Quallen: 15 Fakten – und warum sie jetzt an die Strände treiben
Sie können Wunden heilen helfen, Atomkraftwerke lahmlegen und ihr Alter „zurückdrehen“: 15 kuriose Fakten über Quallen und andere Nesseltiere, die mehr können als nur brennen.
An der Adriaküste vor Rimini und Riccione wurden zuletzt ungewöhnlich viele, teils bereits verendete Quallen angeschwemmt. Scirocco-Winde hatten sie aus dem offenen Meer an die Strände getrieben. An Frankreichs Atlantikküste sorgen Portugiesische Galeeren für Warnungen und zeitweise Badesperren. Die blau-violetten Schönheiten können äußerst schmerzhafte Verletzungen verursachen, sind aber gar keine Quallen. Gefährliche Plagegeister, medizinische Hoffnungsträger oder sogar das Essen der Zukunft? 15 Fakten über die seltsamen Glibberwesen.
Älter als die Dinosaurier
Quallen bevölkern die Meere seit mindestens 500 Millionen Jahren, vermutlich noch länger. Sie waren lange vor den ersten Dinosauriern da und überstanden mehrere Massenaussterben. Ihr schlichter Körperbau ist also ein erstaunlich robustes Erfolgsmodell.
Fast nur Wasser
Quallen bestehen zu 95 bis 98 Prozent aus Wasser. Sie besitzen keine Knochen, Zähne, Lunge, kein Blut oder Herz. Sauerstoff nehmen sie über die Körperoberfläche auf. Zwischen der äußeren und der inneren Zellschicht liegt eine Gallertschicht, die Mesogloea. Sie gibt dem Körper seine Form und Stabilität.
Kein Gehirn – und dennoch lernfähig
Statt eines Gehirns besitzen Quallen ein Nervennetz. Würfelquallen verfügen über 24 Augen, einige davon mit Linse, Hornhaut und Netzhaut. Versuche zeigten, dass sie aus Zusammenstößen lernen. Die Mangrovenqualle Cassiopea fällt nachts sogar in einen schlafähnlichen Zustand und reagiert nach Schlafentzug am nächsten Tag träger.
Quallen führen ein Doppelleben
Viele Quallen verbringen einen Teil ihres Lebens unsichtbar am Meeresboden, dort sitzen sie zunächst als winzige Polypen fest, aus diesen wachsen später zahlreiche frei schwimmende Quallen heran. Also jene schirmförmigen Tiere, die wir aus dem Meer kennen. Ein einziger Polyp kann auf diese Weise viele Quallen hervorbringen.
Eine mikroskopisch kleine Harpune
In den Nesselzellen liegt ein aufgerollter Giftfaden, ein Reiz lässt ihn explosionsartig herausschießen, die Haut durchbohren und Gift in weniger als einer Millionstelsekunde abgeben. Auch abgerissene Tentakel und tote Tiere können weiterhin nesseln.
Die Qualle, die ihr Alter zurückdreht
„Turritopsis dohrnii“ wird „unsterbliche Qualle“ genannt. Bei einer Verletzung, Hunger oder Stress kann die wenige Millimeter große Meduse ihre Entwicklung umkehren und wieder zum Polypen werden. Im Labor gelingt dieser Neustart mehrfach, gegen Fressfeinde und Krankheiten schützt er aber nicht.
Wunden schließen sich in Minuten
Die transparente Qualle „Clytia hemisphaerica“ kann Verletzungen ihres eigenen Körpers erstaunlich schnell reparieren: Kleine Wunden schließen sich innerhalb weniger Minuten, größere in weniger als einer Stunde – und zwar ohne Narbengewebe. Dabei bewegen sich Zellen vom Wundrand aufeinander zu. Forschende untersuchen, ob sich daraus grundlegende Erkenntnisse über Wundheilung gewinnen lassen.
Eine Qualle brachte Zellen zum Leuchten
Aus der Kristallqualle „Aequorea victoria“ stammt das grün fluoreszierende Protein GFP. An andere Proteine gekoppelt, macht es Vorgänge in lebenden Zellen sichtbar – wie ein biologischer Textmarker. Für die Entdeckung und Weiterentwicklung gab es 2008 den Chemie-Nobelpreis.
Tentakel so lang wie ein Blauwal
Die Gelbe Haarqualle zählt zu den größten Quallen, ihr Schirm kann mehr als zwei Meter messen, ihre Tentakel über 30 Meter. Damit erreichen sie die Länge eines Blauwals. In der Tiefsee treibt die seltene Riesen-Phantomqualle mit bis zu zehn Meter langen Mundarmen.
