Dieser Skiort setzt auf Ruhe statt Ski-Party
Das Bergdorf Maria Alm, das doppelt so viele Betten wie Einwohner hat, will keine reine Touristenhochburg sein und sich treu bleiben.
Weltstars wie die Backstreet Boys, die vor Tausenden kreischenden Fans die umliegenden Berggipfel zum Beben bringen? „Ein Ski Opening haben wir hier nicht, zu teuer. Da müssen Sie eineinhalb Stunden weiter nach Schladming fahren“, erklärt Johann Niederreiter, Betreiber des gleichnamigen Hotels im Herzen des Salzburger Skiorts Maria Alm, unumwunden.
Halb so schlimm. Beim Après-Ski die Nacht zum Tag machen, dazu braucht es keine Liveacts aus den USA – ab in die nächste Disco zu anderen feierwütigen Touristen, mag sich der geneigte Gast denken. Aber erneut: „Fehlanzeige.“ Diesmal verweist Hotelier Niederreiter nur ein paar Ortschaften weiter, nach Saalbach.
„Wir Maria Almer sagen, Saalbach wollen wir nicht sein. Der Trubel, das ist einfach zu viel. Das war früher ein abgelegenes Tal, heute ziehen die Einheimischen dort weg“, mahnt der 61-Jährige, der den Familienbetrieb in dritter Generation betreibt. Dabei deutet er aus dem Speisesaal durch das Fenster. Dort zu sehen ist jenes Maria Alm, das die Dorfbewohner bewahren wollen.
Der Skiort Maria Alm will mehr auf Ruhe statt auf Ski Halligalli setzen.
©Markus StrohmayerZur Linken der imposante Hochkönig, der alle Berge in der Region überragt. Ihm vorgelagert der Maria Almer Hausberg, der sogenannte Prinzenberg Natrun, an dessen Fuße man bei den Niederreiters wortwörtlich im Hotel abschwingen kann. Mittig der Blick auf die malerische Wallfahrtskirche Maria Alm und schließlich zur Rechten rustikale Holzhäuser mit geschnitzten Balkonen. Nostalgie, Entschleunigung und Bergromantik sollen Gäste hier finden – Familien, Paare und all jene, die Ruhe abseits des Trubels suchen.
In die Schneeschuhe
Hundertzwanzig Pistenkilometer und acht Kilometer Freeride-Routen hat das Skigebiet Hochkönig, das zu Ski amadé gehört, zu bieten. Diese liegen am frühen Vormittag jedoch noch im Schatten. Sieglinde Bertha blinzelt trotzdem schon in die Sonne. Sie wartet am anderen Ende einer kleinen Brücke, die über den glasklaren Krallerbach führt. „Das ist die Sonnenseite von Maria Alm, wer hier ein Haus hat, hat ausgesorgt“, scherzt sie – wenngleich der Hintergrund für viele Einheimische kein erfreulicher ist: In der 2.200-Seelen-Gemeinde gibt es mehr Neben- als Hauptwohnsitzer, teils horrende Immobilienpreise sind die Folge.
Ob Bertha zu den glücklichen Eigenheimbesitzern in bester Lage gehört, führt sie nicht weiter aus. Was sie die Gruppe aber wissen lässt: gemeinsam mit ihrem Mann führt sie seit mehr als zwei Jahrzehnten die Alpin- und Skischule Maria Alm.
Info
Anreise Vergünstigter Skipass inkl. ÖBB-Ticket aus ganz Österreich. Nächstgelegene Bahnhöfe: Saalfelden, Lend und Bischofshofen. Von Wien nach Saalfelden gibt es eine direkte Railjet-Verbindung.
120 Pistenkilometer hat das Skigebiet Hochkönig.
Übernachten 3*-Superior Hotel Niederreiter: direkt an der Piste, neuer Wellnessbereich, hauseigene Konditorei.
