Eine Frau springt von einem Steg in einen stillen Bergsee, umgeben von bewaldeten Hängen und Spiegelungen im Wasser.
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Lunzer See: Eine Region, die mit Klischees bricht

Der Lunzer See ist nur der Anfang: Im „wilden Mostviertel“ warten Flussbäder, unberührte Natur und Aussichten. Reise durch einen Teil Niederösterreichs, der überrascht.

Da stellt man sich innerlich schon aufs Zähneklappern ein. Lunzer See, Sommer und trotzdem kalt. So lautet zumindest die Legende. Doch schon beim Eintauchen der Zehen wird klar: So kalt ist es gar nicht. Ein Schritt, dann noch einer, und man schwimmt in diesem klaren, ruhigen Blaugrün, das die Hitze angenehm macht. Ganz ohne Schockstarre.

Immer diese Klischees. Gut, der einzige natürlich entstandene Badesee Niederösterreichs gilt schnell einmal als der kälteste im Bundesland. Das ist bei seiner Stau- und Baggerseekonkurrenz aber auch nicht schwer. Zwischen 18 und 24 Grad hat er meist im Sommer.

Ein paar Tret- und E-Boote durchpflügen das Wasser. Vom Ufer aus wachsen Hügel und Berge. Die Wälder sind dicht. Und zwischen Steinen und Schotterbänken fließt die Ybbs: kristallklar und kurvig. Alpin und wildromantisch – im wahrsten Sinne des Wortes. „Wir hier sind das wilde Mostviertel“, sagt Monika Blumauer. Sie betreibt mit ihrem Mann Clemens auf 740 Metern Seehöhe den Bio-Hof Lacken in Göstling, wo sie Urlaub am Bauernhof anbieten. Es ist nicht das milde Mostviertel mit seinen Streuobstwiesen und sanften Hügeln. Manche der Gäste aus dem Westen formulieren es noch direkter: „So habe ich mir Niederösterreich nicht vorgestellt.“ Immer diese Klischees. 

Alle wollen zum Lunzer See

Und auch wenn sich diese Ecke ein bisschen herumgesprochen hat, überrannt wirkt sie – außer an heißen Tagen in Lunz am See – selten. Dieses „wilde Mostviertel“, das zu den Ybbstaler Alpen zählt, wirkt erstaunlich entspannt.

Luftaufnahme eines Gebirgsbachs mit Brücke und zwei Radfahrern zwischen dichtem Wald.

Der Ybbstalradweg führt über Brücken und alte Bahntrassen entlang – und er ist nahe am Wasser gebaut. 

©Niederösterreich Werbung/Gerald Demolsky

Sportliche verbinden es mit dem milden Mostviertel: Von der Donau führt ein 111 Kilometer langer Radweg immer der Ybbs entlang bis zum Bergsee: von Mostbirnbäumen bis zu Schluchten. Als Herzstück gilt der Abschnitt zwischen Waidhofen an der Ybbs und Lunz: Der läuft großteils auf einer ehemaligen Bahntrasse. Die E-Biker sind hier in der Überzahl.

An der Ybbs radeln mit Ex-Skirennfahrer Andreas Buder

In Lunz steht einer mit E-Bikes bereit, der Tempo von früher kennt: Andreas Buder. Der Ex-Skirennfahrer war Spezialist für Abfahrt und Super-G, bis ihn nach einem Sturz in Kitzbühel das Knie ausbremste. Mittlerweile ist er Radguide und betreibt mit seiner Lebensgefährtin Karin Hager eine Werkstatt, einen Radverleih und den Shop ANKA. Buder hat schnell erkannt: In der Region lässt es sich zwar großartig radeln, doch Reparaturstellen sind rar. „Als wir aufgesperrt haben, brachten uns vor allem die Einheimischen die Räder“, erzählt er.

Wussten Sie, dass ... ?

…  der  Lunzer See als eines der weltweit am besten untersuchten alpinen Gewässer gilt?
… der Lunzer See in den 1950ern Eldorado des Skijörings war? Autos oder Motorräder zogen Skifahrer auf dem Eis.
... „Alles fließt“ an der Ybbs eine ganz spezielle Bedeutung hat? Der Oberlauf des Flusses heißt Ois.     