Quallen schwimmen auch in Österreich
Die vermutlich aus China stammende Süßwasserqualle „Craspedacusta sowerbii“ lebt heute auf sechs Kontinenten. Bei warmem, klarem Wasser erscheint ihre Medusenform auch in Wiener Donaugewässern. Für Menschen sind ihre Nesselzellen praktisch harmlos: eher Naturschauspiel als Badegefahr.
Eine „Qualle“, die keine Qualle ist
Die Portugiesische Galeere ist eine Staatsqualle oder Siphonophore: eine Kolonie genetisch identischer, hoch spezialisierter Einzeltiere. Manche sorgen für Auftrieb, andere fangen und verdauen ihre Beute oder dienen der Fortpflanzung. Ihre Gasblase ragt wie ein Segel aus dem Wasser; Wind und Strömung bestimmen den Kurs. Darunter hängen durchschnittlich etwa zehn, mitunter bis zu 30 Meter lange Tentakel, die selbst noch Wochen nach dem Anspülen nesseln können.
Wärme allein macht noch keine Quallenplage
Durch die Erderwärmung könnten sich manche Quallenarten weiter nach Norden ausbreiten. Die Gelbe Haarqualle könnte in der Arktis künftig sogar ein fast dreimal so großes Gebiet besiedeln. Ob viele Quallen bis an den Strand gelangen, hängt aber auch von der Nahrung, den Strömungen und dem Wind ab.
Quallen kann man essen
In China werden Quallen seit mindestens 1700 Jahren verzehrt, auch in Japan und Südostasien gelten manche Arten als Delikatesse. Sie liefern bei wenig Fett unter anderem Protein, Kollagen und Mineralstoffe, bestehen aber überwiegend aus Wasser. In der EU gelten sie mangels bedeutenden Verzehrs vor 1997 als „Novel Food“ und benötigen für eine reguläre Vermarktung eine Zulassung.
Glibber gegen Mikroplastik
Quallenschleim kann winzige Plastikteilchen einfangen. In Versuchen entfernte das Mucin der Ohrenqualle 60 bis 90 Prozent des Nanoplastiks aus Wasser; kombiniert mit gebräuchlichen Fällungsmitteln waren es 2025 mehr als 90 Prozent. Das EU-Projekt GoJelly entwickelte Filterprototypen und erprobte Quallenbiomasse auch als Dünger.
Quallen können ein Atomkraftwerk stoppen
Im August 2025 verstopfte ein Quallenschwarm die Filtertrommeln der Kühlwasser-Pumpstation des französischen Atomkraftwerks Gravelines. Vier Reaktoren schalteten sich automatisch ab; zwei weitere wurden gerade gewartet. Damit stand die 5,4-Gigawatt-Anlage vorübergehend still. Laut EDF bestand keine Gefahr für das Personal, die Anlage oder Umwelt.
Erste Hilfe bei Quallenstichen
• Das Wasser verlassen und möglichst die Strandaufsicht verständigen.
• Die betroffene Stelle mit Meerwasser abspülen – niemals mit Süßwasser, dieses kann noch nicht entladene Nesselzellen aktivieren.
• Etwaige Tentakelreste vorsichtig mit einer Pinzette oder behandschuhten Hand entfernen. Nicht reiben, kratzen oder mit Sand bearbeiten.
• Gegen die Schmerzen hilft meist sehr warmes Wasser: Die Hautstelle für etwa 20 bis 30 Minuten in 40 bis 45 Grad warmes Wasser tauchen, nur so heiß, dass keine Verbrennung entsteht.
• Kein Urin, Alkohol, Desinfektionsmittel oder Süßwasser, auch Salben und Gele nicht unmittelbar auftragen.
• Bei Atemnot, Brustschmerzen, Schwindel, Erbrechen, Bewusstseinsstörungen, starken Schwellungen oder großflächigem Kontakt sofort den Notruf wählen. Das gilt besonders bei Kindern sowie bei Stichen im Gesicht oder nahe den Augen.
Spezialfall „Portugiesische Galeere“
Ihre langen Tentakel können eine hohe Giftdosis abgeben; auch abgerissene Fäden und tote Tiere nesseln weiter. Die Akutbehandlung betreffend, ist man sich etwas uneinig, aber die meisten Leitlinien raten bei der Portugiesischen Galeere davon ab, Essig zu verwenden. Deshalb am jeweiligen Urlaubsort die Anweisungen der Rettungskräfte befolgen und Essig nicht unverdünnt oder auf eigene Faust einsetzen. Halten die Schmerzen nach 30 Minuten an, sollte die Verletzung ärztlich abgeklärt werden.
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