Querfeldein mit Krallen
Dabei ist die ausgebildete Skilehrerin und Wanderführerin auf der Hut – nicht so sehr wegen der scharfen als Steigeisen fungierenden Krallen, sondern „weil ich beim Anziehen schon öfter ein Knie ins Gesicht bekommen hab.“ Umringt von Zwei- und Dreitausendern ergänzt sie mit breitem Grinsen: „Bei dem Panorama ist das halb so schlimm.“
Beim Anlegen der Ausrüstung kommt das eine oder andere Gruppenmitglied ins Schnaufen. Und in der kalten Morgenluft bilden sich kleine Nebelschwaden vor den Gesichtern. Tatsächlich ist damit aber bereits die größte Hürde genommen, denn von nun an geht es nur mehr bergauf – höhentechnisch, aber auch, was das eigene Können angeht. Schlurfend, so wie es die Wanderführerin vormacht, stapft jeder in seinem Tempo durch den Schnee.
Zuerst entlang gut beschilderter Winterwanderwege, später über sanfte Hügel und durch unberührten Tiefschnee querfeldein. Mit Bertha an der Seite kein Problem, für Ortsunkundige empfehlen sich aber eher die auf den Winterwanderkarten eingezeichneten Routen, denn: „Wir haben hier traditionell Weihnachtstauwetter. Bei wenig Schnee kommt es immer wieder zu Stacheldraht-Unfällen oder Stürzen in den unter dünnen Schneeschichten versteckten Bächen“, warnt sie. Bei mehr als einem halben Meter Schnee selbst in tiefen Lagen sind diese Gefahren diesmal jedoch zu vernachlässigen. Bald schon ist das Dorf nur mehr aus der Ferne zu sehen. Dafür geht es im Slalom durch verschneite Bäume, ehe sonnengeflutete Lichtungen wiederholt zum Pausieren – oder dem einen oder anderen Foto für Instagram (#winterwonderland) – einladen.
Schneeschuh-Guide Bertha zeigt Übungen vor.
©Markus StrohmayerMit der richtigen Technik
Nach zwei Stunden geht es retour — bergab wesentlich schneller als bergauf, speziell für jene, die die Technikanweisungen befolgen: „Wie ein Elefant mit Glas am Kopf und nicht wie der gemeine deutsche Tourist“, beschreibt Schneeschuh-Guide Bertha bildhaft die richtige Vorgehensweise, bei der der Blick nach vorne gerichtet und fest in den Schnee gestapft wird, um ja nicht wegzurutschen.
Der kräfteschonende Abstieg ist wichtig, denn zurück im Hotel Niederreiter geht es nach einer kurzen Stärkung in der hauseigenen Konditorei schon weiter. Schließlich soll am Nachmittag noch die „Königstour“ bewältigt werden – eine Skirundroute, die, glaubt man den Einheimischen, sogar mit der legendären Südtiroler Sella Ronda mithalten kann. Beim Blick auf die Karte mutet die Strecke tatsächlich königlich an: Von Dienten nach Mühlbach und zurück führt sie über sechs Gipfel, fünfunddreißig Pistenkilometer und siebentausendfünfhundert Höhenmeter.