Montags vor dem Frühstück und freitags am Nachmittag führt Buder Gäste mit dem Rad durch seine Heimat: vorbei an schmucken Schindelhäusern, über Wiesenwege, hinein ins satte Grün. Und er zeigt, dass Lunz nicht nur See kann, sondern auch Flussbad: gleich im Ort, gespeist vom Seebach, dem Abfluss des Lunzer Sees.

Ein konzentrierter Mechaniker in einer Werkstattschürze repariert die Schaltung eines Mountainbikes.

Ex-Skirennfahrer Andreas Buder  verleiht Räder.

©Ludwig Fahrenberger

Ein Stück weiter unten am Ybbstalradweg hält Buder bei einem Wasserfall. „Hier beginnt die Ybbs“, sagt er – dort, wo sich Seebach und der Ybbs-Oberlauf Ois treffen und aus zwei Bächen ein Fluss wird.

An der Ybbs liegen mehrere Flussbäder und Badestellen. In Opponitz etwa liegt unter einem mächtigen Felsen das Ochsenloch: ein großzügiger Platz an einer hellen Kiesbank. Erschöpfte Radler können hier gleich neben dem Radweg ihre erhitzten Wadeln kühlen.

Die „Karibik des Mostviertels“ in Hollenstein an der Ybbs

In Hollenstein wartet die „Karibik des Mostviertels“. Im Strandbad trennt ein kleiner Wasserfall den Schwimmer- vom Nichtschwimmerbereich, das Wasser ist so klar, dass man meint, jeden Stein zählen zu können. An manchen Stellen so tief, dass plötzlich Schluss ist mit Stehen. Wer will und einen Platz ergattert, probiert sein Gleichgewicht im schwimmenden Sautrog aus. Und die dunklen Holzkabinen am Ufer liefern gleich das passende Sommerfrische-Gefühl dazu. Urlaub wie früher.

Menschen baden in einem klaren grünblauen Fluss zwischen Waldhängen und Kiesufern an einem sonnigen Sommertag.

„Die Karibik des Mostviertels“ liegt im Strandbad Hollenstein. Die Ybbs ist im Schwimmerbereich rund 2,5  Meter  tief.

©Gemeinde Hollenstein

Als Buder noch klein war, stand neben seinem Haus ein Skilift. „Der war brutal steil, da sind viele rausgeflogen. Die mussten dann durch den Wald zur Piste.“ Den Lift gibt es nicht mehr, dafür führt heute der Eulenweg vorbei. Er ist so etwas wie ein kontrollierter Blick in eine Landschaft, die man nicht stören darf.

Der Eulenweg im Steinbachtal gehört zum Wildnisgebiet Dürrenstein-Lassingtal. Es ist 7.000 Hektar groß, darin liegen 400 Hektar des Rothwalds, des größten Urwalds der Alpen. Es ist ein Stück Natur, das so selten geworden ist, dass es einen UNESCO-Weltnaturerbe-Status trägt. Der Weg ist einer von wenigen, die im Gebiet für alle frei zugänglich sind. Wer tiefer hineinwill, darf das nur mit Führungen.

Mehr als ein Nationalpark

Unterwegs mit Wildbiologin Nina Schönemann am Eulenweg, der dann teils steil auf einem Pfad zum Tremel ansteigt. „Die wenigsten Menschen waren noch nie in einem Wald“, sagt sie. Forste sind genutzt und planbar. Ein Wildnisgebiet spielt in einer anderen Liga. Hier ist es noch viel strenger als im Nationalpark. Im Nationalpark gehört die Erholung der Menschen mit zum Auftrag, erklärt Schönemann. In einem Wildnisgebiet geht es vor allem darum, ein unberührtes Ökosystem sich selbst zu überlassen.

Ein Führer des Wildnisgebiets erklärt zwei Frauen im Wald an einer bunten Holztafel in Vogelform die Bedeutung einer Feder.

Naturkunde am Eulenweg des Wildnisgebiets. 

