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Okavango-Delta: Wo Wildtiere den Rhythmus vorgeben

Das Okavango-Delta ist eines der letzten wilden Feuchtgebiete Afrikas. Wer es erlebt, wird immer wieder dorthin zurückkehren wollen.

Von Christiane Flechtner

Ein bernsteinfarbener Schimmer taucht die wilde Landschaft noch vor Sonnenaufgang in ein sanftes Licht, als der Landcruiser langsam über die ausgefahrenen Pulversandwege fährt. Alles riecht nach wildem Salbei, der seinen intensiven Duft freigibt, wenn das Fahrzeug die kleinen Büsche streift. Noch ist es still im Okavango-Delta. Selbst der Wind scheint noch zu schlafen. Doch mit der aufgehenden Sonne beginnen die Vögel zu zwitschern, und schon bald kreuzen Zebras und eine Herde Impalas den Pfad – auf dem Weg zu saftigerem Grün. Eine Giraffe schreitet wie in Zeitlupe an den Kameldornakazien vorbei und zupft im Vorbeigehen mit ihrer ledrigen blauschwarzen Zunge die Blätter der stacheligen Zweige.

So kann ein Morgen in Afrika beginnen: mit einer Safari bei Sonnenaufgang. Da fällt das Aufstehen um 4.30 Uhr leicht – wenn man mit einer solch atemberaubenden Kulisse an diesem besonderen Ort belohnt wird.

In Botswana gibt es viele dieser besonderen Orte: Der Binnenstaat, der an Südafrika, Namibia, Sambia und Zimbabwe grenzt, gehört zu den am dünnsten besiedelten Ländern der Welt. Und es besitzt mit dem Okavango-Delta einen besonderen Naturschatz: das größte Inland-Delta der Welt, dessen Wasser nicht in einen See oder das Meer mündet, sondern nach und nach in der Kalahari-Wüste verdunstet. Das UNESCO-Weltnaturerbe zählt zu den außergewöhnlichsten Ökosystemen der Erde – ein Ort, an dem sich seit Jahrtausenden Flut und Trockenheit in einem ewigen Kreislauf abwechseln.

Ein kleiner Vogel sitzt auf dem Rücken einer Giraffe.

Ein „reitender“  Madenhacker auf einer Giraffe.

©Christiane Flechtner

„Hier rund um Chief Island im Moremi-Naturreservat ist es noch trocken, aber bald kommt das Wasser“, weiß Cilas Mafoko. Der Guide kennt sich aus; seit fünfundzwanzig Jahren ist er beim Ökotourismus-Anbieter Wilderness tätig. „Das Okavango-Delta gleicht einer Bratpfanne, und der Griff ist nach Nordwesten ausgerichtet“, erzählt er. „Der Griff, das ist der Okavango-Fluss, der 1.400 Kilometer entfernt im Hochland Angolas entspringt und auf seinem Weg in Richtung Süden in Tausenden von Jahren ein Netz aus Kanälen, Inseln und Lagunen geschaffen hat.“ Durch diese noch trockenen Kanäle und Inseln fährt er das Fahrzeug souverän und weiß genau, wo der Bau des Hyänenclans liegt, der Leopard sein Territorium hat und das Löwenrudel umherzieht.

Eine Herde Antilopen rennt durchs seichte Wasser und spritzt dabei hoch.

Letschwe-Antilopen im überschwemmten Gebiet.

©Christiane Flechtner

Wenn der Regen kommt

Als die Sonne schon hoch am Himmel steht, wird es Zeit für eine Pause. Bei einem kühlenden Eiskaffee im Mombo Camp, einem von insgesamt elf luxuriösen Wilderness-Zeltcamps in der Region, erklärt Camp-Manager Phenyo Tlalenyane: „Die Regenzeit in Angola startet im November, und die Wassermassen benötigen dann ein halbes Jahr, bis sie hier im Delta ankommen und alles in dieser Region zu neuem Leben erwacht“, sagt der 45-Jährige. Das sei seit rund 35.000 Jahren so – als tektonische Kräfte den Lauf des Okavangos grundlegend änderten: „Das Wasser sammelt sich nun in der Pfanne an und verwandelt die Region auf einer Fläche von bis zu 15.000 Quadratkilometern in ein riesiges Feuchtgebiet“, fügt er hinzu.