„Ein guter Skifahrer, der in der Früh loslegt, schafft die Tour auch zweimal“, findet Seniorchef Niederreiter vor dem Start noch ermutigende Worte. Nachsatz: „Manche geben aber bereits in Hinterthal auf (auf nicht einmal halbem Weg, Anmerkung) oder noch früher.“ Das liege aber weniger an den roten Pisten, die es zu bewältigen gälte, sondern schlichtweg an der Kondition. „Wir haben immer wieder Holländer, die sich überschätzen und dann irgendwo hängen bleiben, weil der Lift zusperrt. Dann müssen sie mit dem Taxi zurückfahren, weil von Dienten am Hochkönig kein Skibus mehr zurückfährt.“
Mangelnde Kondition? Sich überschätzende Niederländer? Mehr Ansporn braucht die österreichische Skifahrer-Seele nicht. Zeit, die Probe aufs Exempel zu machen. Ausgestattet mit einer Vierstundenkarte geht das Rennen gegen die Zeit, ergo schließende Skilifte, los. Der Ehrgeiz bleibt nicht unbelohnt. Sanfte Wiesenlagen weichen rasch hochalpinem Gelände. Auf den breiten, auch nachmittags gut präparierten Pisten des weitläufigen Skigebiets lassen sich selbst bei großem Andrang ungestört große Schwünge ziehen. Das beschauliche Maria Alm ist keineswegs nur was für Genuss-Carver. Auch sportliche Fahrer kommen auf ihre Kosten.
Apropos Kosten: Einziger Wermutstropfen an diesem sonnigen Nachmittag – für ein Skigebiet, das sich als besonders familienfreundlich rühmt – sind die Hüttenpreise. Die sind ebenfalls königlich.
Kostspielig
Zwei Einkehrschwünge zeigen: Für Kaiserschmarrn und Kasnockn sind jeweils rund zwanzig Euro einzuplanen. Eine Entwicklung, die speziell im Dorf Sorgen bereitet: „Die Preisentwicklung ist ein Problem. Wir merken das an der Aufenthaltsdauer. Die Leute bleiben immer kürzer“, heißt es hinter vorgehaltener Hand. Insgesamt sei die Buchungslage aber nach wie vor zufriedenstellend.
Für Kaiserschmarrn sind rund zwanzig Euro einzuplanen.
©Bernhard Moser PhotographyÜberraschend ist das nicht, denn wer die insgesamt vierzig Euro für Käsespätzle und Mehlspeise investiert, wird nicht nur mit ausgezeichneter, regionaler Qualität belohnt, sondern zugleich mit einem unbezahlbaren Ausblick ins Steinerne Meer. Diese Kombination motiviert, noch den sechsten Gipfel der Königsroute zu packen, ehe es in einem durch mehrere Kilometer bis ans andere Ende des Skigebiets nach Mühlbach geht. An diesem Punkt lässt sich bereits gut einschätzen, ob der Weg zurück noch realistisch ist. Das trifft sich gut, denn das Schlussstück, das nur mehr durch den Wald und mit etwas Glück vorbei an Bäumen, die sich unter der Schneelast krümmen, führt, gehört zu den schönsten Teilen der Strecke überhaupt.
Märchenhaft
Wer den Märchenwald hinter sich lässt und mit Taxi oder Skiern die Heimreise nach Maria Alm antritt, kann dort von Ende November bis kurz vor Weihnachten in nicht weniger märchenhafter Stimmung den Skitag ausklingen lassen. Der Wallfahrt-Advent Maria Alm ist seit mehr als zehn Jahren fixer Bestandteil der Vorweihnachtszeit im Pinzgau, unterscheidet sich mit seinem urigen Charakter aber stark von so mancher Touri-Falle unter dem Deckmantel Christkindlmarkt.
Statt picksüßem Punsch und überteuertem Baumkuchen gibt es hier selbst gemachten Glühwein und Lebkuchen. Statt Kitsch verkaufen Künstler Handwerk aus dem Salzburger Land. Fahrgeschäfte oder laute Musik, die aus Lautsprechern dröhnt, findet man hier eben so wenig. Dafür werden besinnliche Kutschenfahrten und Fackelwanderungen angeboten, während am Dorfplatz Alphorn– und Weisenbläser musizieren.
Nach einem langen Skitag ist klar: Maria Alm ist ein Skiort, der ohne Halligalli und Massentourismus auskommt. Hier scheint der Winter noch so zu sein, wie man ihn von alten Postkarten kennt – verschneit, unaufgeregt und vielleicht gerade deswegen erstaunlich zeitgemäß.
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