©Niederösterreich Werbung/Gerald Demolsky

Und dieses System ist kompliziert – im besten Sinn. Alles hängt zusammen: alte Bäume, Totholz, Pilze, Insekten, Vögel, Moose, Flechten. Je mehr davon da ist, desto robuster wird der Wald als Ganzes. Ereignisse wie Windwurf oder Borkenkäfer haben dann oft weniger dramatische Auswirkungen, weil das Netzwerk dahinter stabiler ist. Schönemann zeigt auf Bäume und sagt etwas, das man im Wirtschaftswald selten hört: „Im Wildnisgebiet gibt es Bäume, die sind bis zu 1.000 Jahre alt.“ In vielen Forsten ist nach 70, 80 Jahren Schluss – dann wird geerntet.

Dabei beginnen manche Dinge erst richtig, wenn ein Baum alt werden darf: Moose und Flechten etwa, viele Insekten und Pilze. Und auch Vögel brauchen große, alte Bäume. „Wenn ich das sehe, fühlt sich das ganz anders an“, sagt sie. „Wenn man offen dafür ist, gefällt einem das einfach.“ Passend dazu trägt der Weg nicht umsonst seinen Namen: Fünf Eulenarten gibt es in der Gegend, Infostationen entlang des Eulenwegs stellen sie vor.

Moosbewachsener Baumstamm im Wald mit mehreren Pilzleisten und umgestürzten Ästen.

Pilze an Baumstämmen im Wildnisgebiet Dürrenstein.

©KURIER/Jeff Mangione

Dass heute noch unberührte Natur da ist, liegt am Zwist geistlicher Herren, der den Holzhunger bremste: Das Stift Admont und die Kartause Gaming waren sich ob eines Waldgebiets uneinig – und daher passierte dort lange nichts. Der spätere Besitzer, Unternehmer und Bankier Albert Rothschild war ein Naturromantiker und wollte den Wald im 19. Jahrhundert vor Zugriff schützen. Daraus entstand 120 Jahre später das Wildnisgebiet Dürrenstein.

Mehr zur Geschichte erfahren Besucher im Haus der Wildnis in Lunz. In der interaktiven Ausstellung kann man sich an einem drehbaren Screen anschauen, wie so ein Pilzgeflecht in einem Baumstamm überhaupt aussieht, oder nachverfolgen, wie sich die Fischwelt im Lunzer See im Lauf der Jahre verändert hat.

Plankton in der Wirtshausstube

Das Wasser des Sees wird seit 121 Jahren wissenschaftlich untersucht. 1905 gründete der damalige Besitzer von Schloss Seehof, Carl Kupelwieser, die Biologische Station Lunz. Und weil Forschung in Lunz nicht im Labor stecken bleibt, prangt in einer Stube der angrenzenden Schlosstaverne ein bunter Plankton-Fries, eine Reminiszenz an die Gewässerkunde. Heute ist das schmucke Haus mit großer Terrasse vor allem eines: ein beliebtes Wirtshaus – plus eine Handvoll Zimmer zum Übernachten. Die Verpächter sind nach wie vor Besitzer des umliegenden Waldes und des Sees. Naheliegend also, dass Wild auf der Karte steht: mal klassisch als Wildgericht des Tages wie Hirschgulasch, mal als Carpaccio oder als „Hirsch Tokio“, asiatisch inspiriert.

Raffiniert angerichtetes Fleischgericht mit Gemüse und Soße auf weißem Teller, daneben ein Glas Rotwein.

In der Schlosstaverne Lunz kredenzt man gerne Wild – klassisch und mit internationalem Twist. 

©Lightwork Studio/Joschi Schlosstaverne

 „Bei uns gibt’s Hausmannskost, manchmal auch auf internationalem Style“, sagt Wirt Johannes Putz. Heimischer Fisch darf ebenfalls nicht fehlen: als „Lunzer Bouillabaisse“ oder Saibling im Ganzen gebraten. Fixpunkte gibt’s auch: Freitag ist Wiener Backfleisch-Tag, auch in Wien eher eine Seltenheit, Samstag gibt’s Backhendl, Sonntag Bratl – frisch, und solange der Vorrat reicht.