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Mombo Camp-Manager Phenyo Tlalenyane erklärt, wann der Regen im Delta ankommt.

©Christiane Flechtner

Wieder unterwegs, reißt der Fahrtwind an den Haaren und treibt die Tränen in die Augen. Doch Cilas will das Rudel Afrikanischer Wildhunde nicht aus den Augen verlieren, das gerade auf der Jagd nach Beute ist. „Von den Wildhunden gibt es nur noch etwa dreitausend Tiere weltweit, rund achthundert davon hier in Botswana“, ruft er laut, um das Motorengeräusch zu übertönen. Es ist ein besonderes Erlebnis, die eleganten hochbeinigen Tiere zu beobachten, wie sie hinter einer Impala herjagen. Wenig später streift ein Leopard auf seinen weichen Pfoten durch das trockene Gras. Im Abendrot erklimmt er einen Baum – und scannt von dort oben die Landschaft. War es zuvor noch der Fahrtwind, ist es nun die Begeisterung für diesen besonderen Moment, der die Tränen in die Augen treibt.

Afrikanischer Wildhund steht im Gras und blickt aufmerksam in die Kamera.

Eine besondere Tierbegegnung mit einem Afrikanischen Wildhund. 

©Christiane Flechtner

Es ist schon dunkel, als das Fahrzeug zum Mombo-Camp zurückkehrt. Kaum zu glauben, dass das luxuriöse Camp einst ein Jagdcamp war. Die Mitbegründer von Wilderness, die Safari-Guides und Naturforscher Colin Bell und Chris McIntyre, verwandelten diesen Ort innerhalb weniger Jahrzehnte in eine Urlaubs-Wohlfühloase im Einklang mit der Natur.

Wilderness hat sich dem Schutz und der Wiederherstellung der afrikanischen Wildnis verschrieben. Dazu gehört auch, eine friedliche Koexistenz zwischen Menschen und Tieren zu gewährleisten. Denn trotz der geringen Bevölkerungsdichte von nur vier Menschen pro Quadratkilometer gibt es Konflikte: So mussten im Dorf Eretsha – in der Nähe des Wilderness Camps Vumbura Plains – die Hambukushu, die Fluss-Menschen, immer wieder mit ansehen, wie ihre Rinder von Löwen gerissen wurden. Doch das ist nun vorbei – dank der Zusammenarbeit von Wilderness mit der lokalen gemeinnützigen Organisation CLAWS. Die Buchstaben stehen für „Communities Living Among Wildlife Sustainably“, übersetzt „Gemeinschaften, die nachhaltig mit Wildtieren zusammenleben“. Eco-Ranger Kulawano Tsheko erklärt: „2014 statteten wir Löwen erstmals mit Satellitenhalsbändern aus. Das Löwenwarnsystem zeigte Wirkung: Die Viehhalter wussten, wann die Raubtiere in die Nähe der Rinder kamen, und konnten sie rechtzeitig vertreiben.“

Leopard liegt entspannt auf einem Ast und blickt nach rechts.

Ein Leopard döst in der Mittagshitze auf einem Ast im Schatten. 

©Christiane Flechtner

2019 startete außerdem das Herden-Hüte-Programm: Seitdem sind die Rinder mehrerer Dörfer nachts in bewachten Viehpferchen, sogenannten Bomas, untergebracht. „Es gab anfangs noch Skepsis, aber schnell waren die Viehhalter vom Erfolg überzeugt. Seit 2019 wurde kein Rind mehr an Raubtiere verloren“, sagt Tsheko.

Ein weiteres Projekt, das „Life With Elephants“, hilft den Menschen vor Ort, mit den rund 18.000 Elefanten in friedlicher Koexistenz zu sein. Vor allem in der Ernte-Saison von März bis Mai fallen die grauen Riesen immer wieder über die mit Hirse, Sorghum, Mais sowie Wassermelonen und Chili bestellten Felder. „Die Konflikte begannen Anfang der 1970er-Jahre, als die Elefanten aus Angola vor dem Bürgerkrieg flohen“, erinnert sich Dorfbewohner Daniel Sinwametsi. Doch die Menschen haben gelernt, wie sie die Elefanten vertreiben können: vorwiegend mit Fackeln aus Kuhdung und viel Lärm.

