer Zeit das Wasser aus dem See zum Schnapsbrennen genutzt wurde. Doch auch das ist Vergangenheit. Heute tummeln sich im Sommer Segler und Windsurfer am See, im Winter Eisläufer und ebenso Verrückte wie wir, die in Badehose und Bikini und mit Mütze am Kopf ins Eiswasser steigen.

Alles nur Placebo?

Das Eisbaden ist ja so eine Sache: Die einen schwören darauf, auf die schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung, die Förderung von "gutem", braunen Fettgewebe und der Durchblutung, die Stärkung des Immunsystems, das Senken von Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko; die anderen verweisen auf die dünne Studienlage und den Placebo-Effekt, den die Überwindung, ins Eiswasser zu steigen, haben kann. Außerdem "hat das die Maria im Dorf schon immer gemacht", während die ganzen Städter den Trend erst jetzt entdecken.

Ob Placebo oder nicht, was nachweisbar ist, ist der starke Dopamin- und Endorphin-Ausstoß, den ein Eisbad haben kann – fast vergleichbar mit dem Konsum harter Drogen. Nur dass die Glückshormone langsamer abgebaut werden, und der Effekt langfristige, positive Wirkungen hat: Regelmäßiges Eisbaden erhöht den Dopamin-Grundspiegel und senkt das Risiko für Depressionen, man stärkt seine Willenskraft, die mentale Resilienz, seine Gelassenheit.

Tatsache ist aber auch: Wenn man drei essenzielle Regeln nicht beachtet, kann der Spaß tragisch ausgehen – das machten Anfang Jänner drei jeweils voneinander unabhängige Badeunfälle in Deutschland deutlich. "Niemals alleine ins Wasser. Niemals reinspringen. Und niemals untertauchen." Bernhard Friedrich ist groß gewachsen, er spricht entspannt und mit ruhiger Stimme. Kommt das vom fast täglichen Eisbaden?

KURIER Talk: Erfahrungsaustausch Caroline Ferstl und Axel Halbhuber

Niemals alleine ins Wasser. Niemals reinspringen. Und niemals untertauchen.

Bernhard Friedrich Experte für Kältetraining
Vor dem Eisbaden: Im "Horse Stance", einer Art Kniebeuge, und mit sanften Bewegungen bereiten wir uns vor.

Vor dem Eisbaden: Im "Horse Stance", einer Art Kniebeuge, und mit sanften Bewegungen bereiten wir uns vor.
 

©Brennseehof

Der Grazer hat vor acht Jahren das Eisbaden in einem Schotterteich ausprobiert, bei zwölf Grad Wassertemperatur im November. Nach mehreren Fortbildungen ist er heute zertifizierter Experte für Kältetraining, Rettungsschwimmer und hat gemeinsam mit der Kärnten Werbung öffentliche Badeplätze mit Verhaltensregeln fürs Eisbaden erarbeitet. Wir sind also in guten Händen.

Er klärt uns auf, bevor es ins Wasser geht: Im Gegensatz zum Sprung in den See nach der Sauna geht es beim Eisbaden nicht um die Abkühlung, sondern die bewusste Unterkühlung des Körpers: "Man bildet Stresshormone, die er wieder abbauen muss. Es kann sein, dass man zuerst einmal hyperventiliert, dann beruhigt sich der Körper. Das euphorische Gefühl danach", verspricht Bernhard, "macht süchtig."

Alles, nur kein Leistungsdruck

Die persönliche Tagesverfassung, ausreichend Schlaf, die Zyklusphase bei Frauen – all das kann das "Aushalten" beeinflussen. Wobei Bernhard betont, dass es hier keinesfalls um Leistung geht, sondern das Entdecken eigener Grenzen, von Körper und Geist. "Das macht es jedes Mal aufs Neue spannend", sagt Bernhard. Laut dem Kältetrainingsexperten "reicht" es eigentlich schon, regelmäßig kalt zu duschen, oder in kaltes Wasser zwischen zehn und fünfzehn Grad Celsius zu springen – dann spricht man von Kaltbaden –, um ähnliche gesundheitliche Effekte zu erzielen. Wir wollen trotzdem in den zugefrorenen Brennsee.

Nach dem Eisbad: Der Stolz ist groß. Und die Sonne überraschend warm.

Nach dem Eisbad: Der Stolz ist groß. Und die Sonne überraschend warm.

©Brennseehof

Das Wetter ist auf unserer Seite: Sonnenschein und windstill. Wir wärmen uns auf, mit langsamen Bewegungen und wer will, ein paar Atemübungen. Ganz wichtig: Nach dem Eisbad nicht springen oder die kalten Gliedmaßen schütteln, wie man es vielleicht zum Aufwärmen vermuten würde. Bernhard warnt vor einem Afterdrop: "Dann fließt das Blut aus den Extremitäten zur Körpermitte zurück, was zu starkem Zittern, Übelkeit und im schlimmsten Fall zu Herzrhythmusstörungen führen kann. Der Körper muss sich von innen heraus selbst aufwärmen." Lieber sanfte Bewegungen und Tee trinken, erst nach ein paar Minuten in den Bademantel schlüpfen. Noch dazu fühlen sich die winterlichen Sonnenstrahlen nach der Eiseskälte sowieso plötzlich ganz warm an.

Und dann hat man es überstanden. Der Stolz ist groß, auch wenn mir die Eiseskälte die Erinnerung an die knapp hundertzwanzig Sekunden nahezu geraubt hat. Zu beschäftigt war ich mit atmen. Aber Bernhard hat Wort gehalten: Es ist ein Erlebnis mit Suchtgefahr.

Infos

Anreise zu den Kärntner Seen, zum Beispiel nach  Villach – von Wien aus durch den neuen Koralmtunnel (oebb.at).

Eisbaden kann man in Kärnten in fast allen großen und kleinen Gewässern: am Millstätter und Ossiacher See, auf eigene Verantwortung.  Regeln unter kaernten.at/kaltbaden.

Übernachten zum Beispiel im Familien Sportresort Brennseehof. Familie Palle führt in dritter Generation, seit Dezember strahlen Zimmer und Restaurant in neuem Glanz. Mit Tennisplätzen im Sommer und  Seesauna im Winter. Kein Geheimtipp mehr: ein Aufguss bei Saunameister Claudio! brennseehof.com

Caroline Ferstl

Über Caroline Ferstl

Seit August 2018 beim KURIER, erst in der Chronik, seit September 2021 in der Außenpolitik. Zweimonatiger Ausflug in die Sonntagsredaktion der FAZ im Frühling 2022. Masterstudium Internationale Entwicklung an der Uni Wien. Interessiert sich besonders für politische Geschehnisse in Deutschland, Ungarn, am Balkan und in der Türkei.

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