Putz betreibt in der Region so etwas wie ein kleines Imperium, von der Skischule bis zum Almgasthof am Hochkar. Und er schwärmt von der Vielfalt vor der Haustür: „Es gibt kaum Plätze, wo man im Umkreis von 50 Kilometern so viel machen kann. Man ist eine Woche auf Urlaub und muss im nächsten Jahr wieder kommen, damit man alles sehen kann.“ Vielleicht auch deshalb, weil der Lunzer See nur einer von drei Seen der Gemeinde ist. Geht man etwas weiter, erreicht man auch Obersee und Mittersee – deutlich ruhiger und fast versteckt.

Bunte Tretboote liegen an einem Steg vor einem Ufer mit Häusern an einem sonnigen See.

Der Klassiker in Lunz: die Seeterrasse

©Niederösterreich Werbung/Melanie Schillinger

Und es ist nur ein Katzensprung hinüber auf die steirische Seite zur Salza mit ordentlich Canyoning-Potenzial. Im Mendlingtal geht es durch Schluchten und entlang verschlungener Bachläufe; der Themenweg „Auf dem Holzweg“ erzählt von Holzknechten, Köhlern und Schmiedegesellen und davon, wie sehr hier früher alles am Holz hing. Kultur gibt’s gleich dazu: die Kartause Gaming, das ehemalige Kloster, wo die streitenden Ordensmänner lebten und beteten. Der Ötscher liegt auch fast vor der Haustür.

Nirgendwo sonst

Und natürlich das Hochkar: im Winter Niederösterreichs größtes und höchstgelegenes Skigebiet, im Sommer mit Aussicht und 360°-Skywalk alles andere als zu verachten. „Da sieht man ein Landschaftsbild, das man in den westlichen Bundesländern gar nicht hat – weil wir hier einfach alles haben“, sagt Putz. Von oben reicht der Blick an klaren Tagen von den Zweitausendern bis zu Schneeberg und Rax, ins sanftere Hügelland, bis zur Donau und hinüber nach Tschechien.

Eine Person steht auf einer Hängebrücke über einer alpinen Schlucht mit Bergen im Hintergrund.

Der 360°-Skywalk am Hochkar - mit guter Aussicht.

©Niederösterreich Werbung/Melanie Schillinger

Es ist schon besonders hier: „In dem Dreiländereck zwischen Nieder- Oberösterreich und Steiermark wurde nie groß eingegriffen. Es blieb daher auch ursprünglich“, sagt Monika Blumauer vom Biohof Lacken, zu dem es ordentlich bergauf geht. Die Landschaft lässt vielerorts große Eingriffe gar nicht zu. Als ihre Schwiegermutter mit Urlaub am Bauernhof startete, unkten einige: „Den Goaßweg weit weg vom Schuss will niemand fahren.“

Sonnige Berglandschaft mit grünen Hängen, Bäumen und einem Haus am Hang.

Der Biobauernhof Lacken liegt auf 740 m Seehöhe. Neben Urlaub am Bauernhof gibt es hier einen Buschenschank.

©Dominik Stixenberger

Doch es kam anders. Mittlerweile ist ein Hofladen dazugekommen, der Selbstbedienungsladen „hannah“ in Göstling mit Produkten aus der Region. Und ein Buschenschank, der von Mai bis Oktober jedes erste Wochenende geöffnet hat. Fleisch und Eier kommen vom eigenen Betrieb.

„Most ist hier Thema“, sagt sie. Ja, auch im wilden Teil des Mostviertels. Gar nicht klischeehaft und nicht nur zum Trinken, sondern auch als „Mostschober“, als Mostpudding, der an den besoffenen Kapuziner erinnert: „Statt Mehl mit Semmelbrösel und dann in Gewürzmost getränkt." Gekühlt im Sommer ein erfrischendes Dessert.“ Fast wie ein Sprung ins Wasser.

Daniel Voglhuber

Über Daniel Voglhuber

ist Redakteur bei der KURIER Freizeit. Seit Dezember 2020 schreibt er über Reisen, Kultur, Essen und Lifestyle. Kurz: über alles, was schön ist und Spaß macht. 2011 startete er in der KURIER-Chronik als Mitarbeiter für Oberösterreich, später produzierte er lange verschiedene Regionalausgaben.

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