Per Helikopter geht es in Richtung Camp Vumbura Plains. Während in der südlicheren Region um das Mombo Camp noch alles trocken ist, ist im Norden das Wasser schon angekommen. Dort, wo einmal trockene Büsche und verdorrtes Gras gewesen waren, sind nun dunkle Seen entstanden. Und wo einmal der Weg war, kämpft sich das Fahrzeug nun durch knietiefes Wasser vom kleinen Busch-Flugplatz zum Camp Vumbura Plains. Am Nachmittag wird das Fahrzeug gegen Boote eingetauscht, denn das Wasser ist schon zu hoch. Das dichte Riedgras raschelt, wenn sie hindurchgleiten. An den einzelnen Halmen hängen kleine Riedfrösche. Unscheinbar und gut getarnt, schlafen sie sich durch den heißen Tag. Die kleinen Amphibien werden auch Glockenfrösche genannt, denn nachts erklingt ihr Quaken wie laute Glöckchen weit über das Delta. Kurz vor Einbruch der Dämmerung galoppiert eine Herde Letschwe-Antilopen durch das tiefe Wasser, und die Gischt spritzt. Dann wird es wieder still. Am Horizont färbt die untergehende Sonne den Himmel orange-rot, als die Boote trockenes Land erreichen. Wie in Zeitlupe schreitet ein Elefant am Ufer entlang, der vor dem farbigen Himmel wie ein Scherenschnitt wirkt.

Ein Elefant steht am Ufer, während ein kleines Boot mit Menschen im Wasser davor hält.

Bei einer Bootsfahrt auf dem Kwando-Fluss kommt man den Elefanten am Ufer ganz nahe.

©Christiane Flechtner

Freie Bahn für Elefanten

Ein weiteres Camp, Duma Tau, befindet sich nordöstlich von Vumbura Plains. Das Camp liegt eingebettet zwischen zwei viel frequentierten Elefantenkorridoren, und diese führen auch über den Kwando-Fluss, einem Nebenfluss des Sambesi. „Hier in der Linyanti-Region gibt es die höchste Elefantendichte von ganz Botswana“, sagt Guide Cilas. Und schon ist eine große Herde der grauen Riesen in Sicht. Per Boot kommt man ihnen ganz nah, als sie in einer langen Reihe hintereinander den Fluss durchqueren und anschließend am anderen Ufer ein ausgiebiges Staubbad genießen. Es ist eine große Herde, mehr als zwanzig Tiere. Und sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben, ist ein unvergessliches Erlebnis.

Auf einer kleinen Plattform im Kwando-Fluss endet der letzte Tag der Reise. Das Klirren des Eises vom Gin-Tonic vermischt sich mit dem hellen Glocken-Quaken der Riedfrösche. Dazu die tiefen Töne einiger Flusspferde aus der Ferne. Und ähnlich, wie sie begonnen hat, endet eine Reise in eine Welt, in der der Mensch unwichtig ist, das Wasser den Rhythmus vorgibt und die Tiere die Hauptrolle spielen.

Info

Anreise
Von Wien über Addis Abeba nach Maun mit Ethiopian Airlines, ethiopianairlines.com
CO2-Kompensation via atmosfair.de: 97 €.

2,6 Millionen Einwohner hat Botswana. Mit einer Fläche von 582.000 Quadratkilometern ist es eineinhalb Mal größer als Deutschland.

Camps
– Im Mombo Camp stehen neun luxuriöse Zeltsuiten  zur Verfügung. Das Schwestercamp Little Mombo  verfügt über vier weitere Zelte. Beide Camps liegen auf Chief's Island. 3.190 – 4.900 US-Dollar p. P. 
– Das  Vumbura Plains Camp bietet 14 geräumige Zeltsuiten. 1.900 – 3.950 US-Dollar p. P. 
–  Das DumaTau Camp (Linyanti-Wildreservat) verfügt über 8 luxuriöse Zeltsuiten jeweils mit kleinem Pool; daneben liegt das Schwestercamp Little Duma Tau mit  vier Zeltsuiten. 2.220 – 4.200 US-Dollar p. P.

Packages und Infos
Reisen u. a. buchbar bei trauminselreisen.de, wimndrosereisen.at,
allaroundafrica.de und airtours.de/private-travel, wildernessdestinations.com 

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